"Ich bin es gewohnt, erschossen zu werden"

Ein Mann aus Hohenstein-Ernstthal übernimmt an der Chemnitzer Oper mehrere Statistenrollen. Die erste endet jäh schon zu Beginn des aktuellen Stücks.

Hohenstein-Ernstthal.

Der Mann liegt in einem weißen Hemd, das blutgetränkt ist, auf dem kalten Beton, die Augen geschlossen, der Körper gekrümmt. Im Hintergrund ist das Chemnitzer Opernhaus zu sehen, die Kulisse wirkt fast ein wenig bedrohlich. Auf den ersten Blick glaubt man, da ist nicht mehr viel zu machen. Aber keine Angst: Der vermeintlich tote Mann lebt noch, er ist sogar putzmunter.

Am vergangenen Samstag hat in Chemnitz "Mefistofele" Premiere gefeiert, eine Oper des italienischen Komponisten Arrigo Boito. Der Mann auf dem Boden heißt Michael Sonntag und kommt aus Hohenstein-Ernstthal. Er ist Statist in dem Stück, einer von 120 Mitwirkenden. Sonntag wird als Frankfurter Bürger von Mephisto erschossen, weil der dem Faust seine Macht demonstrieren will.

Die Szene, wie Sonntag tot auf dem Boden vor dem Opernhaus liegt, ist für die "Freie Presse" nachgestellt. In "Mefistofele" stirbt er natürlich auf der Bühne, im großen Saal, vor den Augen von hunderten Besuchern, die bei der Premiere viel Beifall spendeten. Die Krümmung des Körpers ist übrigens durchaus gewollt. Deshalb wurden tatsächlich auch Statisten gesucht, die keine Beschwerden mit ihrer Wirbelsäule haben. Todeszeitpunkt ist schon der erste Akt. Danach muss sich Sonntag schnell wieder umziehen und eine andere Statistenrolle übernehmen.

"Ich bin es gewohnt, erschossen zu werden", sagt der 40-Jährige lachend. Schließlich gab es im Vorfeld zahlreiche Proben für "Mefistofele", bei denen er von einer imaginären Kugel getroffen wurde. Aber nicht nur das. "Ich war schon als Statist bei der 'Götterdämmerung' dabei, lag in der Oper tot in der Ecke." Auch bei vielen Laienspielstücken oder -filmen wurde er bereits ins Jenseits befördert. Sein Tod am vergangenen Samstag in der Oper Chemnitz kann wohl als vorläufiger Höhepunkt einer "tödlichen Karriere" bezeichnet werden. Insgesamt neunmal wird Sonntag bei "Mefistofele" gemeuchelt, denn es gibt neun Vorstellungen.

Michael Sonntag ist in Hohenstein-Ernstthal kein Unbekannter. Der Lebenskünstler gilt als ein ganz klein wenig "verrückt". Er hat sich schon als Autor und Verleger versucht. Thema sind immer wieder Sex und Erotik. Er organisierte einmal eine Ausstellung in Hohenstein-Ernstthal unter dem Motto "Mit Peitschenhieben zum Höhepunkt". Jetzt lässt er sich also erschießen. Die Aufwandsentschädigung, die er dafür erhält, dass er sich umbringen lässt, ist eher gering. "Ein Statist wird nicht reich. Aber das ist mir egal", sagt Sonntag und fügt hinzu: "Ich will auf der Bühne stehen. Das ist alles."

Weitere Vorstellungen von "Mefistofele" an der Oper Chemnitz am 5. Oktober, 16. November, 20. Dezember und 29. Februar 2020, 19 Uhr, am 27. Oktober sowie 19. Januar, 22. März und 19. April 2020, 17 Uhr. Kartentelefon 0371 4303000.

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