Dokumentiert: Der 26. August in Chemnitz

Nach dem Tötungsverbrechen an einem 35-jährigen Chemnitzer - mutmaßlich begangen durch Migranten - rief eine Hooligangruppe zu einer Spontandemonstration auf. In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und Übergriffen auf Migranten. Im Internet gibt es mehrere Videos - und seit Freitag eine Debatte, wie glaubwürdig diese sind.

Gegen Mittag: Die Hooligangruppierung Kaotic aus dem Umfeld des Chemnitzer Fußballclubs, die allerdings Stadionverbot hat. ruft am Mittag zu einer Spontandemo für 16.30 Uhr am Karl-Marx-Kopf auf. Der Duktus des über die sozialen Netzwerke verbreiteten Aufrufes erfüllt die Veranstalter des zeitgleich in der Innenstadt stattfindenden Stadtfestes und die Sicherheitskräfte mit Sorge. In dem Internetaufruf findet sich folgender Satz: "Lasst uns zusammen zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat."

 

Torsten Kleditzsch

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Gegen 14 Uhr: Am Vormittag sieht man trotz des Tötungsverbrechens in der Nacht in unmittelbarer Nähe des Festgeländes noch keinen Grund, das Fest abzubrechen. Nach Bekanntwerden des Aufrufes zur Spontanveranstaltung am Marx-Kopf beraten die Stadt und die Sicherheitskräfte die Lage neu. Aus Sicherheitsgründen wird gegen 14.45Uhr entschieden, das Stadtfest rund fünf Stunden vor dem eigentlich geplanten Ende abzubrechen.

 

Zwischen 14 und 15 Uhr: In dieser Zeit findet in unmittelbarer Nähe des Tatortes eine Spontanveranstaltung der AfD statt, auf der mehrere Politiker der Partei aus der Stadt und aus der Region sprechen. An dieser Aktion beteiligen sich rund 100 Menschen. Diese Veranstaltung bleibt störungsfrei.

 

16.30 Uhr: Im Umfeld des Karl-Marx-Kopfes versammeln sich bis 16.30 Uhr rund 800 Menschen, darunter nach Einschätzung der Polizei rund 50 Gewaltbereite. In ihrem Bericht zum Tag stellt die Polizei das Geschehen am Abend folgendermaßen dar: "Die Personengruppe reagierte nicht auf die Ansprache durch die Polizei und zeigte keine Kooperationsbereitschaft. Die Personen liefen über die Brückenstraße auf die Theaterstraße. Dort schwenkten die Personen unvermittelt in den Innenstadtbereich ab und bewegten sich quer durch die Innenstadt. Im Verlauf dieser dynamischen Phase war es auch zu Flaschenwürfen in Richtung der Polizeibeamten gekommen. Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt zunächst nur mit geringen Kräften vor Ort. Weitere Einsatzkräfte der sächsischen Bereitschaftspolizei verlegten zu diesem Zeitpunkt bereits aus anderen Einsätzen in Dresden und Leipzig nach Chemnitz."

Bei der Pressekonferenz am Abend des 26. August sagt die Polizei, dass zu Beginn des Demonstrationszuges rund 50 Polizisten vor Ort gewesen seien.

 

Zwischen 16.45 und 17.30 Uhr: Für den ersten Teil des unangemeldeten Demonstrationszuges hat die Redaktion keine eigenen Beobachtungen gemacht. Im Internet tauchen am späteren Nachmittag aber mehrere Berichte über angebliche Übergriffe auf Migranten im Umfeld der Zentralhaltestelle auf. Dort, wo die Polizei in der Nähe war, sei sie eingeschritten.

Ein Augenzeuge berichtet der "Freien Presse" später, dass mehrere hundert Menschen vom Roten Turm in Richtung Zentralhaltestelle liefen. Polizisten vor Ort können die Menge dort nicht am Weitergehen hindern.

