"Dies wäre nicht Daniels Wille gewesen"

Sachsens Verfassungsschutz belegt bundesweite Mobilisierung rechter Gruppen für Chemnitzer Demonstrationen. Freunde des Todesopfers wenden sich gegen politischen Missbrauch des Geschehens. Angeblich begrapschte Frau schildert völlig anderen Tathergang.

Chemnitz.

Es gibt auch echte Trauernde: "Ein guter Freund ist von uns gegangen, und ich habe keine Worte, die es beschreiben können, wie sehr Daniel fehlt." Das schreibt der aus Frankenberg in Sachsen stammende, jetzt in Bayern lebende Daniel W. auf seiner frei zugänglichen Facebook-Präsenz. Nicht nur auf Facebook war er ein Freund des Deutsch-Kubaners Daniel H., der in der Nacht zum Sonntag in Chemnitz erstochen wurde.

Der Freund des Opfers mahnt: "Ich bitte euch um eins, lasst eure Trauer nicht in Wut und Hass umwandeln. Diese Rechten, die das als Plattform nutzen, mit denen mussten wir uns früher prügeln, weil sie uns nicht als genug deutsch angesehen haben. Jeder, der Daniel H... gekannt hat, weiß, dass dies unmöglich sein Wille gewesen wäre. Lasst euch nicht benutzen, sondern trauert ... Es geht hier nicht um Politik, sondern dass ein guter Freund nicht mehr da ist. Ich würde gern die ganze Welt anhalten, da er fehlt", kommentiert Daniel W.

Und die Frau, die das Chemnitzer Todesopfer vormals selbst als Liebe seines Lebens bezeichnet hat, dankt diesem Freund dafür: "Danke Daniel, ich habe erst jetzt die Kraft gefunden mir einige Beiträge anzuschauen. Du hast vollkommen Recht, dies wäre nicht Daniels Wille gewesen!"

Der Blick auf des Opfers eigene, ebenfalls frei zugängliche Facebook-Präsenz bekräftigt diese Sicht. Der 35-jährige Daniel H. postete mitunter Leitsprüche des 1968 ermordeten schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King oder Zitate des Reggae-Musikers Bob Marley, der meinte: "Alle Musik kommt aus der gleichen Wurzel, also soll auch alle Musik vermischt werden."

Für andere Kondolenten, die zuvor gar keinen Kontakt zum Opfer Daniel H. hatten, sind dessen Ansichten zweitrangig bis unwichtig. Zwar warnt der Verein zur beruflichen Förderung und Ausbildung Chemnitz, seine für den ehemaligen Tischlerlehrling eingerichtete Kondolenzseite nicht zu missbrauchen: "Gern könnt Ihr Euer Beileid hier bekunden ... alle anderen Kommentare werden gelöscht!"

Dennoch finden sich in den über 1500 folgenden Statements eindeutige politische Ansagen. Auch eine von Tatjana Festerling, die neben Lutz Bachmann vormals Kopf der Dresdner Pegida-Bewegung war. Ihrem frommen Wunsch: "Ruhe in Frieden" lässt sie eine engagiertere Hoffnung folgen: "Es tut mir so unendlich leid, dass er für seinen Mut, seine Hilfsbereitschaft sterben musste. Ich hoffe, sein Tod wird gerächt!" Nur explizit lässt die Pegidistin offen, wer den Tod rächen soll - und an wem. Die beiden Tatverdächtigen, ein 23 Jahre alter Syrer und ein 22 Jahre alter Iraker, sitzen schließlich längst in U-Haft. Und zu den Aufgaben des Rechtsstaats gehört Rache, anders als Ahndung und Sühne von Verbrechen, nicht.

