Die Angst vor der Tiefe des Grabens

Die Mitte der Stadtgesellschaft sucht einen Weg aus der Krise. Ein großes Konzert mit Zehntausenden Besuchern soll am Montagabend das Bild eines anderen Chemnitz in die Welt tragen. Karl Marx und der CFC sind schon mal vornweg.

Es ist das Kontrasprogramm zu lautstarkem Protest mit Rockmusik auf der Bühne: Schätzungsweise 1000 bis 1500 Menschen haben sich am Sonntagnachmittag zu einer Kundgebung der eher leisen Töne auf dem Neumarkt versammelt. Nicht um gegen, sondern um für etwas zu demonstrieren, wie es Pfarrer Stephan Brenner von der evangelischen Kirche, einer der Organisatoren, eingangs formulierte. Für Werte, für Recht, Respekt, Dialog, für Gewaltlosigkeit und - Barmherzigkeit.

Das Publikum ist ein merklich anderes als am Vortag bei der Kundgebung "Herz statt Hetze" an der Johanniskirche. Es gibt weniger Transpatente und augenscheinlich keine größeren Teilnehmergruppen von außerhalb. Der Altersschnitt spiegelt eher die tatsächlichen Chemnitzer Verhältnisse wider.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) freut sich über diesen, anderen Geist der Kundgebung. Er glaubt, er komme dem am nächsten, was die Angehörigen von Daniel H., des eine Woche zuvor bei einer nächtlichen Auseinandersetzung an der Brückenstraße erstochenen jungen Mannes, sich als angemessen vorstellen können. Einen Kondolenzbesuch von ihm und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hätten sie abgelehnt, berichtet Kretschmer in einer kurzen Ansprache. Aus Sorge offenbar, auch ein solcher Besuch könne als eine Instrumentalisierung betrachtet werden, die nicht im Sinne ihres verstorbenen Angehörigen sei. Den Chemnitzern sichert der Ministerpräsident erneut die Unterstützung der Staatsregierung zu, um den Ruf der Stadt wiederherzustellen.

Darauf baut auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Doch ihr geht es nicht allein um das Bild der Stadt nach außen. "Ich hatte in der vergangenen Woche das Gefühl, dass sich ein Graben auftut, von dem ich nicht weiß, was alles darin zu verschwinden droht von dem, was wir uns über viele Jahre hinweg in Chemnitz aufgebaut haben", sagt sie. Doch Chemnitz habe schon viele schwierige Situationen überwunden in seiner Geschichte, erinnert das Stadtoberhaupt. Um die Gräben zu überwinden, wolle sie ausdrücklich auch jenen die Hand reichen, die sich aus Trauer, Sorge oder Verzweiflung am vergangenen Montag an der Demonstration von Pro Chemnitz beteiligt hätten und erschrocken gewesen seien, dass dort rechtsextreme Parolen gerufen und der Hitlergruß gezeigt wurden. "Wenn einem das einmal passiert, ist es nicht schlimm", so Ludwig. "Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass es wieder andere Geschichten über Chemnitz zu berichten gibt."

Auch dafür erhält Ludwig viel Applaus, gleichwohl die Teilnehmer durchaus aus ganz unterschiedlichen Beweggründen zur Kundgebung gekommen sind. Das war zwei Stunden zuvor nicht anders - bei einer deutlich kleineren Demonstration, zu der der Chemnitzer Dirk Richter (siehe Beitrag rechts auf dieser Seite) ganz privat auf den Markt geladen hatte. "Ich bin hier, weil sich etwas ändern muss. Ich will mit meinen Enkeln wieder in die Innenstadt gehen, ohne Angst haben zu müssen", sagte eine Teilnehmerin. "Ich will zeigen, dass es auch Bürger gibt, die mit dieser Pogrom-Stimmung in der Stadt nicht einverstanden sind", meinte ein anderer.

200 Kilometer nordwestlich von Chemnitz, in Halberstadt, gibt es zu dieser Stunde ebenfalls viel Beifall. Für David Bergner, den Trainer des Chemnitzer FC, dessen Mannschaft gerade das sechste Spiel in Folge gewonnen hat. Teile der CFC-Fanszene werden für die Ausschreitungen der Vorwoche mitverantwortlich gemacht. "Für die Stadt Chemnitz war es eine sehr, sehr schwere Woche", erläutert Bergner, dessen Spieler in Halberstadt mit einem Bekenntnis zu Toleranz, Weltoffenheit und Fairness auf ihren Trainings-Shirts aufliefen. "Wir wollten ein Zeichen für die Zuschauer, für die Chemnitzer setzen, dass wir keine rechten Outlaws sind, die irgendwelche Leute durch die Stadt jagen, sondern, dass wir mit Leib und Seele Fußballer sind." Der CFC habe Spieler aus zehn, elf Nationen in seiner Mannschaft, so Bergner. "Wir haben Spaß am Fußball, messen uns gerne mit unserem Gegner - egal ob der rechts, links, grün, gelb oder blau ist."

