Kulturhauptstadt: Wie soll es weitergehen?

Trotz der Ereignisse der vergangenen Wochen wollen die Verantwortlichen an der Bewerbung für 2025 festhalten. Die Kreativszene übt indes Kritik an der Verwaltung.

Demonstrationen mit rechtem und linkem Hintergrund nach dem gewaltsamen Tod eines Menschen, Ausschreitungen und gezielte Angriffe auf Migranten, ein Fiasko für das Image der Stadt: Kann Chemnitz mit diesem Rucksack noch Kulturhauptstadt 2025 werden? Und sollte die Stadt überhaupt den Bewerbungsprozess fortsetzen? Fragen, die sich viele Chemnitzer in den vergangenen Tagen gestellt haben.

Der Programmbeirat hat nun eine Antwort gefunden. Die Ereignisse der letzten Tage hätten der Chemnitzer Bewerbung nicht den Boden entzogen, heißt es in einer Stellungnahme. "Im Gegenteil: Der Prozess ist wichtiger denn je - für ein weltoffenes, tolerantes und demokratisches Miteinander." Man könne im Laufe der Bewerbung einen Bürgerdialog anregen und Identität stiften, meinen die Mitglieder des Rates. "Das mag ein konfliktreicher Prozess werden, in jedem Falle ist er notwendig und eine große Chance für ein vielfältiges Chemnitz", heißt es.

Wie genau sich die Chemnitzer in den Prozess einbringen können, war immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Bürger, die sich beteiligen wollen, wussten nicht so recht, wie. Und die freie Kulturszene fühlt sich vom Programmbeirat nicht richtig wahr- und ernstgenommen. Zuletzt trat Holm Krieger aus dem Rat aus; die Gründe blieben offen. Nun hat auch Nino Micklich, Kulturintressierter und Unterstützer der Bewerbung, seine Mitarbeit beendet. Er habe lange genug geredet und mehr Beteiligung eingefordert, sagt er der "Freien Presse". Nun sei Schluss. Mit einem Austritt aus dem Rat hatte auch der Künstler Guido Günther gedroht. Er bleibe nun aber doch in dem Gremium. "Mir war der Prozess lange Zeit zu nüchtern. Es wurde nun aber versprochen, dass es demnächst um die Inhalte geht, für die wir Kreative uns einbringen können", so Günther.

Um die Wünsche, Ideen und Forderungen zu bündeln, wurde zuletzt ein Gespräch einberufen. Gekommen waren Mitglieder des Programmbeirats, Künstler, Kreative, aber auch interessierte Chemnitzer, die nirgendwo organisiert sind. In der Veranstaltung wurden Vorschläge und Forderungen gesammelt, die - zusammengefasst von den Organisatoren - auch der "Freien Presse" schriftlich vorliegen. Entstanden ist ein Papier mit zehn Hauptpunkten.

Dazu gehört, dass Ideen, die es zur Bewerbung gibt, allen zugänglich gemacht werden, damit sie kreative Anknüpfungspunkte bieten und sich Synergieeffekte bilden können. Weiterhin sollten Ansprechpartner und Verantwortliche benannt werden. "Es ist völlig unklar, wer, wann, was, wie entscheidet", heißt es.

Ein dritter Punkt heißt "Miteinander reden". Erhebliche Teile der Bevölkerung seien noch uninformiert. Man müsse ihnen Vorteile, Möglichkeiten und Visionen der Bewerbung aufzeigen. Das müsse aber leicht und konkret sein. Auch über die interne Arbeit im Kulturhauptstadt-Büro, dem Programmbeirat und der Lenkungsgruppe werde zu wenig kommuniziert. Man wolle wissen, woran gearbeitet wird und wie der aktuelle Stand ist. Es müsse auch klargestellt werden, für wen der Prozess überhaupt gemacht wird, für die Bewerbungspapiere oder für die Chemnitzer? "Der Eindruck ist ganz klar: Ersteres", steht in dem Papier. Die Außenkommunikation müsse sich auch verbessern. So sollte sie sich auf alle möglichen Kanäle verteilen, "nicht nur auf das Amtsblatt und Pressemitteilungen".

Unter dem Punkt "Verwaltungsbehörde statt Gestaltungsbehörde - Gebt Raum" wird der Wunsch nach mehr Vertrauen in die Kompetenz der Chemnitzer Kulturakteure geäußert. So sei die lokale Szene in der Vorbereitung des Hutfestivals nicht nach Ideen gefragt worden. Überhaupt solle die Verwaltung das Know-how der hiesigen Kulturakteure mehr nutzen und sich auf ihre Vorschläge einlassen.

Der Abschnitt "Lokale Akteure fordern und fördern" bezieht sich vor allem auf eine finanzielle Förderung. So könne das Geld für ein Hutfestival oder die Ostrale besser und nachhaltiger in bereits bestehende Chemnitzer Projekte gesteckt werden. Weiterhin wird eine Analyse der Freien Szene in Chemnitz gefordert. Diese sollte lokal beauftragt werden und untersuchen, wer dazu- gehört, welche Veranstaltungen und Angebote es gibt und wie viele Besucher erwartet werden.

"Wir haben den Eindruck, dass nicht genügend Personal und Know-how vorhanden sind, um unseren Wünschen gerecht zu werden", heißt es weiter in dem Papier. Außerdem vermisse man "ganz stark" Angebote für junge Chemnitzer im Rahmen des Kulturhauptstadtprozesses.


Kommentar: Vorfälle zum Thema machen

Ereignisse, wie sie Chemnitz nach dem gewaltsamen Tod eines jungen Mannes erlebt hat, wünscht sich keine Stadt. Und es wäre auch vermessen, dem noch etwas Positives abgewinnen zu wollen. Dennoch werden die Vorfälle der vergangenen Wochen Einfluss auf die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 haben.

Es kommt nun zum einen darauf an, dass sich alle am Bewerbungsprozess Beteiligten - von der freien Kreativszene bis zur Verwaltung - zusammenraufen und Kompromissbereitschaft zeigen. Es wäre ein fatales Bild, wenn die Organisatoren in diesen Tagen zerstritten wirken.

Zum anderen sollten die Vorfälle in der Stadt eine wichtige Rolle in der Bewerbung spielen. Chemnitz wird ohnehin für längere Zeit mit rechten Demonstrationen und Übergriffen in Verbindung gebracht. Man kommt um das Thema also gar nicht herum. Aus Mitleid dafür, was die Stadt zuletzt erleben musste, werden sich die Juroren aber nicht für Chemnitz entscheiden. Vielleicht votieren sie aber für eine Stadt, die offen und selbstbewusst mit ihren Problemen umgeht- und wenn es noch so schmerzlich ist. Die ersten Äußerungen der Verantwortlichen gehen schon mal in die richtige Richtung.

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