Neue Grabungen: Wie Holz zu Archäologen spricht

Bevor auf dem Getreidemarkt ein Wohn- und Geschäftshaus errichtet wird, suchen Forscher nach Spuren aus der Stadtgeschichte. Zwei Dinge könnten dabei besonders helfen.

Wie haben die Menschen im Chemnitzer Stadtkern früher gelebt, wie sahen ihre Häuser aus? Fragen wie diesen wollen Archäologen mit Hilfe von Grabungen am Getreidemarkt auf den Grund gehen. Ein Jahr werden bis zu zwölf Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie nach früherem Leben im Kerngebiet von Chemnitz auf einer Fläche von rund 5000 Quadratmetern und in einer Tiefe bis 2,60Meter suchen. Die Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse aus der Gründungszeit der Stadt. "Mit viel Glück stoßen wir auf Funde aus dem letzten Viertel des 12.Jahrhunderts", sagt Christiane Hemker, Referatsleiterin im Landesamt. Die hohe Bedeutung des Grabungsgebietes ergebe sich aus seiner Lage nahe Kirche und Markt und innerhalb der früheren Stadtmauern, so Grabungsleiterin Petra Schug. Dieser Siedlungskern sei vermutlich in der frühen Phase der Besiedelung von Chemnitz entstanden. Über diese Zeit sei noch zu wenig bekannt, so die Referatsleiterin.

Während die Erkundung der Stadtgebiete von Dresden und Leipzig laut Christiane Hemker nahezu abgeschlossen ist, rückt Chemnitz zunehmend in den Fokus archäologischer Untersuchungen, erklärte am Montag der Sprecher des Landesamtes, Christoph Heiermann. Grund sind die bevorstehenden Großinvestitionen in die Bebauung des Zentrums entlang der Bahnhofstraße und auf dem Getreidemarkt. Seit August graben die Landesarchäologen bereits auf einem Areal neben dem Archäologiemuseum auf dem Gelände des künftigen Firmensitzes des Energieversorgers Eins. Dieses Grabungsgelände sowie das neue Untersuchungsfeld am Getreidemarkt haben eine Gesamtfläche von insgesamt etwa 12.000 Quadratmetern. Damit gehören die Arbeiten im Chemnitzer Zentrum gegenwärtig zu den größten archäologischen Flächenuntersuchungen in Mitteldeutschland, so Christiane Hemker. Die Grabungen auf dem Getreidemarkt gehen dem Bau eines Wohn- und Geschäftshauses auf dem Areal voraus.

In früheren Zeiten war das Viertel um Jakobikirche und Rathaus aller Wahrscheinlichkeit nach Sitz des Gerberhandwerks. Grabungen in den 1950er-Jahren gaben darüber Rückschlüsse, da etwa Grubenbefestigungen und Wasserrinnen gefunden wurden, die von den früheren Bewohnern als Gruben genutzt worden waren. Auch der Name der Lohstraße weist darauf hin, so Christoph Heiermann. Er rührt von der für das Handwerk benötigten Gerberlohe, so der Sprecher. Den jetzigen Wissenschaftlern sollen bei ihrer Arbeit vor allem zwei Dinge helfen: Latrinenschächte und Holzfunde. "Holz ist für uns ein enormer Informationsspeicher. Holz spricht zu uns", erklärte Christiane Hemker. Durch die Jahresscheiben im Holz können die Archäologen das Alter entsprechender Funde genau datieren. Die Referatsleiterin erwartet Holzfunde in Größenordnungen, sagte sie. Es könne in Balken, Wegebefestigungen, Lohgerbergruben, Latrinen oder Wasserführungen gefunden werden. Insbesondere Latrinenschächte seien von Bedeutung. "Sie sind die Müllschlucker des Mittelalters und bergen viele Hinweise", sagt Christiane Hemker. Die Funde werden nach ihrer Freilegung nach Dresden gebracht, dort untersucht und konserviert.

Über den Fortgang der Grabungen soll zum einen über Plakate am Bauzaun rund um den Getreidemarkt informiert werden. Zudem wollen die Archäologen bei Führungen Ergebnisse ihrer Arbeit zeigen, kündigte Christiane Hemker an.

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