Die Stasi war im Spiel: Der FCK und der Mann mit den drei Namen

Stefan Persigehl hat einst für den Fußballclub Karl-Marx-Stadt gespielt - und für ein paar Hundert Mark seine Mitspieler an das MfS verraten. 1992 hat er das schon einmal zugegeben. Aber erst jetzt gibt es Details aus den Akten, die zeigen: Der Fußballer war ein fleißiger Zuträger.

Chemnitz/Falkenstein.

Die Yorckstraße in Karl-Marx-Stadt, es ist der 7. April 1983, 7.45 Uhr. Fußballer Stefan Persigehl muss heute nicht zum Training, er ist verletzt. Er will die Bahn nehmen, um im Stadtzentrum einen Arzt aufzusuchen. Aber auf einmal steigen zwei Männer aus einem Auto und fragen, ob sie ihn ein Stück mitnehmen können. Persigehl steigt ein und fährt mit.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR hatte eine Heidenangst, dass sich Sportler bei Einsätzen im Westen absetzen und nicht wieder mit nach Hause kommen. Als Lutz Eigendorf 1979 in Kaiserslautern blieb, war das für MfS-Chef Erich Mielke eine Art Supergau. Eigendorf spielte ausgerechnet beim Stasi-Club BFC Dynamo Berlin. Seither verfolgte der Geheimdienst nur ein Ziel: Um derartige Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern, musste die Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter in den Sport- und Fußballklubs erhöht werden.


Die zwei Männer stellen sich als Offiziere der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit vor. Persigehl denkt zuerst, sie wollen ihn überreden, zum BFC Dynamo zu wechseln. Doch er irrt sich. Die zwei Herren suchen einen Spitzel, und weil Persigehl früher einmal Offizier der Nationalen Volksarmee werden wollte, scheint er geeignet. Als die zwei Männer Persigehl 8.05 Uhr am Getreidemarkt absetzen, ist die Sache klar. Der junge Fußballer macht mit. Auf drei DIN-A 4-Seiten beschreibt einer der beiden Stasi-Offiziere die "Kontaktaufnahme" vom 7. April.

Heute ist Stefan Persigehl 57 Jahre alt und er arbeitet in seiner Heimat, in Falkenstein im Vogtland, als Versicherungsvertreter. In diesen Tagen kocht dort seine Stasi-Vergangenheit wieder hoch. Zwar hat er 1992 bei seinem damaligen Verein, dem FC Hansa Rostock, seine Mitarbeit für den Geheimdienst notgedrungen schon einmal eingeräumt. Aber im Vogtland ist das alles längst in Vergessenheit geraten. Doch jetzt kandidiert Persigehl auf der Liste einer Wählervereinigung für den Stadtrat in Falkenstein und auf der Liste der DSU für den Kreistag - und alle fielen aus den Wolken, als das Stasi-Thema wieder aufkam. Sogar DSU-Chef Roberto Rink musste zugeben, nichts von den Spitzeleien gewusst zu haben. Wird Stefan Persigehl in den Kreistag gewählt, wird sich wohl ein Ausschuss mit ihm befassen.

Die Stasiunterlagenbehörde Chemnitz hat Dokumente zu ehemaligen DDR-Fußballern und Betreuern bereitgestellt, die für das MfS aktiv waren. Es gibt auch eine ziemlich dicke Akte zu Stefan Persigehl. Aus der geht hervor: Für ein paar Hundert Euro hat er seine Mannschaftskameraden verpfiffen. Zuerst hatte der Spieler den Decknamen Steffen Sturm. Dann legte er sich den Namen Axel Seidel zu. Weil er im normalen Leben Stefan Persigehl hieß, war er sozusagen der Mann mit drei Namen.

Die Stasi war zufrieden mit dem Vogtländer. Er war zwar nicht der einzige Spitzel beim FCK, bei dem es wie in jedem Sportklub in der DDR genügend Zuträger gab. Aber im Gegensatz zu anderen, die schnell wieder den Absprung schafften, blieb er der Firma bis mindestens 1988 treu. "Er ist bereit, negative Probleme über seine Mitspieler zu berichten, ohne daß er dabei Hemmungen hat." Das zahlte sich für ihn aus. Im Januar 1988 bekam er einmal 250Mark "für die Realisierung von Aufträgen". Das war eine relativ hohe Prämie. Die Stasi zeigte sich aber auch so manchmal erkenntlich. Im Januar 1987 spendierten die Führungsoffiziere ihrem Spion im Fußballtrikot einen Blumenstrauß im Wert von 15 Mark. Anlass der netten Geste war die Geburt des Kindes.

Persigehl hat berichtet, wann die Spieler betrunken waren, wann sie im Ausland mit Westautos gefahren sind, was sie sich aus dem Westen mitgebracht haben - häufig ganze Stereoanlagen - und was sie sich in West-Hotels heimlich für Filme angeschaut haben. Die sollen nicht immer jugendfrei gewesen sein. Ein FCK-Spieler hat sich nach der Wende einmal zu den Spitzeln geäußert: "Es geht nicht darum, was sie berichtet oder ob sie uns geschadet haben. Es geht um den Vertrauensbruch."

