Chemnitzer Wirtschaft zeigt Flagge

Unternehmer haben sich zusammengetan, um das in überregionalen Medien entstandene Bild von der Stadt geradezurücken. Auch ein Kulturbündnis hat eine Aktion initiiert. Und eine Bundesministerin legte Blumen nieder.

Auch an diesem Wochenende zeigen Zeitungen und Fernsehsender in ganz Deutschland und dem Ausland wieder Bilder aus Chemnitz. Zu sehen ist, wie Familienministerin Franziska Giffey als erste Vertreterin der Bundesregierung an der Brückenstraße Blumen an der Stelle niederlegt, an der am vergangenen Sonntagmorgen der 35-jährige Daniel H. mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer erstochen wurde. Hinzu kommen sicher auch noch einmal Szenen von den Demonstrationen, bei denen es zu Ausschreitungen kam und es Polizisten mitunter nicht gelang, gewaltbereite Teilnehmer zu bremsen.

Zu diesen Bildern wollen Unternehmer der Stadt einen Kontrapunkt setzen - mit ganzseitigen Anzeigen in der Samstagsausgabe der in München erscheinenden "Süddeutschen Zeitung" sowie in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Chemnitz ist weder grau noch braun", heißt es dort. Auch die "Freie Presse" veröffentlicht in ihrer Printausgabe vom Samstag diese Anzeige.

Die überregional verbreiteten Anzeigen sind das erste Ergebnis einer gemeinsamen Initiative des Industrievereins Sachsen 1828 und des Vereins Kreatives Chemnitz, dem Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft angehören. "Wir wollen uns zuerst nach außen positionieren und haben deswegen seit Donnerstag bei Unternehmen Geld für die Anzeigen gesammelt", erklärt Katrin Hoffmann, Geschäftsführerin des Industrievereins. Anliegen der Aktion sei es zu zeigen, "dass es in Chemnitz viel mehr gibt, als die Bilder transportiert haben". Mehr als 40 Firmen haben innerhalb von nur zwei Tagen finanzielle Unterstützung zugesagt, berichtet Thomas Pfefferkorn, Geschäftsführer der Chemnitzer Werbeagentur Zebra. Dort wurde die Anzeige bei einem spontan organisierten Treffen gestaltet, an dem etwa 30 Vertreter von Unternehmen teilnahmen.

Das eingesammelte Geld - bisher mehr als 50.000 Euro - fließe aber nicht nur in Anzeigen. 20.000 Euro davon sollen als Soforthilfe der Familie des getöteten Daniel H. übergeben werden. Darüber hinaus haben die Initiatoren ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen eröffnet. Die Unternehmen, die sich beteiligen, sind am Fuß der Anzeige aufgeführt. "Es kommen immer neue dazu", sagt Katrin Hoffmann. Ihre Spenden sollen auch für Projekte verwendet werden, mit denen die demokratische Bildung gefördert wird. "Dafür sammeln wir jetzt Vorschläge", so die Geschäftsführerin des Industrievereins.

Mehr finanzielle Unterstützung für Programme zur Demokratiebildung unter anderem an Schulen hat auch die Familienministerin der Stadt zugesagt. Sie sei nach Chemnitz gekommen, um zu zeigen, dass die Bundesregierung die Stadt nicht alleine lasse, sagte sie am Vormittag vor Medienvertretern auf dem Neumarkt. Es sei ihr wichtig gewesen zu signalisieren, "dass wir zusammen dafür stehen, dass Chemnitz und Sachsen mehr ist als brauner Mob".

Nachdem sie am Morgen am Ort des Tötungsverbrechens an der Brückenstraße einen Strauß mit sechs weißen Rosen niedergelegt hatte, traf sie sich im Rathaus mit Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, Vertretern von Verbänden, Vereinen und Gewerkschaften. "Es hilft nichts: Wir müssen das Miteinanderreden stärker organisieren", sagte Giffey anschließend. Es sei wichtig, jenen den Rücken zu stärken, die seit Jahren die politische Bildung voranbringen. Zugleich forderte Giffey, die Leistungen der Menschen in Chemnitz, Sachsen und Ostdeutschland stärker anzuerkennen.

Bei aller Tragik böten die jüngsten Ereignisse auch eine Chance: Chemnitz sei für Deutschland, was die Rütli-Schule für Neukölln gewesen sei, sagte die ehemalige Bürgermeisterin des Berliner Bezirks. Dort ist aus dem einstigen Problemfall eine Vorzeigeschule geworden. Dann müsse es jetzt aber auch zum "Rütli-Schwur" kommen, so Giffey: "Wir handeln, gehen hin, hören zu, wir verurteilen niemanden."

