Der Mann mit Glocke: Anekdoten aus vier Jahrzehnten Urania

Heute startet die Seniorenakademie in ihre 40. Saison. In dieser Zeit sind einige Kuriositäten passiert. Der Geschäftsführer des Trägervereins erinnert sich an vier besondere Erlebnisse.

Die Anekdote mit der Glocke: Ehrenamtlicher Geschäftsführer der Urania in Chemnitz ist Hans-Günter Zimmermann. Der 82-Jährige ist in der Stadt auch unter dem Namen "Mann mit der Glocke" bekannt. Zimmermann erklärt, wie es dazu kam: Jeden Vortrag der Seniorenakademie beginne er mit einem Glockenläuten - wie bei einer Schulstunde. "Wenn 200 Leute in einem Raum sitzen und miteinander reden, braucht man ein Startsignal", berichtet er. Die erste Glocke besaß er seit seiner Kindheit, sie war eher klein und ein wenig unscheinbar. Als Zimmermann in den 1990er-Jahren einem Unternehmer einen Gefallen tat, bedankte der sich mit einem Geschenk: Pralinen und eine neue Glocke. Die ist deutlich massiver als ihre Vorgängerin - und begleitet den Urania-Chef nun schon seit zwei Jahrzehnten.

Die Anekdote mit dem spontanen Redner: Einer der gefeiertsten Vorträge der Seniorenakademie entstand aus einer Notsituation, wie sich Zimmermann erinnert. Zwei Tage vor dem Termin hatte er mit dem Referenten telefoniert, um Details wie etwa die Technik abzuklären. Am Veranstaltungstag erschien der aber nicht. Zimmermanns Ehefrau, die sich immer um den Einlass kümmert, sprach 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn den Chemnitzer Straßenbahn-Experten Heiner Matthes am Eingang an. "Sie müssen meinem Mann helfen", bat sie ihn. Der reagierte unsicher: "Worüber soll ich denn reden?" Für den Urania-Geschäftsführer, der zum Gespräch dazukam, war die Antwort klar: Zum damaligen Zeitpunkt wurde gerade die Straßenbahnlinie auf der Stollberger Straße gebaut. Matthes solle doch darüber sprechen. Vor 250 Zuhörern hielt Matthes einen eineinhalbstündigen Vortrag über das Verkehrswesen in der Stadt - "ohne Punkt und Komma und ohne Füllwörter", erinnert sich Zimmermann. Das Publikum feierte den Redner mit Applaus. Der ursprünglich eingeplante Referent hatte sich übrigens im Datum geirrt. Er meinte, der Vortrag sei für eine andere Woche vereinbart gewesen.


Die Anekdote mit den Mormonen: Schon oft hatte Zimmermann gedacht, dass ein Vortrag über die Religionsgemeinschaft der Mormonen ein interessantes Thema für die Seniorenakademie wäre. Allerdings fehlte ihm dafür eine Kontaktperson. An einem Wintertag - Zimmermann kam gerade aus der Sauna - sprachen ihn in der Straßenbahn zwei Mormoninnen an. "Sie sehen aus wie das blühende Leben", stellten sie fest. Sofort kam der Urania-Chef mit den Frauen ins Gespräch. Kurz darauf stiegen sie aus - und Zimmermann ärgerte sich. "Das wäre doch die Chance gewesen", so Zimmermann, der die Religionszugehörigkeit der Frauen an deren eleganter und dunkler Kleidung erkannt hatte. Er wusste allerdings, dass sich Mormonen täglich am Rathaus trafen und ging hin. Als er dort ankam, erkannten ihn die beiden Frauen, und sie vermittelten ihm den Kontakt. Wenig später fand der Vortrag über Sitten und Bräuche der Mormonen bei der Urania statt.

Die Anekdote mit dem Sozialamt: Eine Anekdote ist eigentlich eine lustige Geschichte. Folgendes fand Zimmermann zunächst aber gar nicht witzig: In den 1990er-Jahren wollte das Sozialamt dem Verein die Zuschüsse streichen. Der Vereins-Chef kontaktierte daraufhin den damaligen Oberbürgermeister Peter Seifert. Beide waren sich einig: Wenn etwas wie die Seniorenakademie stirbt, bekommt man es nie wieder zum Leben erweckt. Schließlich fragte Seifert, ob das Geld für die Urania vom Sozialamt kommen müsse. Zimmermann erwiderte: "Wenn Sie sich mit Ihrer Frau einig werden, können sie es mir auch aus ihrer Haushaltskasse geben." Seifert fand eine andere Lösung: Weil er damals bei der Sparkasse den Verwaltungsrat leitete, zahlte ihm das Kreditinstitut die dringend benötigte Summe, die dem Verein das Überleben sicherte. Ein Jahr später übernahm das Sozialamt wieder die Zahlung des Zuschusses. Und Zimmermann fand sich in der Erkenntnis bestätigt, wie wichtig es ist, gute Beziehungen zu haben.


Wissensvermittlung seit fast 130 Jahren

Die Urania entstand im 19. Jahrhundert in Berlin. Die Gesellschaft wurde 1888 von zwei Astronomen ins Leben gerufen, um wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auch in der DDR gab es die Urania - flächendeckend in jedem Kreis. Die erste Vorlesung der Urania speziell für Ruheständler soll an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt am 20. September 1978 stattgefunden haben. Zur Premiere kamen mehrere hundert Besucher, daher wurde die Veranstaltungsreihe in der Folge auf neun Vorträge pro Jahr ausgeweitet.

Seit der Wiedervereinigung ist die Urania in Chemnitz ein selbstständiger Verein, der sich nur noch der Seniorenakademie widmet. Diese startet heute mit dem Vortrag "Das Kobaltblau der Ägypter" von Dominique Görlitz in ihr 40. Jahr. Der Eintritt kostet 2,50 Euro, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Vorträge des Vereins finden heute in den Räumen des Kulturzentrums Kraftwerk an der Kaßbergstraße statt. (mcl)

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