Bombenfund: So soll die Evakuierung laufen

Einsatzleiter spricht von bundesweit größter Räumungsaktion unter Pandemiebedingungen - Extra-Unterkünfte für Personen unter Quarantäne

Nach dem Fund einer Fünf-Zentner-Bombe bei Bauarbeiten an der Wilhelm-Firl-Straße werden am Freitag ab 6 Uhr etwa 15.000 Personen evakuiert, 12.000 von ihnen sind 65 Jahre oder älter. Ein Teil der zu Evakuierenden steht coronabedingt unter Quarantäne. Wie die Evakuierung organisiert wird und was die Anwohner beachten sollten - "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wo befinden sich Ausweichquartiere?

Als Evakuierungs-Unterkünfte eingerichtet sind: Messehalle 1, Richard-Hartmann-Halle (Fabrikstraße 9), Turnhalle "Am Schloßteich" (Schloßstraße 13-15), Sportforum, Leichtathletikhalle (Reichenhainer Straße 154), Gymnasium Einsiedel (Niederwaldstraße 11), Hartmannschule, BSZ für Technik III (Annaberger Straße 186-188). Einsatzleiter René Kraus versichert, dass für alle Evakuierungs-Unterkünfte ein Hygienekonzept erstellt wurde und Personal unter anderem auf das Einhalten der Abstandsregeln achtet. Wegen der Corona-Einschränkungen stehen nur begrenzt Kapazitäten zur Verfügung. Das heißt: Wenn eine der Unterkünfte voll ist, muss auf ein anderes Objekt ausgewichen werden. Die Stadt empfiehlt, Essen und Getränke mitzubringen.

Wie kommen die Bewohner in die Evakuierungs-Unterkünfte?

Wenn sie nicht individuell dorthin gelangen, können sie Busse nutzen, die extra dafür eingesetzt werden. Die CVAG-Shuttle stoppen zwischen 6 und 8 Uhr an folgenden Haltestellen: Paul-Bertz-Straße (auf der Scheffelstraße), Wilhelm-Firl-Straße (auf der Dittersdorfer Straße), Ludwig-Kühn-Straße (auf der Chemnitzer Straße gegenüber Kaufland).

Wie wird mit Personen verfahren, die an Covid-19 erkrankt sind beziehungsweise sich in häuslicher Quarantäne befinden und eigentlich ihre Wohnung nicht verlassen dürfen?

Für sie wird es ein Extra-Ausweichquartier geben. Dort sind sie in unterschiedlichen Gruppen untergebracht, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Das Gesundheitsamt kennt die Betroffenen und informiert sie, sagt Kraus.

Wie viele Pflegeheime sind betroffen und wie läuft deren Evakuierung?

Zwei Pflegeheime müssen evakuiert werden - die K&S-Seniorenresidenz, die direkt gegenüber der Fundstelle liegt, und das Matthias-Claudius-Haus der Stadtmission an der Max-Schäller-Straße. Die Evakuierung erfolgte zum Großteil bereits am Donnerstagnachmittag. Das K&S-Heim, in dem auch an Covid 19 erkrankte Patienten leben, wurde komplett in eine Pflegeeinrichtung nach Neukirchen umgezogen, die neu gebaut, aber noch nicht in Betrieb ist. Die Bewohner der zweiten Einrichtung im Sperrkreis werden aufgeteilt und laut Kraus in anderen Heimen untergebracht.

Wie werden andere pflegebedürftige Personen evakuiert?

Für sie werden ebenfalls Extra-Ausweichstandorte eingerichtet, in denen unter anderem Liegen aufgestellt sind. Sie werden mit Krankenwagen dorthin gebracht. Insgesamt handelt es sich um 500 Personen, die sich in häuslicher Pflege befinden.

Müssen alle Einrichtungen im Sperrkreis schließen?

Ja. Am Freitag bleiben zehn Kindertagesstätten und neun Schulen im Evakuierungsbereich geschlossen, ebenso wie Arztpraxen, Firmen, Geschäfte und auch Dienstleister.

Ist eine Kinderbetreuung gesichert für den Fall, dass Eltern arbeiten müssen und ihr Kind nicht unterbringen?

Nein. Die Eltern müssen sich selbst kümmern und individuelle Lösungen finden, sagt Kraus mit Verweis auf die außergewöhnliche Lage.

Dürfen Haustiere mitgenommen werden?

Nein. Die Einsatzleitung empfiehlt, für Hund, Katze, Vogel ausreichend Futter und Wasser bereitzustellen. In den Ausweichquartieren sind Haustiere verboten.

Wäre es nicht einfacher gewesen, Evakuierung und Entschärfung auf Samstag zu legen?

