"Ich riet von einer Demo in Burgstädt ab"

Herbst 89: Pfarrer Jürgen Werner über den Runden Tisch, den Mauerfall, seine Hochzeit und sein Engagement in der Stadt

Burgstädt.

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Jürgen Werner, Pfarrer von 1982 bis 2003 in der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Burgstädt und Mitbegründer des Runden Tisches. Bettina Junge sprach mit ihm.

Freie Presse: Herr Werner, Sie waren im Herbst 1989 kurz vor Ihrem 48. Geburtstag, bereits sieben Jahre lang Pfarrer in Burgstädt, standen kurz vor der Eheschließung. Was war die DDR damals für Sie?

Jürgen Werner: Ich habe die längste Zeit im Sozialismus gelebt, bin in Leipzig zur Oberschule gegangen. Als ich Theologie an der staatlichen Hochschule studieren wollte, wurde mir das verwehrt - ohne Begründung. Das hat mich geärgert. Schließlich kam ich ans Theologische Seminar. Ich war in der DDR 24 Jahre lang Pfarrer. Dabei war Initiative gefragt, vieles mussten wir selbstständig machen - vom Bau, über soziale Arbeit bis zum Gottesdienst. Trotzdem war man ständig unter Beobachtung.

Haben Sie das aus Ihrer Stasi-Akte entnommen?

Nur bedingt. Die Einsicht hat nicht viel gebracht. Da war zum Beispiel die Zeit vor Burgstädt überhaupt nicht erfasst. Die Akte war einfach verschwunden. Aber so interessant war ich für die nicht. Als Pfarrer musste man zu den SED-Leuten einmal im Quartal zum Gespräch. Dass ich bespitzelt wurde, merkte ich auch, als der Wechsel von Polenz bei Wurzen nach Burgstädt bevorstand. Da war schon einiges in Kirchenkreisen durchgesickert. Auch muss mich ein Kirchenmitglied verpfiffen haben, als ich für die Sanierung des Kirchturmes eine Spendensammlung initiierte. Die Stasi kam zu mir und sagte, dass ich vor Gericht müsste und die Spenden von 7000 DDR-Mark zurückzahlen. Aber zum Glück kam dann nichts mehr.

Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, dass dieses Land DDR bald ein anderes sein könnte?

Das war in der Zeit, als vermehrt Ausreiseanträge in die BRD gestellt wurden. Da war mir klar, dass es hier nicht so weitergehen kann. In der Kirchgemeinde haben wir damals elf Personen beschäftigt, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Sie durften nicht mehr in ihrem Beruf oder in den Volkseigenen Betrieben arbeiten, aber als Voraussetzung für eine Ausreise mussten sie einen Beschäftigungsnachweis haben.

Wie haben Sie den Herbst 1989 erlebt?

Regelmäßig kam ich als Pfarrer mit einer Gruppe von 18- bis 25-Jährigen zusammen. Ich spürte dort, mit wie viel Energie sie über die aktuelle politische Entwicklung und die Veränderungen diskutierten. Ich riet nicht zu einer Demonstration in Burgstädt, sondern zur Teilnahme in Leipzig und Karl-Marx-Stadt. Als Vertreter der Evangelisch-Luthe rischen Kirche saß ich dann mit anderen Kirchenvertretern, Gemeindeschwester Christa, Dr. Norbert Linke vom Burgstädter Krankenhaus, dem damaligen SED-Bürgermeister Lothar Naumann und Vertretern aller Parteien der Nationalen Front am Runden Tisch. Als Bekenntnis für meine politische Einstellung stellte ich ans Fenster meines Amtszimmers die Deutschland- und Sachsen-Fahne auf. Ein Kirchenmitglied hatte diese heimlich in seinem Betrieb angefertigt.

Was haben Sie gemacht, als die Mauer fiel?

Da saß ich am Fernseher. Wir haben im Pfarrhaus den Auftritt von Günter Schabowski verfolgt. "Was meint er jetzt?", haben wir uns damals gefragt.

Wann waren Sie das erste Mal im Westen?

