Der Flüchtlingshelfer aus Taura

Ein 69-Jähriger gibt Deutschunterricht, hilft bei Behördengängen, lernt andere Kulturen kennen. Seine Hilfe begann mit einer ungewöhnlichen Idee.

Taura.

Es begann alles nach einem Silvesterkonzert 2015 in Ringethal. "Draußen war es kalt und ungemütlich", erinnert sich Ulrich Meier. Auf der Rückfahrt nach Taura sagte der 69-Jährige zu seiner Frau, dass er noch einen Abstecher über Königshain-Wiederau machen wolle.

Im Hinterkopf hatte der Senior, dass etwa 60 Asylbewerber seit wenigen Tagen dort wohnen, "fern von der Heimat, in einem trostlosen Umfeld". Er wollte einige von ihnen einladen, bei ihm daheim Silvester zu feiern. Doch die Helfer rieten ihm dort ab: Das sät nur Neid und Missgunst, hieß es. Denn im Zeltlager fand er keine Flüchtlingsfamilien vor, sondern Männer zwischen 17 und 52 Jahren, die aus Syrien, Afghanistan, Irak, Pakistan, Iran und dem Libanon gekommen waren. Aber seine Bereitschaft zu helfen, nahm Markus Klitzsch, Gründer der Initiative, gern an. Und so war Ulrich Meier am 2. Januar wieder im Zeltlager.

Zusammen mit 20 bis 25 Freiwilligen unterrichtete Meier die Neuankömmlinge in Deutsch. Über die Monate habe er die Jungs ins Herz geschlossen, sagt der Tauraer. Von Ousama habe er erfahren, wie er und sein Bruder aus dem umkämpften Mossul flohen. Doch nur er sei angekommen. Jetzt fürchte er, dass seine Eltern und der Bruder vom Islamischen Staat umgebracht werden. Die Schicksale rührten ihn. Neben dem Deutschunterricht jeweils Montag- und Mittwochnachmittag bot der Senior seine Hilfe bei Behördengängen oder Arztbesuchen an.

Zur gleichen Zeit formierte sich in Wiederau eine Gegenbewegung, die Facebook-Gruppe "Königshain-Wiederau sagt Nein zum Flüchtlingslager". Bürgermeister Johannes Voigt und Markus Klitzsch wurden bedroht. Auch Ulrich Meier spürte Gegenwind. "Ich wurde belächelt", sagt Meier. Aber er hörte auch ermutigende Worte, wie im Burgstädter Männerchor, dem er angehört: "Mach weiter so", hieß es. Aber er habe gelernt, sich nicht provozieren zu lassen. "Integration läuft nicht von allein, dazu sind viele 1000 kleine Schritte notwendig", fügt er hinzu. So habe ein Helfer zum Beispiel fünf junge Männer geschnappt und Hilfe beim Aufbau einer Geflügelausstellung in Stein angeboten. Die Organisatoren hätten zuerst ungläubig geschaut, dann aber die Hilfe dankbar angenommen.

Bei einem Tag der offenen Tür konnten die Einwohner die Fremden und ihre Kulturen kennenlernen. "Wir haben gemeinsam gekocht, sind gewandert, haben Fußball gespielt, gelacht", sagt Meier. Andererseits habe er beispielsweise erklärt, dass man den Abfall nicht einfach neben die Bushaltestelle wirft. Denn Einwohner hatten sich beschwert. "Das war ein Lernprozess auf beiden Seiten", sagt Meier.

Der gelernte Maschinenbauingenieur hatte schon zu DDR-Zeiten Freunde in Rumänien, Litauen und Polen. Und nach der Wende reiste Ulrich Meier mit seiner Frau in rumänische Kinderhäuser, um Waisenkindern zu helfen. Seitdem schicken Meiers zu Weihnachten Päckchen an Notleidende. "Wir bekommen aber auch viel zurück", ergänzt seine Frau. Langjährige Freundschaften, gemeinsame Musizierstunden, interessante Gespräche und damit auch ein größeres Verständnis für die Weltprobleme, ergänzt Ulrich Meier.

Trotz des Gegenwindes wuchs die Anzahl der Flüchtlingsunterstützer in Königshain-Wiederau auf 150 an. Als im Februar die Nachricht kam, dass das Zeltlager geräumt werden solle, weil die Heizkosten dafür zu hoch seien, engagierten sich die Helfer für den Verbleib der Asylbewerber. Die Männer hätten inzwischen zum Dorf gehört, hieß es. Die Flüchtlinge blieben, später erhielten sie Wohnungen in der Umgebung.

Doch die Hilfe hörte nicht auf. Jetzt sei es wichtig, Arbeit zu finden, Rechtsbeistand zu geben, so Meier. Trotz unterschiedlicher Wohnorte gibt es die regelmäßigen Treffs, den Tag der Begegnungen. Und jetzt die Nominierung für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie. Ulrich Meier ist einer von zehn Helfern, der am 8. November nach Dresden fährt. 76 Initiativen waren vorgeschlagen worden, sechs wurden nominiert. "Egal, ob wir den Preis bekommen oder nicht", sagt Meier. Die Hilfe gehe weiter. Und die Silvester-Einladung hat der Tauraer nachgeholt. Im Sommer gab es eine Grillparty.

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