Eine Videoaufnahme der Chemnitzer Sozialarbeiterin Rola Saleh zeigt den Moment, in dem die Masse in Richtung Johannisplatz abbiegt. Die Stimmung ist aggressiv, Schimpfwörter sind zu hören. Die Menge skandiert unter anderem "Das ist unsere Stadt." Ein Mann brüllt: "Für jeden toten Deutschen, einen toten... - an dieser Stelle ist er nicht mehr zu verstehen. Saleh, die wiederholt das Wort "Rassisten" in Richtung der Menschenmenge ruft wird attackiert, ein Mann ruft "hau ab hier". Dann ist die Stimme eines Mannes zu hören. Saleh sagt der "Süddeutschen Zeitung" bei dem Mann habe es sich um einen Polizisten gehandelt. Er empfiehlt Saleh, wegzugehen. "Es bringt nichts, wenn der Mob Sie angreift", sagt er. Er sagt sinngemäß noch: Wir können hier Ihre Sicherheit nicht gewährleisten.

 

Auf dem Johannisplatz halten sich laut des Augenzeugen zu diesem Zeitpunkt mehrere junge Männer auf, mutmaßlich Migranten. Als die Menge den Platz erreicht, kommt es zu Prügelszenen. Es wird geschlagen und getreten, Menschen gehen zu Boden. In einem Video eines Restaurant-Besuchers ist festgehalten, dass sich Polizisten nähern und die Menge zurückdrängen. Es kommt zu Handgemengen, mindestens ein Polizist geht dabei zu Boden.

 

Die tätlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einigen Teilnehmern des Demonstrationszuges am Johannisplatz beschreibt auch Polizeipräsidentin Sonja Penzel in einer Pressekonferenz am Tag danach. Der Polizei sei es kaum noch gelungen, die Ansammlung gezielt zu lenken. Am Johannisplatz seien die Polizisten aus der Gruppe heraus mit Steinen und Flaschen beworfen worden. Nur durch den Einsatz von Pfefferspray und des Schlagstockes sei es gelungen, auf diese Personengruppe einzuwirken.

 

Gegen 17 Uhr: Im Bereich Bahnhofstraße/Johannisparkplatz beobachten Reporter der "Freien Presse" eine Szene, bei der es erst eine verbale Auseinandersetzung zwischen einem jungen Mann auf der einen Seite und vier bis fünf Männern auf der anderen Seite gab. Die Männer sind nicht Teil des Demonstrationszuges. Anschließend läuft der junge Mann, der eindeutig weder als Einheimischer noch als Migrant zu identifizieren ist, über die Bahnhofstraße Richtung Parkplatz an der Johanniskirche und versucht, einen Stein aufzunehmen. Er wird von vier bis fünf Männern kurzzeitig verfolgt, kann offenbar aber auf dem Parkplatz zwischen den Autos davonlaufen.

 

Eine weitere Auseinandersetzung beobachten "Freie Presse"-Reporter auf der Brückenstraße im Bereich des Karl-Marx-Kopfes nach dem Abschluss des Demonstrationszuges. Dabei rennen drei bis vier Männer junge Männer, die ihrem Äußeren nach Migranten sind, plötzlich weg. Kurzzeitig verfolgt werden sie von drei bis vier Männern aus dem Demonstrationszug, die dann wieder umkehren. Eine ähnliche Beschreibung gibt es von einem glaubwürdigen Augenzeugen. Junge Männer, mutmaßlich Migranten, die sich am Marx-Monument aufhielten, seien aus der Menge heraus angegriffen worden und geflüchtet.