Das war am 26. Dezember mit meinem Stiefsohn zu Besuch bei guten Bekannten in Nordrhein-Westfalen. Die Züge waren überfüllt. Das war ein unvergessliches Ereignis - ebenso wie meine Hochzeit wenige Tage vor Weihnachten. Später war ich dann bei Busfahrten zur Partnerstadt Ahnatal in Hessen dabei und bei der Partnerkirchgemeinde Nienburg an der Weser in Niedersachsen.

Wissen Sie noch, was Sie vom Begrüßungsgeld gekauft haben?

Das weiß ich nicht mehr. Aber ich schätze, das war für meinen Sohn Spielzeug, der damals zehn Jahre alt war.

Durften Sie schon vor dem Mauerfall in den Westen reisen?

Nein. Wir hatten keine Verwandten und Beziehungen.

Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen?

Niemals. Für mich kam das als Pfarrer nie in Frage. Außerdem hatte ich hier meine Familie. Ich hatte das Glück, meine Frau in Burgstädt kennenzulernen.

Nach dem Mauerfall ging die Entwicklung recht schnell in Richtung Wiedervereinigung. Wie haben Sie das empfunden?

Für mich war es staatsrechtlich ein logischer Weg des Beitritts der DDR in die BRD. Das Grundgesetz war die Orientierung. Ich wollte keine bessere DDR. Ich hatte die Autobiografie von Alexander Dub č ek, dem einst mächtigsten Politiker der Tschechoslowakei, gelesen. Dort stand, dass es keinen reformierbaren Sozialismus gibt - eine bessere DDR ist also nicht möglich.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler der Wiedervereinigung?

Das kann ich nicht beantworten.

Nach der Wiedervereinigung hatte die Region mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, viele Betriebe haben nicht überlebt. Hatten Sie je Existenzängste?

Als Pfarrer hatte ich nie Existenzängste. Aber Burgstädt war eine Stadt der Textilindustrie. Mit Bedauern habe ich zur Kenntnis genommen, dass Traditionsbetriebe dann nicht mehr da waren. In der Männerarbeit der Kirche, wo ich aktiv war, habe ich von vielen Schicksalen erfahren. Die Landeskirche hat dann praktische Hilfe gegeben, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Haben sich Ihre Hoffnungen von 1989 erfüllt?

Wenn wir ehrlich sind, ging es doch damals um drei Größen: freie Reisen, Häuserbau und Kauf eines ordentliches Autos. Wir haben uns auf den Hausbau konzentriert. Das Auto fahre ich für den täglichen Gebrauch. Reisen haben wir hintenangestellt. Im Ruhestand genießen wir unser Zuhause mit dem Garten.

Doch viele können sich heutzutage an diesen Errungenschaften nicht erfreuen.

Das stimmt. Manchen, die damals auf die Straße gegangen sind und es heute tun, ist nicht klar, dass man nicht alles haben kann. Manchem fällt es schwer, realistisch einzuschätzen: Was kann ich, was nicht. Heute wollen manche Leute alles haben. Eine gewisse Bescheidenheit vermisse ich da. Ich sehe dieses Bild der Schere: Es klafft in unserem Leben vieles auseinander. Wohlstand auf der einen Seite, der manche Blüten treibt, und auf der anderen Seite Armut, manche sind sozial fast abgehängt. Ich wünschte mir auch, dass heute wieder jeder ehrlich und offen seine Meinung äußern kann. Da ist etwas verloren gegangen. Ich habe den Eindruck, das ist auch so von einigen Politikern gewollt.


Jürgen Werner

Der gebürtige Leipziger hat während des Konfirmandenunterrichts in seiner Heimatkirche im Ortsteil Neustadt/Neuschönfeld den Entschluss gefasst, Pfarrer zu werden. Am Theologischen Seminar studierte er Theologie. Seine erste Pfarrstelle war 1967 Nepperwitz bei Wurzen. Von 1982 bis zum Ruhestand 2003 war er Pfarrer an der Evangelisch-Lutherischen Stadtkirche in Burgstädt. Im Herbst 1989 war er Vertreter der Kirche am Runden Tisch in Burgstädt. Mehr als zehn Jahre saß er für die Freien Wähler Burgstädt (FWB) im Stadtrat. Zudem unterrichtete er in der Diesterwegschule Religion. Als Rentner engagiert er sich im Förderverein des neuen Kirchgemeindehauses. Der 77-Jährige ist verheiratet und hat einen Stiefsohn. (bj)

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