Die Astronautin aus Chemnitz

Nach Sigmund Jähn waren noch zehn deutsche Männer im Weltraum. Weil eine Frau es so will, soll die zwölfte deutsche Person im All weiblich sein. Ein Plädoyer für die Forscherin Thorid Zierold aus Chemnitz.

Chemnitz.

Es ist die ungewöhnlichste Ausschreibung, die es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. Und sagen wir es ohne Umschweife: Die Chemnitzer Wissenschaftlerin Thorid Zierold hat alle Chancen, sie zu gewinnen.

"Astronautin gesucht" - so war die im März veröffentlichte Stellenanzeige überschrieben. Das klingt wie "Deutschland sucht den Superstar", als gehe es um eine Castingshow fürs Fernsehen. Doch es ist ernst gemeint. Bundesweit wird eine Frau gesucht, die im Jahr 2020 zur Internationalen Raumstation ISS fliegen wird. Eine private Initiative steht dahinter - und eine andere Frau: Claudia Kessler.


Als Vierjährige hatte diese die Mondlandung im Fernsehen verfolgt. Die Faszination Weltall ließ sie zeitlebens nicht mehr los: Sie studierte Luft- und Raumfahrt in München, wollte Astronautin werden. Mitten im Studium tat sich eine Chance auf: eine Ausschreibung für einen Flug ins All. Doch gefragt war ein abgeschlossenes Studium. Kessler war noch nicht fertig, der Traum platzte. Doch er ließ sie nicht los. Heute gilt sie als führende Weltraummanagerin. Sie ist Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt und Geschäftsführerin eines Unternehmens, das auch für die Europäische Weltraumorganisation Esa Ingenieure aussucht. Die Firma wählt jene Frauen und Männer mit aus, die ins All fliegen. International ist nur jeder sechste Astronaut weiblich. Zu wenig, wie Claudia Kessler meint. Sie gründete 2009 den Verein "Women in Aerospace Europe", mit dem sich Frauen in der Raumfahrt vernetzen, sich von freien Jobs berichten und gegenseitig fördern. Kessler sorgte für die ungewöhnliche Ausschreibung. Sie will einer anderen deutschen Frau ermöglichen, was ihr nicht vergönnt war.

Thorid Zierold kann diese Frau sein. Die 38-Jährige hat im April ihre Bewerbung und eine Präsentation per Video eingereicht. Sie hat an der TU Bergakademie Freiberg Geoökologie studiert, an der ältesten montanwissenschaftlichen Universität der Welt, wie sie in dem Bewerbungsvideo sagt - nicht ohne Stolz in der Stimme. Sie arbeitet als Kustodin und stellvertretende Leiterin des Chemnitzer Naturkundemuseums. Und: Sie überstand die erste Auswahlrunde. Sie blieb als eine der 90 von ursprünglich 408 Bewerberinnen im Rennen.

Ihr Handy klingelt. Dreimal, viermal. Dann hat Zierold, die in diesem Moment im Bikepark Schöneck auf einer Buckelpiste unterwegs ist, gestoppt. "Warten Sie mal, ich muss erst den Helm abnehmen", sagt sie zu dem Anrufer. Es ist Achim Reisdorf, ein Geowissenschaftler von der Universität Basel. Er will mit ihr Details absprechen für die "Rock fossiles", eine Ausstellung, die Zierold mit vorbereitet und die ausschließlich Fossilien zeigt, die nach Musikern benannt sind. "Welche Rockgruppe soll zur Eröffnung spielen?" Die beiden Wissenschaftler überlegen hin und her, Zierold hält Bike und Helm.

Viele andere Menschen würde es nerven, aus der rauschenden Fahrt gerissen zu werden. Doch Thorid Zierold ist nun in Gedanken ganz bei der Ausstellung. In der Szene wird eine Eigenschaft deutlich, die der jungen Frau von Nutzen sein wird. Ja, die den Ausschlag geben könnte bei all den Tests, die vor ihr liegen. Sie strahlt etwas aus, das unvereinbar scheint: Ruhe und Dynamik. Wird ihre Fähigkeit, gegensätzliche Pole ausbalancieren zu können, sie bis ans Ziel bringen?

Am 16. Juni waren die 90 Kandidatinnen zur "Valentina space night" nach Bremen geladen. An diesem Tag jährte sich der Start von Valentina Tereschkowa, der ersten Frau im All. Die Mitbewerberinnen "zeichnet alle etwas Besonderes aus", stellt Zierold nüchtern fest. Eine Kollegin sei Maschinenbauingenieurin, die mit dem Bau von Robotern und deren Einsatz auf dem Mond befasst ist. Respekt nötigte ihr auch jene Ingenieurin ab, die sich mit der Konstruktion und Herstellung von Flugzeugpropellern befasst. Zum Treffen, bei der auch die Juroren um Claudia Kessler anwesend waren, habe eine sehr schöne, aufgeschlossene Atmosphäre geherrscht. Mit mehreren Kandidatinnen werde sie wohl zeitlebens in Verbindung bleiben.

