Nach Feuer: Ungewissheit belastet Wirt

Im Herbst haben Unbekannte das türkische Lokal an der Straße der Nationen in Brand gesetzt. Die Polizei sucht noch immer nach den Tätern. Das Opfer bewegen viele Fragen.

Wie es weitergeht? Das kann Ali Tolasoglu, Wirt des türkischen Restaurants "Mangal", auch fast drei Monate nach dem Brandanschlag nicht sagen. Die Polizei ermittelt, Gespräche mit der Versicherung laufen. Er ist zum Nichtstun verdammt. "Ich bin es nicht gewöhnt, zu Hause auf dem Sofa zu sitzen", sagt der 46-jährige Familienvater. Dort kommen sie, die Gedanken an den Anschlag und seine Folgen. Und die Fragen: Soll er sein Lokal wieder öffnen? Wie kann er sich schützen? Sie nagen an ihm.

Eines steht für ihn fest: Solange die Hintergründe des Anschlages ungeklärt sind, nicht feststeht, ob es einen fremdenfeindlichen Hintergrund gibt oder nicht, will er keine Entscheidung treffen, sagt er. "Wie klug und wie sicher ist es, das Lokal wieder aufzumachen?", fragt er sich. Und denkt an die Bewohner des Mehrfamilienhauses, in dem sich das "Mangal" befindet. Obwohl alle unverletzt blieben, wurden sie von den Tätern einer großen Gefahr ausgesetzt, als sie das Lokal im Erdgeschoss in Brand setzten. Kann er das Risiko eingehen, dass so etwas noch einmal passiert? Der zweifache Familienvater denkt aber auch an seine Kinder. Was, wenn seine Familie oder Mitarbeiter dort gewesen wären, als es passiert ist? Die Ungewissheit sei zermürbend. "Das Schlimme ist, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht. Dabei ist es wichtig für mich, eine Perspektive zu haben", sagt Ali Tolasoglu.

Rückblick: In der Nacht zum 18. Oktober drangen Unbekannte in die Gaststätte an der Straße der Nationen ein, verschütteten an die 100 Liter Benzin an mehreren Stellen im Lokal, zündeten es an. Hausbewohner sahen, wie drei muskulöse Männer in dunkler Kleidung vom Tatort mit einem roten Pkw flüchteten. Noch während die Brandermittler am Werk waren, teilte die Polizei mit, dass sie einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht ausschließt. Wenige Tage zuvor hatten drei Männer in schwarzer Kleidung den Wirt des persischen Restaurants "Safran" am Schloßteich überfallen, im August war das jüdische Lokal "Schalom" attackiert worden. Das Extremismus- und Terrorismus-Abwehrzentrum des Landeskriminalamtes übernahm die Ermittlungen wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Verbindung mit besonders schwerer Brandstiftung.

Kürzlich habe er einen Termin bei der Polizei gehabt. Auskunft zu den Ermittlungen hätten ihm die Beamten jedoch nicht gegeben, sagt Tolasoglu. Die Staatsanwaltschaft teilte am Montag mit, dass es keine neuen Erkenntnisse gebe. Auch mit der Versicherung führt er Gespräche. Nach einer ersten Abschlagszahlung hat Ali Tolasoglu bisher kein weiteres Geld überwiesen bekommen. Er rechne täglich damit, da er alle nötigen Unterlagen abgegeben habe, sagte er am Montag.

Nach wie vor ist Ali Tolasoglu erleichtert, dass in jener Nacht niemand verletzt wurde. Das Lokal wurde vollständig zerstört. "Es muss komplett entkernt und saniert werden, nicht einmal die Elektrik funktioniert noch", berichtet er. Sollte er das Restaurant wieder öffnen, dann wohl erst im Oktober. So lange benötigten Bauarbeiter und Handwerker, die Gaststätte zu sanieren, sagte Tolasoglu nach einer Beratung mit Bauleuten.

Dass der Anschlag ihm persönlich gegolten haben könnte, glaubt Tolasoglu nicht. "Es war eben das einzige türkische Restaurant in der Gegend", sagt er. Dennoch habe er in den Tagen danach unter Schock gestanden. Zugleich war das Interesse an seiner Person groß. "Tagelang hat das Telefon geklingelt, Politiker haben angerufen, aus Deutschland und aus der Türkei", erzählt er. Der sächsische Ministerpräsident und die Oberbürgermeisterin besuchten das ausgebrannte Lokal, auch ein Treffen mit der Kanzlerin gab es. "Manche sagen zwar: 'Davon kannst Du Dir nichts kaufen.' Aber zu wissen, dass man in dieser Situation nicht allein ist, ist gut für die Seele."

Auch in Frankenberg, wo er seit rund 20 Jahren wohnt, habe er eine Welle der Solidarität erlebt, sagt Tolasoglu: "Die meisten hier waren betroffen. Ich hatte hunderte Anrufe." Ein Jugendclub habe sogar eine Spendenaktion für ihn organisieren wollen. "Aber das habe ich abgelehnt. Andere Menschen brauchen das Geld dringender", sagt er.

Als Jugendlicher kam der Kurde aus der Türkei nach Deutschland, seit rund 20 Jahren lebt er in Frankenberg. Bevor er 2017 das "Mangal" eröffnete, betrieb er jahrelang einen Imbiss in einem Frankenberger Ortsteil. In der Kleinstadt kenne man einander, der 46-Jährige vergleicht sie mit einer Familie: "In jeder Familie gibt es doch solche und solche. Ich kenne auch die rechte Szene hier persönlich." Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit habe er in all dieser Zeit nie gemacht. Aus Sachsen fortzuziehen kommt für ihn nicht in Frage: "Ich habe ein Haus gebaut, meine Söhne haben hier ihre Schulfreunde." Und außerdem, sagt er lachend, "sagen sie im Westen doch schon 'Ossi' zu mir."

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2Kommentare
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  • 17
    1
    ChWtr
    08.01.2019

    Warum immer gleich so negativ, ArndtBremen? Und das ist noch freundlich ausgedrückt.

    Die Hochwasseropfer sind die eine Sache und diese Angelegenheit muss selbstverständlich geregelt werden.

    Versicherungen bzw. Landesbehörden (Zuschüsse) mahlen in der Regel langsam, ist leider so und nichts Neues.

    Der Brandanschlag ist jedoch eine ganz andere Dimension. Nämlich ein gezielter Anschlag auf Leib und Seele sowie fremdes Eigentum.

    Warum wird das von Ihnen mit den Hochwasseropfern verknüpft?
    Fehlt es Ihnen an Empathie gegenüber unseren Mitmenschen?

    Die Hochwasseropfer hatten und haben meine Unterstützung incl. Empathie - die Anschlagsopfer uneingeschränkt auch.

    Wer das anders sieht oder mit DENEN sympathisiert ist ein Feind unserer Gesellschaft.

  • 1
    19
    ArndtBremen
    08.01.2019

    Behördenmühlen mahlen langsam. Es gibt auch heute noch Hochwasseropfer, die auf Entschädigung warten.



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