Das Ende der DDR deutete sich in den nackten Zahlen an

Stephan Reber erfuhr am 9. November 1989 auf einer Tagung, dass die DDR 58 Milliarden Mark für Subventionen ausgab. Das beschäftigte ihn vor rund 30 Jahren zunächst mehr als der Mauerfall.

Stollberg.

Eine turnusmäßige Betriebsleitertagung stand am 9. November 1989 für Stephan Reber, den Betriebsleiter der Druckwerkstätten Stollberg, auf dem Programm. Mit seinem Dienstwagen, einem Wartburg, ist er nach Grünheide, Ortsteil Altbuchhorst, gefahren, denn die etwa 20 Betriebsleiter trafen sich in diesem am Peetzsee gelegenen Ort nahe Berlin. Kurz nach Mittag begann die planmäßige Sitzung, bei der üblicherweise künftige Strategien abgestimmt und vertrauliche Informationen zur wirtschaftlichen Situation bekanntgegeben wurden.

Zwei Betrieben war die Lieferung von Druckmaschinen gestrichen worden. Die ohnehin regelmäßig diskutierten Materialprobleme hatten sich nochmals verschärft. Vor allem aber wurde bekanntgegeben, dass die DDR die Zinsen für ihre laufenden Kredite nur durch weitere Exporte leisten kann. "Es war eine Offenheit, wie ich sie vorher nie erlebt habe." Wirklich schockierend war für den gelernten Schriftsetzer und studierten Ökonomen jedoch eine vorher nie genannte Zahl: 58 Milliarden Mark waren in der DDR für Subventionen ausgegeben worden. Doch damit nicht genug. Die auf Pump beruhenden Errungenschaften sollten nicht gefährdet werden: "Der Vorschlag der Staatlichen Plankommission, keine neuen Kredite aufzunehmen, sondern den Lebensstandard zu senken, wurde abgelehnt, weil es nicht den Beschlüssen der Partei entsprach." Es war die Rede davon, dass die DDR auf eine Staatspleite zugeht. Dieses Szenario beschäftigte Reber, als 22 Uhr im Fernsehen die Rede Günter Schabowskis gezeigt wurde. "Wir waren erst einmal ganz still. Dann hat jeder telefoniert."

Der Generaldirektor brach daraufhin die Tagung ab und schickte die Betriebsleiter nach Hause. Während viele andere noch am Abend aufgebrochen sind, fuhr Reber erst am folgenden Morgen zurück. "Bei mir machte sich keine Euphorie breit. Ich bekam das Problem mit den 58 Milliarden nicht aus dem Kopf." Und so hat Reber auf dem Rückweg eine Rast, abseits auf einer Waldbank, eingelegt. "Ich musste an meinen Vater denken, der 1986 im Alter von 89 Jahren gestorben war. Er hat immer von Lindau geschwärmt und gesagt: Wenn es bei euch so weit ist, müsst ihr zuerst an den Bodensee fahren." Für Reber brachte die Wende jedoch berufliche Turbulenzen.

Anfang 1990 wurde er von der CDU-Ortsgruppe gebeten, für die Volkskammer zu kandidieren. Ein Listenplatz im Mittelfeld, er hatte sich nichts ausgerechnet. "Doch nach den Wahlergebnissen war ich plötzlich in der Volkskammer." Seine Vorstellung, beides zu machen, Betrieb und Volkskammer, erwies sich als unmöglich. Reber entschied sich für die Volkskammer. "Meine Kollegen waren nicht begeistert." Andererseits war eine Last von ihm genommen: "Ich wusste, dass ich den Betrieb nicht mit 85 Kollegen weiterführen kann. Ich war da auch feige. Die Auseinandersetzung um Entlassungen wollte ich vermeiden." Seine Entscheidung für die Politik hat er nicht bereut, auch wenn es letztlich ein Intermezzo blieb. Bis 1999 war Reber im Sächsischen Landtag. "Auf Dauer wäre das nichts für mich gewesen, aber damals war Politik anders. Zu meinen Sprechstunden haben die Leute Schlange gestanden."

Reber ging zur Sächsischen Aufbaubank (SAB). Dort musste er mitentscheiden, ob Betriebe saniert oder abgewickelt wurden. Aus privaten Gründen hat Reber 2003 die SAB verlassen und bis zur Pensionierung 2014 als freiberuflicher Unternehmensberater gearbeitet. Aus der CDU ist er 2010 ausgetreten, weil ihm vieles zu oberflächlich erschien. Doch Ministerpräsident Michael Kretschmer gefällt ihm: "Im Moment überlege ich, wieder einzutreten."

3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Freigeist14
    16.10.2019

    Diese Subventionen waren wie eine zweite Lohntüte für die Bevölkerung . Leider versperrte sich Honecker bis zuletzt vehement ,die Subventionspolitik zu ändern .

  • 1
    4
    Interessierte
    16.10.2019

    Hier war da mal ein schöner Beitrag
    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Wie-kaputt-war-die-DDR-Wirtschaft-article21309549.html?utm_source=pocket-newtab

  • 6
    6
    Interessierte
    16.10.2019

    Die Zahlen sind aber heute auch nicht besser , da wird sich wohl auch bald ein Ende ankündigen - nur eben - wohin nur ....
    Hier kann es bergab laufen bis zum geht nicht mehr , weil es kein - dahin gibt ....



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