Kita-Offensive läuft - Haben Tageseltern das Nachsehen?

Bevor sie in den Ruhestand geht, hat eine Tagesmutter Nachfolgerinnen gefunden. Doch das kam bei der Stadt nicht gut an.

Im Flur ist ein Kinderwagen geparkt, im Schlafzimmer stehen fünf Bettchen und ein kleines Rundzelt. Im Wohnraum lockt eine Kuschelecke mit vielen Kissen zum Entspannen nach dem Toben, eine Spielküche wartet auf kleine Köche. Doch auch wenn es so aussieht, als wenn in der Wohnung von Tagesmutter Marika Dietzel die kleinen Bewohner in Kürze zurückkommen - sie werden es nicht mehr tun. Nach zehn Jahren als Tagesmutter geht die Chemnitzerin Anfang Dezember in den Ruhestand. "Ich habe mehr als 45 Jahre gearbeitet, jetzt ist Schluss. Ich muss an meine Gesundheit denken", sagt Marika Dietzel.

Sie geht mit Wehmut. Denn sie hat nicht nur gern die Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren betreut, sie hatte auch zwei potentielle Nachfolgerinnen gefunden, betont die 63-Jährige. Eine von ihnen sollte die Stelle als Tagesmutter übernehmen und auch die gemietete Wohnung als Tagesmutter weiter nutzen. Doch dazu kam es nicht, sagt Marika Dietzel. "Die Stadtverwaltung sagt Nein zu meinem Plan." Hintergrund seien die neuen Kitas, die in der Stadt gebaut werden, habe ihr eine Fachberaterin im Jugendamt gesagt. Deshalb solle die Anzahl der Tagesmütter und -väter in Chemnitz heruntergefahren werden, habe die Fachberaterin ergänzt. Die Stadtverwaltung weist die Aussagen zurück. Sie könnten nicht bestätigt werden, erklärt eine Rathaussprecherin. Sie verweist auf das grundsätzliche Wunsch- und Wahlrecht der Eltern für die Betreuung der Kinder. "Liegt entsprechender Bedarf vor, werden Kindertagespflegestellen selbstverständlich weiterhin besetzt", so die Sprecherin. Diese Stellen nicht wieder zu besetzen, um Kitas auszulasten, "entspricht nicht dem Grundanliegen der Stadt", betont sie weiter.

Tatsächlich aber sinkt die Anzahl der Stellen für Tagesmütter und -väter in Chemnitz. Während 2016 und 2017 laut Verwaltung jeweils 100 Stellen besetzt waren, sind aktuell noch 89 Tageseltern in der Stadt tätig. Der Verein Kindertagespflege Chemnitz verweist auf den vom Stadtrat bis 2021 beschlossenen Kita-Bedarfsplan. "Dort sind 100 Tagespflegestellen genehmigt", so Vorstandsmitglied und Tagesvater Ronny Kamprath. Er wisse aus eigenem Erfahren und von anderen Tagesmüttern und -vätern, dass der Bedarf an Betreuung von Kindern in kleinen Gruppen bei Chemnitzer Eltern groß ist. Tageseltern betreuen maximal fünf Kinder. Die Stadtverwaltung bestätigt den Bedarf. Für 2020 gebe es für 82 der derzeit 89 Tageseltern bereits Wartelisten. Während bei 44 Stellen ein bis vier Kinder auf der Liste stehen, sind es bei vier Tageseltern sogar 15 bis 20 Kinder, teilt die Verwaltung mit.

Trotz des Bedarfs wurde die Tagesmutterstelle von Marika Dietzel nicht wieder besetzt. Die Frage, warum das so ist, lässt die Verwaltung unbeantwortet. Die Sprecherin erklärt jedoch, dass sich die Stadt in einer Fürsorgepflicht gegenüber den Tageseltern sehe, da diese selbstständig tätig sind und mit der Kinderbetreuung ihr Geld verdienen. "Jeder nicht belegte Platz führt zur Verringerung des Verdiensts." Deshalb werde jede Neuzulassung einer Tagesmutter "sorgfältig abgewogen". Dieses Problem sei nicht von der Hand zu weisen, sagt Ronny Kamprath. Es sei wichtig, als Tagesvater oder -mutter gut ausgelastet zu sein und die Maximalanzahl von fünf Kindern zu betreuen. Doch auch er sagt, dass es "ein offenes Geheimnis" sei, dass derzeit frei werdende Stellen von Tageseltern durch die Stadt nur ungern wieder besetzt werden. Doch der Verein, der kürzlich einen neuen Vorstand gewählt hat, wolle konstruktiv mit der Stadt zusammenarbeiten, so Kamprath.

In der Stadt läuft derzeit eine Kita-Offensive. Wegen gestiegener Geburtenzahlen, Zuzügen und der Aufnahme von Flüchtlingen mit Kindern reichten die vorhandenen Kapazitäten nicht mehr aus. 2018 wurden drei neue Kitas eröffnet, dieses Jahr waren es zwei, 2020 sollen weitere Einrichtungen folgen.

Marika Dietzel musste derweil die Wohnung kündigen, in der sie in den vergangenen fünf Jahren Kinder betreute, weil ihre Tagespflegestelle "Buntbarsche am Schloßteich" nicht wieder besetzt wird. Derzeit verkauft sie Mobiliar und Spielsachen: "Ich weiß nicht, wohin damit." Am Sonntag wird es in der Wohnung an der Konradstraße 7 von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr eine weitere Räumaktion geben.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 13
    6
    Lexisdark
    30.10.2019

    Wieder ein gutes Beispiel für Verwaltung an Bürger und Bedarf vorbei. Hat die neue App wohl nicht funktioniert. Und die Tagesmutter wird indirekt noch als Lügnerin bezeichnet, weil sie sich die Aussage der Fachberaterin ausgedacht hat. Unmöglich, diese arrogante Art der Stadt Chemnitz. Damit spielt man bestimmten Parteien noch mehr Wählerstimmen zu.



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