Von der berühmten Vorgängerin Tereschkowa aber unterscheiden sich all die Ingenieurinnen, Biologinnen, IT-Spezialistinnen, Ärztinnen. Sie verfügen über ein abgeschlossenes Studium der Naturwissenschaften oder Medizin. Tereschkowa hatte in einem Spinnereikombinat als Näherin und Zuschneiderin gearbeitet und nach mehreren Anläufen die Aufnahme an die Kosmonautenschule geschafft. Sie hatte weder eine Pilotenausbildung, wie ihre männlichen Kollegen, noch einen akademischen Abschluss, wie ihre Konkurrentinnen. Dennoch soll sie von Regierungschef Nikita Chruschtschow persönlich für den Flug bestimmt worden sein, weil ihre Biografie für die Propaganda passte. Es wurde die einfache Arbeiterin präsentiert, der im Sozialismus alle Wege offenstehen. Selbst der Weg zu den Sternen.

"Bei dem Flug soll ja nicht alles reibungslos verlaufen sein, wie erst Jahre später bekannt wurde." Mehr sagt Thorid Zierold nicht über die erste Frau im All. Sie spricht lieber von ihrer Forschung mit den Urzeitkrebsen, die seit Jahrmillionen die Erde bevölkern. In ihrem Büro stehen mehrere kleine, aquarienartige Gefäße. Darin etwas Wasser, dreckig wie in einer Pfütze - was ideale Vermehrungsbedingungen für den Urzeitkrebs Triops cancriformis sind. Diese Art hat Strategien entwickelt, die es ermöglichen, dass ihre Eier außergewöhnliche Bedingungen wie Kälte, Trockenheit und Hitze überleben. Zierold will entschlüsseln, wodurch konkret die Triops-Eier geschützt sind und ob sie auch ionisierende Strahlung vertragen. Die Triops sind ihr Lebensthema, weil sich, wenn sich eine Frage geklärt hat, eine neue auftut beziehungsweise Anwendungen erkennbar werden.

Mit ihrer Forschung ist ihr schon ein Schritt ins Weltall, auf die ISS, gelungen. Astrobiologen waren auf ihre Arbeiten aufmerksam geworden und hatten sie gebeten, einen Vortrag über die Urzeitkrebse zu halten. "Der muss eingeschlagen haben", sagt Zierold. Die Europäische Raumfahrtagentur Esa wandte sich an sie. Und Zierold konnte Urzeitkrebse zu Forschungszwecken ins All schicken. Salopp könnte man sagen, die kleinen Tiere waren die Vorhut auf ihrem Weg in den Orbit.

Die erste Herausforderung bestand darin, die Krebse sicher zu verpacken, sodass sie auf einem Träger außen an der ISS neben anderen wissenschaftlichen Proben angebracht werden konnten. Zierold tüftelte, probierte. Die Verpackung der Eier musste so konstruiert sein, dass sie einerseits dem Druck und der Strahlung ausgesetzt werden konnten und dass zugleich die Versuchsanordnung selbst stabil blieb und das Ergebnis nicht verfälschte. Zierold testete Abdruckmasse von Zahnärzten, formte Lehm, kontaktierte dazu ihre Ausbildungsstätte in Freiberg. Schließlich entwickelte sie eine spezielle Tablette aus Chemnitzer Erde, in die sie die Krebse einließ. So umkreisten sie die Erde.

Pech nur, dass nach der Landung die Proben verschiedener Forscher verwechselt wurden. Die Chemnitzer Urzeitkrebse befanden sich zwischenzeitlich in Japan. Erst nach mehreren Monaten trafen sie am Museum ein. Zierold nahm es gelassen, sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie ließ die Eier in ihrem Büro ins Wasser - und ja: Es schlüpften Larven.

Doch es ergab sich eine neue Frage. Die Larven, die sich entwickelt hatten, erreichten nicht die Fortpflanzungsreife. Wo liegt die Ursache? In der Strahlung im All? Oder waren die Wasserbedingungen nicht so, wie die Krebse sie mögen? Zierold muss weitere Versuche im Labor durchführen. Aber - wie wäre ein Experiment in der Schwerelosigkeit? Genau diese Frage motivierte Zierold zur Bewerbung. Sie muss fliegen! Darüber sind sich alle einig, die sie kennen.

