Das ungeplante Fest zum Tag der Deutschen Einheit in Chemnitz

Ein Kinderprogramm, Musik für das reifere Publikum: Chemnitz versucht den Alltagsmodus. Das gelingt noch nicht ganz. Wie die Stadt jetzt von der überregionalen Aufmerksamkeit profitieren soll.

Der langfristige Veranstaltungskalender hatte am Tag der Deutschen Einheit eigentlich kein Fest für die Chemnitzer vorgesehen. Aber irgendwie ist in diesen Tagen alles anders in der Stadt, werden alle Möglichkeiten genutzt, das andere Chemnitz zu zeigen. Deshalb entschloss sich die Wirtschaftsförderungsgesellschaft CWE vor zwei Wochen, ein Fest für Toleranz und Demokratie im Stadthallenpark auf die Beine zu stellen. Im Herzen der Stadt - wenige Meter von der Stelle entfernt, wo Ende August ein 35-jähriger Mann getötet wurde, und in Blicknähe des Ortes, wo im Anschluss Kundgebungen mit teils rechtsextremistischer Beteiligung ihren Anfang nahmen.

Im Alltagsmodus zurück ist Chemnitz noch lange nicht: Beim Toleranzfest zeigten etwa 200 Polizisten Präsenz, am Rand des Parks, aber gut sichtbar. Zusätzlich hatte die CWE 25Kräfte eines Sicherheitsdienstes geordert. Diese Stärke war wohl von Anbeginn geplant. Das Aufdecken der Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" Anfang dieser Woche hatte keine Auswirkungen auf die Festvorbereitung, sagte CWE-Chef Sören Uhle, "auch wenn einen das nicht kalt lässt".

Das Miteinander der Chemnitzer zu zeigen, war auch Anliegen von Lutz Bothe, der mit Familie aus Reichenhain in die Innenstadt gekommen war. Es sei inzwischen eine schöne Tradition, den Stadthallenpark zu belegen und zu beleben, sagte Bothe, während auf der Bühne die Geschichte vom Traumzauberbaum erzählt wurde. Das Märchenspiel verfolgte auch Catherine Werner mit ihrer Familie. Die 39-Jährige war vor einem Jahr von Berlin nach Chemnitz gezogen. In den Stadthallenpark ist sie zum einen wegen des Bühnenprogramms gekommen. Aber auch, "weil Chemnitz jetzt solche Veranstaltungen gebrauchen kann, die positive Schlagzeilen machen". Und für sie ist nicht zuletzt der Tag der Deutschen Einheit immer ein Grund zum Feiern: "Wir sind ein Ost-West-Paar. Ohne Wiedervereinigung gäbe es unsere Familie nicht." Sie stammt aus Westberlin, ihr Mann aus Cottbus. Ebenfalls auf dem Festgelände auszumachen war eine Delegation aus Timbuktu (Mali), gekleidet in farbenfrohen Gewändern und begleitet von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. In diesen Tagen wird das 50-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft gefeiert.

Während am Nachmittag mehrere Hundert, vor allem jüngere, Besucher in den Stadthallenpark gekommen waren, gesellte sich am frühen Abend das etwas reifere Publikum hinzu. Die Münchener Freiheit hatte sich angesagt. Die Musik der Band dürfte zur Jugendzeit vieler Gäste gehört haben - die Gruppe gründete sich auf den Tag genau vor 38Jahren. Das Konzert der bayrischen Band ("Tausendmal du", "Ohne dich") verfolgten annähernd 2000Gäste.

Während des Festes hatten sich gut 20 Kultur- und Stadtteilvereine präsentiert. Dies sei ein Startschuss für weitere, größere Projekte, die die CWE mit den Vereinen initiieren will, kündigte Uhle an. Um deren Budget aufzustocken, soll der Moment der Aufmerksamkeit genutzt werden, den Chemnitz derzeit erfährt. Im November will Uhle einen Stiftertag veranstalten. Die Einladungen an Stiftungen, die bundesweit aktiv sind und möglicherweise Toleranz- und Demokratieprojekte in der Stadt unterstützen, werden in den nächsten Tagen verschickt.

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