Der Tag, an dem die Fahrradfahrer Vorfahrt hatten

Mit Musik, einer Rundfahrt durch die Stadt und etwas Krach haben Radfahrer für bessere Bedingungen demonstriert. Sie durften sogar, was sonst nicht geht.

Genervte Autofahrer. Sie schütteln mit dem Kopf, gucken grimmig und sagen etwas zu ihren Beifahrerinnen. Was sie sagen, hört man nicht. Aber die Kolonne an Fahrradfahrern, die da vorbeirollt, während sie warten müssen, beschallt von lauter Musik und geschmückt mit Regenbogenfahnen, ist ihnen definitiv suspekt. Vielleicht auch, weil ihre Ampel Grün zeigt, sie aber nicht fahren dürfen. Stattdessen haben die Zweiradfahrer Vorfahrt und dürfen bei Rot über die Kreuzung. Und die Polizei schaut zu!

Aber es gibt auch die anderen Autofahrer. Sie haben das Fenster runtergelassen, lächeln, nicken mit dem Kopf zur Musik und man sieht ihnen an, dass sie auch gern an der frischen Luft mitrollen würden. Diese Bilder boten sich beim ersten Fahrradkonzert am Mittwochnachmittag. "BUM - Kultur in Fahrt" lautete der Untertitel. "BUM" war auch auf den Plakaten zu lesen, mit denen für die Veranstaltung geworben wurde. Wofür die Abkürzung steht, verriet Organisatorin Hannah Zacher: für Bike und Musik. Sie kam auf die Idee, gemeinsames Fahrradfahren mit Konzerten zu verbinden. So startete die Tour am Vereinsheim der Gartensparte "Vereinte Kraft" in Gablenz mit einem Konzert der Schülerin Jasmin Färber und der Band "Solche". Nach dem Konzert ging es gemeinsam mit dem Fahrrad über Carl-von-Ossietzky-Straße, Lutherstraße, Bernsdorfer Straße und Zschopauer Straße durch die Innenstadt auf den Brühl. Auf Lastenrädern wurden Boxen transportiert, ein DJ saß in einer Rikscha und jeder betätigte seine Klingel, so oft es ging. "Man bekommt in Chemnitz leicht den Eindruck, dass das Fahrrad immer hinten an steht", sagte Zacher. Chemnitz bezeichne sich zu unrecht als Autostadt. Sie kenne viele andere Fahrradfahrer, gemeinsam seien sie der Meinung, dass man in Chemnitz gut radeln könne, es fehle aber an Radwegen, so die 26-Jährige.


Rund 80 Fahrradfahrer waren unterwegs zum Brühl. Dort, vor dem Café Inspire, lauschten rund 100 Gäste dem Konzert der Chemnitzer Band "Stellar Cellar". Dazu gehörte Claudia Drebenstedt. "Wir wollen zeigen, dass wir viele sind", sagte die 32-Jährige. Sie wünsche sich vor allem mehr Rücksicht im Chemnitzer Straßenverkehr. Überzeugte Fahrradfahrerin ist auch Songül Algin. Die 35-Jährige erledige alles mit dem Rad, auch Einkaufen. Sie erlebe oft Freunde, die für eine fünfminütige Fahrt ins Auto steigen, was sie nicht verstehen könne. "Ich wünsche mir, dass mehr Leute Rad fahren, denn wir brauchen frische Luft und eine saubere Umwelt", sagte sie. Radfahren sei ein Beitrag zum Klimaschutz, den jeder leisten könne. Täglich mit dem Rad unterwegs ist auch Constantin Storm. "Radwege fehlen, aber sonst kommt man klar", sagte der 18-Jährige. Gern öfter mit dem Fahrrad unterwegs wäre eine Dame, die ihren Namen nicht nennen wollte. Sie wohne in Einsiedel, das leider kaum mit dem Rad zu erreichen sei.

Nach der Station am Brühl setzte sich der Tross wieder in Bewegung. Über eine Runde um den Schloßteich ging's ins Weltecho, wo der Singer-Songwriter Jante das dritte Konzert gab. Fahrrad-Demos gibt es übrigens auch andernorts. In Berlin zum Beispiel werden am Sonntag wieder Zehntausende zur Sternfahrt aufbrechen, für die sogar Teile der Stadtautobahn gesperrt werden.

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