Auf dem Mannschaftsbus, mit dem die Fußballer zum Auswärtsspiel unterwegs waren, prangte diesmal das Motiv einer Ende vergangener Woche initiierten Anzeigenkampagne "Chemnitz ist weder grau noch braun". Auch am Sockel des Marx-Monuments ist der Schriftzug in überdimensionaler Größe zu sehen. Von Teilnehmern der Demo von Pro Chemnitz, AfD und Pegida am Wochenende teilweise entfernt, ist die Botschaft seit Sonntagabend wieder vollständig zu lesen.

Der Marx-Kopf ist neben dem Stadthallenpark am Montagabend eine der Neben-Veranstaltungsflächen am Rande des Gratis-Konzerts "Wir sind mehr" mit den Toten Hosen, Kraftklub und anderen Bands. Es wird deutschlandweit im Radio (unter anderem auf MDR Sputnik) übertragen. (mit lumm)

Chemnitzer organisiert Demo für die politische Mitte

Der Initiator: Dirk Richter (43), ist in Karl-Marx-Stadt geboren und lebt bis heute in Chemnitz. Der Vertriebsleiter lud gestern zur eigenen Demo.

Sein Motiv: Richter sagt von sich selbst, dass er keiner Partei und keiner Religion angehört und politisch in der Mitte steht. Mit seiner Kundgebung wolle er ein Angebot für Menschen wie ihn selbst schaffen.

Sein Schlüsselerlebnis: Anfang der 1990er-Jahre sei er einmal von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden. Seitdem sei er für die Gefahr vom rechten Rand sensibilisiert. Richter bedauert, dass er und andere Chemnitzer es in den vergangenen Jahren lediglich hingenommen hätten, wenn Rechtsextreme Kundgebungen abhielten. Als er Montagabend die Neonazis bei der Demonstration von Pro Chemnitz sah, sei ihm der Gedanke gekommen, dass er selbst etwas tun müsse.

Die Mobilisierung: Für seine Kundgebung warb Richter über eine Pressemitteilung, im Internet sowie über seinen persönlichen Bekanntenkreis. Es kamen bei nasskaltem Wetter rund 150 Personen zusammen.

Die Kundgebung: Dirk Richter selbst war der einzige Redner. Er kritisierte die Medien, die "unscharf und sensationsgeil" berichtet hätten. Zudem sprach Richter davon, dass es nicht möglich sei, sich kritisch über die Flüchtlingspolitik zu äußern, ohne schief angesehen zu werden. Es falle ihm schwer, in der momentanen Stimmungslage die Balance zu finden, und er vermute, dass es vielen der Anwesenden ähnlich gehe. Es sei wichtig, dass sich die Mitte der Gesellschaft aus ihrem Schweigen erhebe. (schab)

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 6 Bewertungen
3Kommentare
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  • 3
    1
    franzudo2013
    03.09.2018

    "Angst vor der Tiefe des Grabens" ist ein starkes Bild. Die Demonstrationen am Sonntag waren klar und deutlich, gut vernehmbar aber nicht laut. Vor allem waren sie für etwas. Die Demos, die gegen etwas sind (anti) vertiefen nur die Gräben.

  • 9
    7
    Zeitungss
    03.09.2018

    @suzuki: ……….. nur in der Dresdener Hofburg noch nicht. Die nächste Wahl erschüttert schon jetzt die Grundmauern. Pfusch am Bau rächt sich, ein altes aber treffendes Sprichwort. Es hat leider auch hier seine Gültigkeit.

  • 19
    23
    suzuki
    03.09.2018

    Da ist er wieder, der Schwätzer Kretschmer, platt und nichtssagend in purer Angst, auch die nächste Wahl zu verlieren (siehe Bundestagswahl 2017). Was gedenken er und seine Regierung konkret zu tun, dass die wahren Ursachen der Probleme in Chemnitz beseitigt werden? Dass die große Masse der Chemnitzer keine Nazis sind hat sich schließlich auch bis Dresden herumgesprochen.



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