Marianne Brandt, das Glas und die Gegenwartskunst

Eine Sonderschau im Industriemuseum rückt das Material Glas in den Fokus. Zu sehen sind wertvolle Exponate - aber auch Alltagsgegenstände, hinter denen spannende Geschichten stecken.

Kappel.

Ein gewöhnlicher Morgen: Die Brille aufgesetzt, ein Blick aus dem Fenster, ein Schluck Saft aus der Flasche - drei Tätigkeiten, die ohne die Existenz von Glas nicht möglich wären. Der Werkstoff ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, ist so gewöhnlich wie Holz oder Stein. Das war er mit Abstrichen auch schon vor 100 Jahren, als in Weimar die Kunstschule Bauhaus gegründet wurde. Die Künstler und Künstlerinnen dieser Zeit schrieben Glas aber eine weit über die Gebräuchlichkeit hinausreichende Bedeutung zu. "Das durchsichtige Glas galt in der klassischen Moderne und am Bauhaus als Vorzeichen einer demokratischen und transparenten Gesellschaft", sagt Linda Pense, künstlerische Leiterin der neuen Sonderausstellung im Industriemuseum. Sie verweist auf das Cover des Gründungsmanifestes der Schule. Die Illustration zeige eine gläserne Zukunftskathedrale. "Glas galt im Bauhaus als utopisch."

Anlässlich 100 Jahre Bauhaus widmet das Industriemuseum Glas eine Sonderausstellung, die am Samstag eröffnet wird. Betitelt ist sie mit "Ich bin ganz von Glas - Marianne Brandt und die gläserne Kunst von heute". Die gebürtige Chemnitzerin Brandt (1893 bis 1983) hatte ab 1923 am Bauhaus in Weimar studiert. In dieser Zeit entstand auch das berühmte Tee-Extraktkännchen MT 49 aus Messingblech. Noch bevor sie nach Thüringen ging, hat Brandt ein Gedicht geschrieben, das nicht veröffentlicht wurde und den Satz "Ich bin ganz von Glas" enthielt, berichtet Pense. Bezogen habe sich dieser Ausspruch wohl auf ihrer Gemütslage, auf ihr seelisches Befinden, meint Ausstellungsgestalter Torsten Blume. Er passt aber auch zu Brandts Wirken. Denn auch sie hat sich immer wieder mit Glas auseinandergesetzt, beispielsweise bei der Gestaltung von Lampen.

Einige dieser Leuchten sind nun im Industriemuseum zu sehen, neben Entwurfszeichnungen, Fotografien und Textdokumenten. Die meisten dieser Exponate stammen aus der Sammlung von Bernd Freese. Der Privatsammler war einst über ein Galeristenpaar aus Leipzig auf Dokumente und Kunstwerke Brandts gestoßen und erwarb einiges davon. Nun leiht er sie dem Museum der Heimatstadt der Designerin, Malerin und Bildhauerin.

Das Kabinett mit ihren Exponaten ist einer von drei Teilen der Sonderschau. Der zweite und größte Bereich ist den Kunstwerken von Teilnehmern des 7. Internationalen Marianne-Brandt-Wettbewerbs zum Thema Glas vorbehalten, den der Verein Villa Arte ausrichtet. Rund 350 Künstler und Künstlerinnen aus 37 Ländern hatten sich beworben, ein Kuratorium wählte die 60 Personen aus, deren Schaffen nun gezeigt wird.

Darunter sind Werke, bei denen eher die praktische Formbarkeit des Materials im Vordergrund steht. So hat Laura Jungmann aus Karlsruhe handelsübliche Glasflaschen teils wieder verflüssigt und somit in neue Formen gebracht, aus Massenprodukten also hochwertige, individuelle Einzelstücke gefertigt. Andere Kunstwerke setzen sich eher metaphorisch mit Glas auseinander, beispielsweise mit dem Schreckensszenario des gläsernen Menschen, der durchleuchtet wird und ohne Privatsphäre lebt. "Es zeigt sich, wie Glas unseren Alltag nicht nur funktional durchdringt, sondern zugleich auch poetisch zu reflektieren vermag", sagt Pense, die den Wettbewerb leitet, über die Werke.

Der dritte Part schlägt den Bogen zurück zum Alltag und zur Heimatstadt Brandts. Das Museum hatte Chemnitzer und Chemnitzerinnen aufgerufen, sich mit persönlichen gläsernen Erinnerungsstücken an der Schau zu beteiligen. Mehr als 30 Objekte sind eingegangen und werden im Bereich "Glasschätze" gezeigt. Zumeist handelt es sich um Gegenstände, die nur geringen finanziellen, aber großen ideellen Wert haben. So habe eine Familie eine Lampe zur Verfügung gestellt, die 1936 von den Großeltern erworben worden war, berichtet Ausstellungsgestalter Blume. Das Besondere: Sie befand sich einst in einer Wohnung, auf dem Kaßberg, die bei einem Bombenangriff 1945 stark zerstört wurde. "Als einziges blieb die Lampe intakt", so Blume.


Vorträge und Filmabend im Begleitprogramm

Die Sonderschau "Ich bin ganz von Glas" wird am Samstag eröffnet und ist bis zum 1. Dezember zu sehen. Führungen werden am 6. Oktober und 10. November jeweils 14 Uhr angeboten. Zum Programm gehören mehrere Vorträge:

24. Oktober, 18 Uhr: Privatsammler Bernd Freese spricht über die Sammelleidenschaft zum Thema Bauhaus.

21. November, 18 Uhr: Museumsleiter Oliver Brehm und Ausstellungsgestalter Torsten Blume referieren zum Thema "Antike trifft Moderne".

28. November, 18 Uhr: Vorführung "Hurra! Es ist ein Mädchen" von Beate Kunath und Gespräche mit ihr.

Weitere Informationen unter: www. saechsisches-industriemuseum.com

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