Hoffen und Bangen bei Continental

Wie geht es beim größten Arbeitgeber in Limbach-Oberfrohna weiter? Die Mitarbeiter haben dazu unterschiedliche Meinungen. Fest steht nur, dass am Werkstor schon bald ein anderer Name prangen wird.

Limbach-Oberfrohna.

Besorgnis, Verärgerung, aber auch Zuversicht - die Stimmungslage unter den Mitarbeitern des Contintental-Standorts in Limbach-Oberfrohna ist derzeit von Person zu Person sehr unterschiedlich. Dieser Eindruck entsteht, wenn man sich mit Beschäftigten am Werkstor unterhält. Am Mittwoch hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass wegen des Auslaufens der Produktion von Injektoren für Dieselmotoren am Ostring voraussichtlich auf 860 der 1230 Mitarbeiter am Standort Veränderungen zukommen werden. Auf Nachfrage hieß es, man könne auch ein Aus für das Werk nicht ausschließen.

Einen Tag später betont Continental-Sprecherin Simone Geldhäuser, dass der Arbeitsplatzabbau oder gar eine Schließung des Standortes keineswegs beschlossene Sache seien. "Wir sprechen von betroffenen Mitarbeitern, nicht entlassenen Mitarbeitern", sagt sie. Soll heißen: Es wird versucht, am Ostring neue Produktionslinien aufzubauen, um das Vakuum aufzufangen. Geldhäuser verweist als Beispiel auf eine Kooperation mit der TU Chemnitz zur weiteren Erforschung von Brennstoffzellen. Zudem decke die Continental-Antriebssparte, zu der das Werk in Limbach-Oberfrohna gehört, "ein breites Spektrum an Produkten für den Wachstumsmarkt der Elektrifizierung" ab. Mitarbeiter würden für neue Aufgaben qualifiziert.

Derzeit diskutieren die Mitarbeiter über kaum ein anderes Thema als die am Mittwoch verkündete künftige Strategie des Unternehmens. "Für mich war das keine Überraschung", sagt ein Mann, der von der Frühschicht kommt, und verweist auf Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung. Wegen der Debatten um den Klimawandel werden Diesel- und Benzinmotoren von Teilen der Bevölkerung zunehmend kritisch betrachtet. Der Mitarbeiter ergänzt, dass es bei Continental am Ostring immerhin jetzt mit Blick auf den Zeitplan Klarheit gebe. Demnach soll die Produktion der Dieselinjektoren 2028 auslaufen. Als Begründung nennt der Zulieferer den Technologiewandel in der Automobilbranche. Einige der von der "Freien Presse" befragten Beschäftigten melden jedoch Zweifel an, ob es wirklich bis Ende des nächsten Jahrzehnts genügend Aufträge für die Diesel-Einspritztechnik gibt. Sie vermuten, dass sich die Umstrukturierungen schon früher bemerkbar machen werden.

Mehrere Mitarbeiter sagen, dass die Stimmung am Standort wegen der aktuellen Nachrichten schlecht sei. Deutlicher wird ein Beschäftigter, der nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten im Werk arbeitet: Er sei verärgert und fühle sich von der Werksleitung hinters Licht geführt. "Bisher hieß es immer, die Auftragslage sei gut und es gebe keine Probleme. Und jetzt geht doch alles den Bach runter." Andere Mitarbeiter sind hingegen optimistisch. "Ich mache mir keine Sorgen. Bis 2028 ist es ja noch ein bisschen hin", sagt David Richter, der sich im Werk um Logistik kümmert. Nach seinen Angaben herrscht am Standort eine gute Stimmung. Er hoffe, dass sich bis Ende des nächsten Jahrzehnts neue Perspektiven im Bereich der E-Mobilität bieten, sagt Richter. "Aber das entscheiden andere", stellt er mit Blick auf die Konzernzentrale in Hannover fest.

Auch der Betriebsratsvorsitzende warnt entschieden vor Pessimismus. "Es gibt keinen Aufsichtsratsbeschluss, den Standort in Limbach-Oberfrohna zu schließen", betont Andreas Richter. Er sei zuversichtlich, dass ein neues Betätigungsfeld im Bereich der Elektromobilität für die Mitarbeiter gefunden wird. "Wir haben die Kompetenz vor Ort und verfügen über jahrelange Erfahrung", sagt der Betriebsrat. Auch deshalb sei die Stimmung unter den Beschäftigten im Werk aus seiner Sicht entspannt. Laut Richter soll es in zwei Wochen eine Betriebsversammlung geben, bei der die Mitarbeiter Näheres zur Strategie des Konzerns erfahren sollen.

Bei aller Unklarheit steht eines fest: Schon ab Oktober wird das Werk als Vitesco Technologies firmieren. Die Antriebssparte von Continental wird wegen der rasanten Veränderungen in der Branche umbenannt. Laut Sprecherin Geldhäuser soll Continental die Mehrheit der Anteile an der Konzerntochter behalten.


Stadt drohen Steuereinbußen

Das schlimmste Szenario, eine Schließung des Continental-Werkes, würde nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Stadt Limbach-Oberfrohna hart treffen. Im Haushalt würde sich nach Angaben des Rathauses ein Loch auftun. Zwar habe das Unternehmen 2018 nicht zu den Top Ten der Gewerbesteuerzahler gehört. Aber weil auch ein Teil der Einkommenssteuer an die Kommunen fließt, wären trotzdem geringere Steuereinnahmen die Folge. Continental ist mit Abstand der größte Arbeitgeber in Limbach-Oberfrohna. Laut Statistischem Landesamt gehen gut 9000 Arbeitnehmer in der Stadt einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Etwa jeder siebte davon ist bei Continental angestellt. (jop)


Kommentar: Transparenz ist gefragt

Dass wegen des Strukturwandels in der Automobilbranche auf Continental in Limbach-Oberfrohna massive Änderungen zukommen werden, war abzusehen. Wohl niemand hat ernsthaft damit gerechnet, dass noch jahrzehntelang Injektoren für das Auslaufmodell Dieselmotor hergestellt werden können.

Jetzt ist der Konzern gefordert: Strukturwandel bedeutet ja nicht nur, dass Jobs wegfallen, sondern auch, dass an anderer Stelle neue entstehen. Bis 2028 sollte genug Zeit sein, um alle Weichen für die Herstellung eines anderen Produktes zu stellen. Dieser Prozess muss den Mitarbeitern so transparent wie möglich kommuniziert werden, damit alle wissen, woran sie sind. Nichts wäre schlimmer als große Unwissen- und Unsicherheit. Denn das könnte dazu führen, dass sich Beschäftigte schon lange vor 2028 nach einem neuen Job umsehen.

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