Gedenktafeln gegen das Wegsehen und Vergessen

Eine Ausstellung im Kulturraum Open Space erinnert an die Opfer rechter und rassistischer Gewalt seit 1990. Es sind mehr, als vielen bewusst ist.

Am 7. Januar 1990 wurde der 40-jährige Mahmud Azhar auf dem Heimweg von der Freien Universität Berlin von einem Mann rassistisch bedroht. Als er sich in ein Gebäude der Universität flüchtete, um Hilfe zu rufen, schlug ihm der Angreifer einen Feuerlöscher auf den Kopf. Am 6. März erlag er seinen Verletzungen. Mahmud Azhar war in Pakistan aufgewachsen und arbeitete in Berlin an seiner Promotion, die er im Mai 1990 abschließen wollte.

Mahmud Azhars Tod ist der erste, den die Ausstellung "Opfer rechter Gewalt seit 1990" im Open Space an der Brückenstraße dokumentiert. Mit dem langen Untertitel: "Die Mitte macht's!? Von Täter*innen, der engagierten Zivilgesellschaft und einer schweigenden Mitte" macht der Verein RAA Sachsen (die Abkürzung steht für Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie) darauf aufmerksam, dass die Verdrängung rechter Gewalt bis heute anhalte. Seit 1990 seien mindestens 183 Menschen durch rechte oder rassistische Gewalttaten ums Leben gekommen. "Es gibt viele Tote, die niemals Schlagzeilen machten und von deren Schicksal keine Statistik zeugt", heißt es im Begleittext zur Ausstellung. Einige der Gewalttaten wurden zunächst gar nicht als rechtsextremistisch motiviert wahrgenommen. Unter den Opfern sind Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, Asylbewerber, Ausländer, Obdachlose, Punks, Linke, Homosexuelle, völlig Unbeteiligte. Nur einige Beispiele, auf die die Ausstellung in schlichten dunklen Gedenktafeln aufmerksam macht: Der 36-jährige polnische Arbeiter Andrzej Fratczak wurde am 8.Oktober 1990 nach einem Streit mit Neonazis in Lübbenau tot aufgefunden. Der Punk Matthias Knabe war erst 23 Jahre alt, als er im niedersächsischen Gifhorn von rechten Skinheads auf die Straße getrieben und von einem Auto angefahren wurde. Er starb an seinen Hirnverletzungen. Ingo Finnern gab sich gegenüber einem rechten Skinhead als Sinto zu erkennen, wurde in Flensburg in ein Hafenbecken gestoßen und ertrank. Dijamant Zabergia starb beim Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München 2016. In der Ausstellung bekommen die meisten Opfer ein Gesicht. Mit der Erinnerung erhalten sie auch ein Stück ihres Lebens zurück.


Die Ausstellung "Opfer rechter Gewalt seit 1990" ist bis 22. September im Open Space, Brückenstraße 10, zu sehen. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag 12 bis 20 Uhr. Eintritt frei. www.chemnitz-open.space

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