Auch was den tatsächlichen Hergang des Geschehens in der Nacht zum Sonntag betrifft, nehmen es viele Kondolenten auf der Vereinsseite nicht so genau. "Wir werden nie vergessen, dass Du den Mut hattest, einer Landsfrau zu helfen gegen dieses Übel!", schreibt eine Frau. Offenkundig bezieht sich die Kommentatorin aufs zuvor gestreute Gerücht eines sexuellen Übergriffs der mutmaßlichen Täter auf eine beim Geschehen anwesende Frau.

Anders als im Netz dargestellt, sei den tödlichen Messerstichen aber gar kein sexueller Übergriff vorausgegangen, betont dagegen die Polizei. Es habe Streit zwischen zwei Männergruppen gegeben, in dessen Verlauf schließlich Messer gezogen worden seien, betonte Landespolizeipräsident Jürgen Georgie. Die genauen Hintergründe der Tat, bei der neben dem Todesopfer noch zwei weitere Männer verletzt wurden, einer davon schwer, seien noch unklar.

Allerdings gibt es inzwischen Zeugen, die Licht aufs Geschehen werfen können. Konkret jene laut Darstellungen im Netz angeblich begrapschte und dann von den Opfern verteidigte Frau. Die Ukrainerin hat der "Freien Presse" inzwischen einen ganz anderen Hergang übermittelt. Zwar sei sie es gewesen, die die Polizei informierte. Doch sei sie keineswegs begrapscht worden, betont die Ehefrau eines der beiden überlebenden Opfer, eines Russlanddeutschen. Zwischen ihrer Gruppe und den Tätern sei ein Streit eskaliert, bei dem es um Zigaretten gegangen sei. Ingrid Burghart, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Chemnitz, bestätigt das insofern, als es, anders als von rechten Gruppen bei ihrer Mobilisierung für die folgenden Demonstrationen behauptet, keinen sexuellen Hintergrund gegeben habe. "Ob aber Zigaretten eine Rolle gespielt haben oder eine EC-Karte", müsse noch geklärt werden. Die beiden inhaftierten Tatverdächtigen seien bereits verhört worden, so Burghart. Die Ergebnisse der Vernehmungen gab die Staatsanwältin nicht bekannt. Ob eines der Opfer Verbindungen zu der bei der rechten Mobilisierung involvierten Fußball-Fangruppe "Kaotic Chemnitz" hatte, werde möglicherweise Gegenstand der Ermittlungen, sagte die Staatsanwältin auf Anfrage.

Zumindest auf die Wege der Mobilisierung für die Demos am Sonntag und Montag hat der sächsische Verfassungsschutz jetzt Licht geworfen. Zur Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung "Pro Chemnitz" mit Tausenden Teilnehmern seien Hooligans und Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet angereist, betont Martin Döring, Leiter des Stabes beim sächsischen Verfassungsschutz. Über soziale Netzwerke sei aufgerufen worden, nach Chemnitz zu reisen. Zwar hätten sächsische Rechtsextremisten den Kern der Demonstration gebildet, doch habe man auch Neonazis aus Südbrandenburg und Bayern ausgemacht. Die Chemnitzer Szene um die Hooligan-Gruppe "Kaotic" beurteilt Döring als mobilisierungsstark. "Kaotic Chemnitz" hat Überschneidungen mit der mit Stadionverbot belegten Gruppe "NS-Boys" (angeblich steht deren NS im Namen für "New Society", nicht für "Nationalsozialismus" - Anm. d. Red.). Dennoch verstanden sich die NS-Boys nach eigenem Bekennen als Nachfolger der vormals ebenfalls mit Verboten belegten Gruppe "Hoonara" (kurz für Hooligans, Nazis, Rassisten), die Verflechtungen mit dem Unterstützernetz der Terrorgruppe NSU hat.