Und noch ein Zeichen ist am Freitag gesetzt worden: Am Hochhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Augustusburger Straße hängt seit dem Nachmittag ein 17 mal 7 Meter großes Banner mit der Aufschrift "Die Würde des Menschen ist antastbar - Artikel 1 (1) Grundgesetz, Stand 27.08.2018". Die Änderung des Originaltextes, in dem es "unantastbar" heißt, sei als Mahnung an die Teilnehmer der für Samstag angemeldeten Kundgebungen gemeint, teilten die Initiatoren vom Chemnitzer Kulturbündnis "Hand in Hand" mit.

In ungewöhnlicher Aufmachung ist am Freitag auch die neue Ausgabe des städtischen Amtsblattes erschienen. Auf der größtenteils leeren ersten Seite stehen lediglich Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu den Ereignissen in Chemnitz.

Berliner Footballer sagen Reise nach Chemnitz ab - BAK-Fußballer überlegen noch

Die ursprünglich für Samstag geplante Musikparade "East Parade" mit DJs und Vertretern der Chemnitzer Klubszene wird möglicherweise Ende des Monats nachgeholt. Mit dem Umzug durch die Innenstadt sollte auf die Vielfalt der Sub- und Klubkultur in der Stadt aufmerksam gemacht werden. Auch die Wohnungsgenossenschaft Einheit hat ein für Samstag geplantes Wohngebietsfest in Markersdorf abgesagt.

Fußball-Regionalligist BAK Berlin hat sich noch nicht entschieden, ob er zum Auswärtsspiel beim Chemnitzer FC in zwei Wochen antritt. BAK-Präsident Mehmet Ali Han hatte diese Woche Sicherheitsbedenken geäußert. Der "Freien Presse" sagte er am Freitag; "Wir haben kein Problem mit dem Chemnitzer FC, aber Angst vor Rechtsradikalen." Man wolle nun die Lage in Chemnitz beobachten und kurz vor dem Spieltermin entscheiden. Der Nordostdeutsche Fußballverband hatte "ein sehr umfangreiches Sicherheitskonzept" für die Begegnung zugesagt.

Die American Footballer der Berlin Kobras haben ihr für Sonntag angesetztes Spiel in Chemnitz wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Die A-Jugend- und die Männermannschaft sollten bei den Chemnitz Crusaders antreten.

Spendenkonto für Familie von Daniel H. eingerichtet

Rund 20 Unternehmen aus Chemnitz haben für die Familie des durch Messerstiche getöteten 35-jährigen Daniel H. Geld gesammelt. Die Organisatoren, der Industrieverein Sachsen und der Branchenverband Kreatives Chemnitz, werden der Familie 20.000 Euro als Soforthilfe überweisen. Um auch anderen die Möglichkeit zum Spenden zu geben, hat der Industrieverein Sachsen 1828 für die Angehörigen von Daniel H. am ein Spendenkonto eingerichtet.

Industrieverein Sachsen IBAN: DE75 8709 6214 0021 2454 45 Kennwort: Angehörige von Daniel H.

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8Kommentare
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  • 2
    0
    Hinterfragt
    03.09.2018

    @Blackadder; "...und was es aussagen will, nicht verstanden...."

    Es will nichts aussagen es SOLL.

    Verstanden habe ich schon, aber eben Sie und Andere nicht den Sarkasmus meines EP's.

    Und wie weiter unten schon steht stimmt das Datum nicht!

  • 2
    1
    Blackadder
    03.09.2018

    @Hinterfragt: Sie haben einfach das Plakat und was es aussagen will, nicht verstanden.

  • 0
    1
    Hinterfragt
    03.09.2018

    An den Rotfinger, die Änderung des GG kann NUR der Bundestag beschließen.
    Art. 79 GG – Grundgesetzänderung

    Aber ich gehe mal von aus, dass Sie (Du) noch nicht im entsprechenden Alter sind (bist) um das zu verstehen ...

  • 0
    4
    Hinterfragt
    02.09.2018

    Nanu, wann hat das der Bundestag beschlossen ...?

  • 1
    0
    Zeitungss
    02.09.2018

    Ich sehe, meine Meinung kommt nicht an, was für mich persönlich keine Bedeutung hat. Wir werden in nächster Zeit genau wieder das Thema Bezahlung haben und man soll es nicht glauben, wer so alles jammern kann.
    Es sollte einmal ein kleiner Seitenhieb sein, nun gut, er kam nicht an.

  • 20
    15
    Sepiadiver
    01.09.2018

    Wurde die Würde des Menschen nicht am 26.08.2018 um 3:15 Uhr angetastet?

    Oder wie wäre es mit dem Spruch: Du sollst nicht töten.

  • 8
    18
    Zeitungss
    01.09.2018

    Die Unternehmer könnten sich auch zusammentun um gerechte Löhne zu zahlen, das Transparent könnten sie dafür ebenfalls nutzen. In diesem Fall ist eher die Gegenrichtung angesagt.

  • 6
    12
    dirkwittleder
    01.09.2018

    Man sollte sich Bilder anschauen, bevor man Sie frei gibt!



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