 

Die Szene des Videos, das seit Tagen als wichtigster Beleg für Übergriffe auf Migranten gilt, wurde von den Reportern der "Freien Presse" nicht selbst beobachtet. Die Aufnahme lässt sich in der Bahnhofsstraße an der Johanniskirche verorten. Details aus dem Video, wie der Turm der Johanniskirche, Straßenschilder, eine Werbetafel und die Bebauung sind wiederzuerkennen. Das Wetter und die Kleidung der Menschen im Video passen zu den äußeren Bedingungen am 26. August. Die Schatten stimmen mit dem Sonnenstand am Nachmittag dieses Tages überein.

Der "Freien Presse" liegen derzeit keine Indizien vor, die an der Echtheit des Videos Zweifel aufkommen lassen. Dies hatte allerdings Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in einem Interview mit der Bild-Zeitung am Donnerstag anklingen lassen, ohne zu erklären, woher sie rühren.

Zu sehen ist eine Gruppe, die so aggressiv auf einen jungen Mann in Jeans zugeht, dass dieser wegrennt, dazu sind Parolen wie "Haut ab", "Kanaken" und "nicht willkommen" zu hören. Verbreitet worden war das Video am Sonntagabend über den Twitter-Account "Antifa Zeckenbiss". Dieser Twitter-Account wird anonym betrieben. Über diese Twitter-Adresse werden seit Monaten Beiträge verbreitet, die rechte Demos dokumentieren, oder Artikel über Rechtsradikalismus.

Der junge Mann vom Video bestätigte der "Freien Presse", dass er bei der Polizei Anzeige erstattet habe. Auch der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Wolfgang Klein, bestätigt gestern eine Anzeige in Zusammenhang mit dem Video. Die Staatsanwaltschaft hält das Video für echt.

 

Gegen 17.45 Uhr: Der Demonstrationszug löst sich nach dessen Ende auf. Gegen 17.45 Uhr befinden sich nach Angaben der Polizei noch etwa 150 Personen im Bereich des Karl-Marx-Monumentes, die diesen Bereich auch nach und nach verlassen.

 

Späterer Abend: Auf einer Pressekonferenz am 26. August, kurz nach 19 Uhr, zieht die Polizei auf entsprechende Nachfragen der Journalisten nach Übergriffen und Anzeigen ein erstes Fazit. Demnach liegen bis zu diesem Zeitpunkt zwei Anzeigen wegen Körperverletzung vor, eine Anzeige wegen Bedrohung sowie eine Anzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte.

Am Montag gibt Polizeipräsidentin Penzel mit Blick auf den Sonntag weitere Details zu Anzeigen bekannt. Sie spricht von drei Fällen, bei denen es Auseinandersetzungen mit Ausländern gegeben habe. So sollen eine 15-jährige Jugendliche und ihr 18-jähriger afghanischer Begleiter gegen 17.30 Uhr an der Bahnhofstraße/Augustusburger Straße durch Unbekannte leicht verletzt worden sein. Ob es sich dabei um den Vorfall handelt, der auch in dem Video zu sehen ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Gegen 18 Uhr sei an der Zentralhaltestelle ein 18-jähriger Syrer geschlagen worden. Den mutmaßlichen Täter habe die Polizei festgestellt. Am Neumarkt sei gegen 18.30Uhr ein 30-jähriger Bulgare von einem Unbekannten festgehalten und bedroht worden.

 

Insgesamt bearbeitet die Generalstaatsanwaltschaft zwischenzeitlich 140 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Geschehen am 26. und 27. August in Chemnitz. Dabei geht es um den Verdacht des Landfriedensbruchs, der Körperverletzung, der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen u.a.. (mit dpa)

Kurzvideo

Der Twitter-Nutzer "Antifa Zeckenbiss" hat am 26. August um 20.56 Uhr ein Kurzvideo veröffentlicht. Zu sehen ist eine Gruppe, die so aggressiv auf einen jungen Mann in Jeans zugeht, dass dieser wegrennt. Es gilt als ein Beleg, dass es am 26. August in Chemnitz zu Übergriffen auf Migranten gekommen sein soll. Bis Freitag wurde es mehr als 370.000-mal aufgerufen.

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