Deshalb ist Gießen in Chemnitz so teuer

Viele Gartenbesitzer nutzen zurzeit zur Pflanzenbewässerung Leitungswasser. Dafür müssen sie anderswo weniger bezahlen.

Wer als Kleingärtner seine Beete, Rabatten und Rasenflächen in den vergangenen Wochen nicht regelmäßig bewässert hat, dem sind mit Sicherheit Pflanzen vertrocknet. Doch in den meisten Regentonnen herrscht längst Ebbe, viele Brunnen sind nach wochenlanger Trockenheit versiegt, die Entnahme von Wasser aus Flüssen und Bächen ist inzwischen nicht nur in Chemnitz verboten. Den meisten bleibt daher nichts anderes übrig, als zum Gießen Wasser aus der Trinkwasserleitung zu nutzen.

Doch das kann auf der nächsten Betriebskostenabrechnung zu einer bösen Überraschung führen. Denn für das verbrauchte Nass muss nicht nur der Preis für Trinkwasser bezahlt werden - in Chemnitz derzeit reichlich zwei Euro je Kubikmeter. Hinzu kommen noch das sogenannte Entsorgungs- sowie Anlagennutzungsentgelt für Schmutzwasser von zusammen etwa drei Euro je Kubikmeter - obwohl beim Gießen gar kein Wasser über das Kanalnetz in die Kläranlage abfließt, sondern im Garten versickert.

Immerhin gibt es auch in Chemnitz zumindest für Grundstücksbesitzer eine Möglichkeit, von der Abwassergebühr für Gießwasser befreit zu werden. Ein entsprechender Antrag kann laut den Allgemeinen Bedingungen für die Entsorgung von Abwasser in der Stadt (AEB Abwasser) für die Wassermenge gestellt werden, die nachweislich nicht in die öffentliche Kanalisation eingeleitet wurde. Als Voraussetzung dafür müssen die Eigentümer auf eigene Kosten einen geeichten zusätzlichen Wasserzähler nur für das Gießwasser einbauen lassen und dies unverzüglich dem Versorger Eins mitteilen.

Doch selbst dann ist in den Entsorgungsbedingungen noch eine weitere Hürde eingebaut, die die Gebührenbefreiung für viele erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht: Denn davon profitieren können in Chemnitz nur Grundstücksbesitzer, die mehr als zwölf Kubikmeter Wasser im Jahr zum Gießen verwenden. Das heißt: Für die ersten zwölf Kubikmeter nachgewiesenes Gießwasser müssen immer Abwassergebühren bezahlt werden. Zum Vergleich: Der Durchschnittsverbrauch an Trinkwasser aller Sachsen beläuft sich laut Statistischem Landesamt auf rund 33Kubikmeter pro Person und Jahr.

Kenny Seifert, der seinen Garten in Rabenstein ebenfalls mit Leitungswasser bewässert, findet, dass Chemnitzer damit gegenüber anderen Bürgern im Freistaat benachteiligt sind. "In anderen Landkreisen, wie zum Beispiel im Landkreis Zwickau, wird das Gießwasser ab dem ersten Kubikmeter ohne Abwassergebühr berechnet", vergleicht er. Das mache aus seiner Sicht auch Sinn, weil damit mehr Verbraucher von der Möglichkeit profitieren würden. Wenn Trinkwasser nicht durch den Abwasserpreis verteuert wäre, würde sich auch das derzeit verbotene Schöpfen von Wasser aus Flüssen und Bächen und vielleicht sogar der Trinkwasserbedarf zum Spülen der Leitungen verringern, dessen Notwendigkeit der Versorger Eins mit dem geringen Wasserverbrauch der Chemnitzer begründet.

Recherchen der "Freien Presse" haben ergeben, dass Kenny Seifert recht hat. Kunden der Wasserwerke Zwickau brauchen für Gießwasser vom ersten Kubikmeter an keine Abwasserentgelte zu bezahlen, bestätigt Pressesprecherin Heike Thieroff. Mehr als 1700 Kunden des Unternehmens, dessen Versorgungsgebiet vom Crimmitschauer bis zum Kirchberger Raum reicht, hätten sich bislang einen sogenannten Gartenwasser-Abzugszähler installieren lassen.