Wie groß die Überschneidungen mit den aktuellen Gruppen sei, könne er derzeit nicht sagen, teilte Döring der "Freien Presse" auf Anfrage mit. Auch sei schwer zu sagen, wie groß der Anteil an Rechtsextremisten und Hooligans an den Demos in Chemnitz gewesen sei. Doch habe deren "scharfe Aggressivität das Demogeschehen" bestimmt, so Döring. Teilweise wurde lautstark gegen Ausländer gehetzt. Auch sind per Video Szenen dokumentiert, in den einzelne Ausländer regelrecht gejagt werden. (mit ulab/jwen/dpa)

Bewertung des Artikels: Ø 3.1 Sterne bei 10 Bewertungen
10Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 5
    1
    Zeitungss
    31.08.2018

    @cn3bojOO: Sie haben vollkommen recht, was den Menschenverstand betrifft und wer nun gerade Höcke mit seiner GmbH zum Leuchtturm macht, sollte an sich arbeiten. Wer es nicht kann, soll fremde Hilfe in Anspruch nehmen.
    Am Prinzip wird sich auch in Zukunft NICHTS ändern, gleich welche Farbe gerade aktuell ist.
    Wenn einige diese Dresdener Spitzenprotestler den Mund aufmachen, hört man wo sie angesiedelt sind und gelegentlich ist es mehr als peinlich. Man sollte wirklich nicht jeden vor die Kamera lassen. Jeder kann seine Meinung auf verschiedene Art ausdrücken, man sollte nur etwa wissen wie.

  • 1
    2
    Zeitungss
    30.08.2018

    @kartracer: Der Beitrag passt, wie die Faust aufs Auge, nur leider nicht zum Thema.

  • 4
    7
    cn3boj00
    30.08.2018

    @Zeitungss: leider gibt es in Deutschland (in Europa? in Sachsen?) ein gravierendes Problem: der gesunde Menschenverstand kämpft irgendwo ums Überleben. Schon die Kommunisten kannten die Macht von Propaganda, Goebbels hat das in großem Stile ganz offen angewendet, und Höcke ist dabei, das zu verfeinern. Und heute wird die Goebbels-Harfe durch (soziale) Medien ersetzt. Meinung wird vorgegeben, je nachdem wo man so fischt. Neulich war im TV ein Mann zu sehen, der bei einer Pegida-Demonstration ein Schild trug "Merkel muss weg". Er wurde befragt, ob er glaube dass in Deutschland Meinungsfreiheit herrscht und man alles sagen dürfe: "Mir ham hier keene Meinungsfreiheit, und vor allem gechen die Mergel dorf mor hier nischt saachen" hat er geantwortet.
    Ich bin übrigens keiner Partei zugetan und verlasse mich bei meinen Beobachtungen auf den gesunden Menschenverstand, und hoffe mir davon noch ein wenig bewahren zu können.
    Und ich denke, die Mehrzahl der Menschen, die sich das auch bewahrt haben, sind am Montag zu hause geblieben. Aber reicht das? Am Ende können wenige die Mehrheit dazu bringen, klein beizugeben, wie das die Stadt Chemnitz ja getan hat.

  • 3
    3
    kartracer
    30.08.2018

    Kleine Anmerkung, was so in den von mir benannten Oberbegriff "Dummheit" einzuordnen ist, lesen sie dazu den heutigen Artikel "Blick aus Hotelfenster in Dubai: Vogtländer erleben Alptraum", genau solche Menschen gehören dazu.

  • 5
    1
    Zeitungss
    30.08.2018

    Zur Abwechslung mal was Grundsätzliches. Wer die Zustände in diesem Land einordnen möchte, braucht weder LINKEN noch RECHTEN Beistand, es langt der ganz normale Menschenverstand, was sich bis jetzt noch nicht überall herumgesprochen hat. Selbst der letzte Hinterweltler dürfte mitbekommen haben, dass der Wahlkampf bereits begonnen hat. Die Etablierten sehen ihre Felle davonschwimmen, weil man inzwischen begriffen hat, dass man an großen Teilen der Bevölkerung vorbeiregiert hat. Die Einsicht kommt allerdings recht spät. Was daraus entstanden ist, sehen wir täglich. Und @kartracer, diesen Zustand mit Dummheit in Verbindung zu bringen, halte ich für sehr weit hergeholt. Wir wollen auch nicht vergessen, dass es durch diesen Zustand eine ganze Reihe Profiteure gibt, was natürlich so bleiben soll. Wer die Medien aufmerksam verfolgt, wird sicherlich feststellen, der Chemnitzer Mord ist eigentlich nicht das Thema, aber was daraus entstanden ist.
    Das ist jetzt die Meinung eines Farbneutralen, der weder rechts noch links beheimatet ist.