Während des Studiums fiel sie Lehrkräften schon im ersten Semester auf. So erinnert sich Jörg Matschullat, Professor für Geochemie und Geoökologie an der TU Bergakademie Freiberg: "Sie verteidigte ihre Diplomarbeit mit Bravour, Note 1,0 - und das mit einem sehr anspruchsvollen Thema." Damals ging es um eine kleine Krebsart, die einst nur im Meer vorkam, heute aber auf dem Lande lebt. "Thorid Zierold hat die Kenntnis zu diesen Organismen erheblich erweitert", stellt er der Wissenschaftlerin schon für ihre Diplomarbeit ein hohes Zeugnis aus. Ihn begeistert, dass sie dranblieb an der Forschung und am Forschungsthema. "Eine so kluge und besonnene, durchdachte und persistente Persönlichkeit erscheint mir ideal für die Aufgaben, die eine Astronautin zu bewältigen hat."

Nach ihrem Studium sammelte sie international Erfahrungen an der University of Hull in Großbritannien, in Ostrava am Hydrochemischen Institut und an der Universität Kopenhagen, "Jeder Schritt meines Berufsweges war mir wichtig. Bewusst und engagiert gegangen, haben mich alle Etappen, so unterschiedlich sie auch waren, vorangebracht." Die Frau, die aus Cämmerswalde im Erzgebirge stammt, gehört zu jenen, die auszogen, um die Welt kennenzulernen - und die zurückkehrten, um sie von daheim aus zu erobern.

Sie habe den Schritt zurück in die Heimat nie bereut. Als Kustodin bereitet sie Ausstellungen vor, betreut Sammlungen und leitet nicht zuletzt eine Gruppe von Schülern, die sie von den Triops zu begeistern versucht. Auch dadurch erweist sich die Kustodin als "Bewahrerin". Wissen und Begeisterung dafür sind der größte Schatz, den sie weitergibt. Ihr macht ihre Arbeit Spaß, ja sie fühle sich in ihrem Beruf privilegiert. "Ideen im Team wachsen zu sehen und Visionen zu verwirklichen, mit Gestrigem für die Zukunft zu wirken - das macht den Traumberuf aus", sagt sie. Daraus erwachse für sie die Motivation, jeden Tag aufs Neue ihre Grenzen infrage zu stellen, an Aufgaben und Zielen ein Stück zu wachsen.

Diese Maxime, der sie in der Forschung und im Beruf folgt, lebt sie auch in der Freizeit. Nicht nur auf der Buckelpiste, auf der es von Jahr zu Jahr anspruchsvoller hinuntergeht, sondern auch in der Kletterhalle. Bei ihrem Studienaufenthalt in London haben Freunde sie mit zum Klettern genommen. Sie fand Gefallen - und klettert heute noch regelmäßig. Sie hat sich zu einer Trainingseinheit verabredet, legt den Klettergurt an. Noch ein paar Dehnungen. Sie nimmt die grüne Route ins Visier, mittelschwer für ausgebildete Kletterer. Eins, zwei, die Schritte legt sie zügig zurück. Dann sucht sie Halt. "Links oben ist ein Griff", sagt Steffen Voigt, der sie sichert. "Beim Klettern muss man sich auf andere verlassen können und muss unter Anspannung zügig die richtigen Lösungen finden, um am Ziel - auf dem Gipfel - anzukommen", sagt der Chef der Kletterhalle.

Downhill mit dem Bike und Klettern - beide Hobbys fordern von ihr, schnell und sicher zu entscheiden und dabei Balance zu halten. Es scheint so, als habe sich diese Fähigkeit, die sie körperlich trainiert, auf ihr Wesen übertragen.

Wird es für sie reichen? "Nur die Beste der Besten kann Astronautin werden", hat die Initiatorin Claudia Kessler gesagt. Der Blick in die Unterlagen der Bewerberinnen habe gezeigt, dass die meisten Anwärterinnen beeindruckend hoch qualifiziert sind. "Damit hat das Projekt bereits bewiesen, dass es sie gibt: die hoch qualifizierten Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen, die sich höchsten Herausforderungen stellen wollen."

Nach Auswertung von Fragebögen und Tests im Herbst werden 30 Kandidatinnen übrig sein. Zwei werden auf den Flug vorbereitet. Eine wird fliegen. Das ist so wie zu Zeiten von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All. Er stammt aus dem Vogtland. Morgenröthe-Rautenkranz - das klingt noch heute vielen Ostdeutschen gut im Ohr. Und Sigmund Jähn ist, bei aller Ideologie, mit der sein Weltraumflug befrachtet wurde, eine der beliebtesten Persönlichkeiten. Die Erinnerung an seinen Flug löst noch immer bei vielen Menschen gute Gefühle aus. Begeisterung schwingt mit. Stolz. Der erste Deutsche im All war ein Sachse.

Und: Sein Flug fand 1978 statt - das Geburtsjahr von Thorid Zierold. Ein gutes Omen?

www.dieastronautin.de

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