Auch beim Abwasserzweckverband Chemnitz/Zwickauer Mulde, der für Burgstädt, Hartmannsdorf, Claußnitz und Taura zuständig ist, sieht die Satzung keinen Mindestwasserbrauch vor. Allerdings seien technische Anforderungen für den Gebührenerlass bei Gießwasser recht hoch, erklärt Geschäftsführer Frank Kaiser. Daher habe das bisher noch keinem Kunden gewährt werden können.

Kunden des Zweckverbandes ZWA Hainichen müssen nach Angaben des technischen Geschäftsführers Dirk Kunze Gießwasser auf Antrag nicht bezahlen, wenn sie mehr als die jährliche Durchschnittsmenge von 32 Kubikmetern pro Person verbraucht haben - egal, ob zum Gießen, Baden oder Kaffeekochen. In Leipzig, wo für die Abwassergebühren-Befreiung ebenfalls keine Mindest-Verbrauchsmenge überschritten sein muss, haben sich rund 4000 Kunden der Wasserwerke einen Gießwasserzähler einbauen lassen, teilt Pressesprecherin Katja Gläß auf Anfrage mit.

Für den Einbau solcher zusätzlichen Wasserzähler, die zudem wie jeder andere Wasserzähler alle sechs Jahre ausgetauscht werden müssen, fallen allerdings Installationskosten und oft noch Verwaltungsgebühren des Versorgers an. Kunden des Abwasserzweckverbandes Zschopau/ Gornau werden darüber auf der Internetseite des Unternehmens transparent informiert: "Es lohnt sich also nur dann, einen Gartenwasserzähler einbauen zu lassen, wenn Sie mehr als sieben Kubikmeter (7000 Liter) im Jahr für Ihre Gartenbewässerung benötigen", heißt es dort.

Auch bei der Stadtentwässerung Dresden gibt es statt einer Untergrenze Empfehlungen: "Ein Zählereinbau lohnt sich also ab zirka 6 Kubikmeter Gießwasser pro Jahr!", erfahren Interessenten auf einem Hinweisblatt. Bei frostsicherer Installation im Außenbereich mit geschätzten Einbaukosten von mindestens 150 Euro und Jahreskosten von 25Euro rentiere sich der sogenannte Absetzzähler sogar erst ab einem Verbrauch von etwa 15 Kubikmetern pro Jahr.

In der Abwassergebührensatzung des Zweckverbandes Frohnbach, der das Abwasser in Limbach-Oberfrohna und Niederfrohna entsorgt, ist von vornherein eine sogenannte Bagatellgrenze von zehn Kubikmetern pro Jahr festgelegt.

Der städtische Entsorgungsbetrieb Chemnitz (ESC) begründet die per Stadtratsbeschluss festgelegte Untergrenze von zwölf Kubikmetern mit dem Ziel der Wirtschaftlichkeit bei der öffentlichen Abwasserbeseitigung. Denn der ESC sei verpflichtet, unabhängig von der individuellen Trinkwassernutzung durch die Kunden ganzjährig und wetterunabhängig das zentrale Kanalnetz vorzuhalten und zu betreiben, erklärt eine Sprecherin.

Nach Angaben des Versorgers Eins haben bisher rund 350 Chemnitzer Grundstücksbesitzer den Einbau von Gießwasserzählern angemeldet. Bei etwa 220 dieser Grundstücke werde das von der Schmutzwasserrechnung abgezogene Trinkwasser ausschließlich zum Gießen verwendet, bei den anderen auch zum Füllen von Schwimmbecken oder Tränken von Tieren.

Für das von Kenny Seifert aus Rabenstein angesprochene regelmäßige Spülen von Leitungen werden laut Eins weniger als 0,2 Prozent der jährlich produzierten Trinkwassermenge verwendet. Dieses Wasser zum Gießen von Pflanzen zu nutzen, sei logistisch nicht möglich.

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