  • 8
    4
    kartracer
    29.08.2018

    @cn3boj00, Ihr letzter Satz ist eigentlich sehr leicht zu beantworten, von jedem ein Teil, von den Dummen der Größte. Ich bringe wieder einen Vergleich, mit der Hoffnung, daß er nicht wieder in den runden Ordner fällt, warum konnte Hitler an die Macht kommen, waren Alle die auf den riesigen Plätzen gejubelt haben Nazis, NEIN, das waren in hohem Prozentsatz die Dummen. Die gab es damals, als auch heute! Das Grundübel unserer Politiker ist doch, daß sie ALLE in einen Topf werfen, und das werden die Dummen nicht verstehen. Ich bitte um Entschuldigung für den verwendeten Begriff "Dumm", das soll in keiner Weise eine Beleidigung sein, sondern nur ein Oberbegriff, für Menschen, die sich schwer eine eigene Meinung bilden können, oder einer anderen sind. Solange die Wahrnehmungsorgane unserer gesamten politischen Elite keine grundhafte Instandsetzung erhalten wird sich diese Lage immer mehr verschärfen.

  • 14
    9
    Distelblüte
    29.08.2018

    @cn3boj00: Sie haben meine Zustimmung. Passend dazu möchte ich folgendes Zitat anführen:
    "Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi."
    Gerhard Bronner, österreichischer Komponist
    Gefunden auf https://zitate-auf-deutsch.de/spruch/686


    Ich denke, der Mann wusste, wovon er sprach.

  • 20
    12
    cn3boj00
    29.08.2018

    Es ist sehr traurig, dass ein guter Mensch sterben musste. Und es ist wichtig, dass die Wahrheit aufgedeckt wird.
    Leider interessieren sich die vielen (zu vielen) Mitläufer der rechten, von der AfD und anderen offen rechtsradikalen Gruppierungen beherrschten Szene, welche in Chemnitz gezeigt hat welches Potenzial sie inzwischen hat, nicht für die Wahrheit. Wie viele Kommentatoren zu den Ereignissen behaupten, sie wäre nur hingegangen um dem Getöteten die Ehre zu erweisen? Da verwahren sie sich dagegen, in die rechte Ecke gestellt zu werden, und behaupten sie seien doch ganz normale Bürger? Leute, wer sich von denen, die das organisiert haben, vereinnehmen lässt, ist entweder einer, der braunem Gedankengut nahe steht, oder er ist einfach nur dumm.

  • 26
    12
    Hankman
    29.08.2018

    Wenn ich das richtig verstehe, trauern die Rechten um einen Mann, den sie noch vor kurzem als "undeutsch" verachtet haben und der sich gegen sie gewehrt hat. Und der ihnen nun plötzlich wichtig ist, weil sie seinen Tod für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren können. Was für eine traurige, verworrene, sinnlose Geschichte das Leben da wieder geschrieben hat ... Und viel mehr noch als gestern erscheinen mir die lauten, aggressiven, teils gewalttätigen Demonstrationen der Rechten und ihrer Gefolgschaft in Chemnitz überflüssig, verlogen und dumm. Das einzig Anständige, was man jetzt noch tun könnte, wäre, alle weiteren geplanten Demos in der Stadt abzusagen. Aber ich ahne schon, ich erwarte das Falsche von den falschen Leuten ...

  • 30
    8
    christophdoerffel
    28.08.2018

    Danke für den Hintergrundartikel.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...