Ja, sagt der Einsatzleiter. Aber der Bombenentschärfer hat den Zeitraum festgelegt, der zwischen Finden und Entschärfen der Bombe liegen darf, und dieser beträgt gut 24 Stunden. Die Bombe US-amerikanischer Bauart war bei Tiefbauarbeiten für das Verlegen von Telefonkabel gefunden worden. Sie ist bislang noch nicht komplett freigelegt.

Wie groß ist der Sperrkreis genau?

Rund einen Kilometer, aber nicht pauschal. Der Einsatzstab hat in Abstimmung mit Katastrophenschutz und Berufsfeuerwehr den Sperrbezirk straßengenau festgelegt. Damit fallen zum Beispiel zwei Pflegeheime heraus, die sich am Rand des Ein-Kilometer-Kreises befinden und nicht evakuiert werden müssen. Das betrifft das Willy-Brandt-Heim an der Johannes-Dick-Straße und das DRK-Heim an der Fritz-Fritzsche-Straße. Sie werden laut Kraus aber extra gesichert. Die Bewohner, die in der Gebäudeseite in Richtung Fundstelle untergebracht sind, werden in den anderen Gebäudeteil gebracht. Somit sei das Risiko geringer, als wenn auch diese Heime unter Coronabedingungen geräumt werden müssten.

Weshalb wurde Abstand vom pauschalen Ein-Kilometer-Sperrkreis genommen?

Möglich wird das durch Topografie und Gebäudestruktur. Weil in direkter Umgebung der Fundstelle am Parkplatz der Wilhelm-Firl-Straße 11 mehrere hohe Gebäude stehen, ist davon auszugehen, dass diese im Ernstfall eine Druckwelle besser abhalten als wenn sich dort zum Beispiel nur eine flache Bebauung oder Gärten befänden.

Wie wird sichergestellt, dass vor Beginn der Bombenentschärfung wirklich alle Personen ihre Wohnungen verlassen haben?

Neben der Information über Medien und Warn-App, dass am Freitag ab 6 Uhr alle Wohnungen im Sperrkreis geräumt werden müssen, sind 250 Helfer im Einsatz, die an jeder Wohnung klingeln. Sollte es Mieter geben, die sich weigern, sollen sie zunächst mit guten Worten überzeugt werden, sagt der Einsatzleiter. Hilft das nicht, werden sie mit Nachdruck aus der Wohnung geholt. Kraus: "Wir brauchen die Unterstützung der Bevölkerung, die ab 6 Uhr möglichst selbstständig ihre Wohnung verlässt." Sie sollte darauf achten, Fenster und Türen zu schließen, Öfen sowie elektronische Geräte aus- und abzuschalten. Wichtige Dinge, wie Medikamente, dürfen nicht vergessen werden.

Wann können die Bewohner wieder in ihre Wohnungen?

Das lässt sich noch nicht genau sagen. Die Evakuierung soll möglichst 10 Uhr abgeschlossen sein, so dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst mit seiner Arbeit beginnen kann. Läuft dies unkompliziert, könnten die Markersdorfer am Freitagnachmittag wieder zurück, hofft Kraus.

Worin liegt das größte Problem bei diesem Einsatz im Vergleich zum Bombenfund auf dem Kaßberg vor vier Jahren, als 22.000 Leute evakuiert werden mussten?

Laut Einsatzleiter stellt die Pandemie die größte Herausforderung dar, weil es dadurch mehr Ausweichquartiere braucht und die Sicherheitsbestimmungen viel größer sind. Kraus: "Es handelt sich deutschlandweit um die größte Evakuierung unter solch erschwerten Bedingungen."

Aus welchen Bereichen kommen die Einsatzkräfte?

Insgesamt sind mehr als 1000 Helfer im Einsatz - aus allen Bereichen der Stadtverwaltung, der Polizei, vom Katastrophenschutz Chemnitz sowie aus zusätzlichen Katastrophenschutz-Einheiten aus Sachsen. Außerdem stellen Wohlfahrtsverbände, wie DRK und Arbeiter-Samariter-Bund, Helfer. Zudem sind Berufsfeuerwehr und alle 15 freiwilligen Feuerwehren der Stadt im Einsatz. Kliniken und Krankenhäuser sollen außen vor gelassen werden, sowohl räumlich als auch personell.

Was ist, wenn es am Freitag in der Stadt brennt oder andere Einsätze der Feuerwehr nötig sind?

Diese sind laut Kraus abgesichert. Es gibt trotz Evakuierung einen Regeldienst. Mit drei Wachen der Berufswehr und den freiwilligen Wehren sei die Stadt gut aufgestellt. dy

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