Stefan Persigehl sieht heute ein, "dass das alles ein Fehler war." Aber die Sache sei abgehakt. Er will nichts mehr davon wissen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 5 Bewertungen
11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    Freigeist14
    21.05.2019

    Peter Michael Diestel war übrigens Mitbegründer der DSU . Und später wurde er ein Verteidiger von DDR-Biographien ohne Schaum vorm Mund ,den manche nie verloren haben . Man erinnere sich nur an den Prozess den er gegen Pfarrer Gauck gewann und ihn "Begünstigter im Sinne des Stasi-Unterlagengesetz" nennen darf .

  • 1
    4
    Distelblüte
    21.05.2019

    @osgar: Ich erwähnte schon mal den T-Shirt-Spruch "Ich könnte es dir erklären, aber dein Kopf würde explodieren". Der fällt mir grade wieder ein.

  • 2
    3
    osgar
    21.05.2019

    DSU neue Elite, darauf muss man erstmal kommen @Distel.
    Links = SED = auch ehemals Stasi-IM, da fällt mir schon eher was ein. Oder ist Ihnen die Vita des Landtagsabgeordneten K. Bartl unbekannt?

  • 2
    4
    Distelblüte
    21.05.2019

    @acals: Aus dem Artikel geht nicht hervor, ob Herr P. auch Mitglied der SED war. Oder deren Ideale teilte. Ich kann nur vermuten, dass dem nicht so war.
    Jetzt kandidiert er für die DSU. Deren Parteiprogramm hat mit der SED oder der heutigen Linkspartei ja nun gar nichts gemeinsam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er (ideologisch gesehen) eine 180-Grad-Wende hingelegt hat. Deshalb mein Wortspiel mit dem (r)echt. Das r steht absichtlich in Klammern.
    Als IM bei der Stasi zu sein, Teil einer Machthierarchie zu sein und gewissermaßen mehr zu wissen als das eigene Umfeld schien wohl verlockend. Vielleicht weckt die Mitgliedschaft bei DSU das Gefühl, zu einer neuen Elite zu gehören. Das alles ist rein spekulativ.
    Hm. Ich hatte nicht vor, mich ewig lang zu erklären wegen eines recht kurzen Kommentars. Tja, so kann es gehen...

  • 4
    1
    acals
    21.05.2019

    Etwas Allgemeinbildung -sowie im Zweifelsfall recherche in Netz - @Distelblüte, hätte ich Ihnen zugetraut. Ich muss jetzt nicht die Linken mit Stasizuarbeit posten, die in der Volkskammer und im Bundestag nach #89 sassen?

    Ihre These: Rechts und Stasi = passt!

    Da sag ich nein!

    gegenbeispiele zu haufe bekannt, wobei ich nicht und nie geschrieben habe links und stasi passt (obwohl die einzelfaelle hier dramatisch größer sind).

    Platter Populimus, inhaltsfrei und wahrheitsverzerrend dargestellt - kontraproduktiv wenn Sie auf dem Weg gegen Rechts mitnehen wollten.


    Sie sind bei bislang bei mir auf durchaus höherem Level gelaufen - intellektueller, wahrheitsliebender und weniger rechthaberisch.

  • 1
    4
    Distelblüte
    21.05.2019

    @acals: Wieso sollte ich etwas über die Aktivitäten der Stasi nach '89 wissen?
    Ganz sicher sind deren hauptamtliche Mitarbeiter nicht irgendwo verschwunden. Aber ich könnte da nur spekulieren.
    Und dass nicht jeder IM so fleißig und begeistert bei der Sache war wie Herr P., sollte auch klar sein.
    Keine Ahnung, wohin Ihre Fragen führen sollen.

  • 0
    1
    acals
    21.05.2019

    all right, ob die Stasi auch nach '89 noch im Bundestag sass - dass könnten Sie @Distelblüte - durchaus wissen. In welchen partein? Da diese parteien - gibt es also eine Deckungsgleichheit zwischen rechts gewählt und Stasi?

  • 0
    6
    Distelblüte
    21.05.2019

    @acals: Ich habe den Artikel gelesen. Es geht um IMs der Stasi im Bundestag im Zeitraum zwischen 1949 und 1989.
    Also was soll mir das sagen? Ganz offensichtlich hatte die Staatssicherheit überall ihre Finger mit drin, aber das ist ja nichts neues.

  • 2
    5
    Zeitungss
    21.05.2019

    Wie wäre es denn nun mit dem Film ??? Material ist doch reichlich vorhanden. Ein Sponsor wird sich auch finden, soviel Chaos verfilmt, wird nicht immer geboten und eine Werbung für Fußball in Chemnitz ist es immer.

  • 6
    3
    acals
    21.05.2019

    Wenn, wie Sie schreiben @distelbluete, rechts und STASI passt - wie erklären Sie dann die hier:

    https://www.berliner-zeitung.de/stasi-gutachten-neun-im-im-bundestag-5567506

    beschriebenen Fakten.

  • 8
    12
    Distelblüte
    21.05.2019

    Des Geldes wegen hat Herr P. es eher nicht getan. Das war wohl (r)echte Überzeugung. Und jetzt kandidiert er - oh Wunder - für eine rechte Partei. Passt. Manche Leute merken einfach nicht, wann es genug ist. Wäre er Privatmann, kein Hahn würde danach krähen.



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