Neuer Chemnitz-Film sorgt für Debatte

Seit wenigen Tagen ist ein Clip über die Stadt online. Er transportiert eine persönliche Sicht und wird heiß diskutiert. Soll man Chemnitz als mittelmäßig, aber liebenswert oder als besser im Vergleich mit anderen darstellen?

Chemnitz.

Nein, ein Imagefilm soll es gar nicht sein. Produzent René Kästner erklärt, sein Clip "About Chemnitz" sei eine persönliche Sicht auf seine Stadt. "Wir hatten nie den Anspruch zu zeigen, wie schön Chemnitz ist", sagt er. Man habe darauf verzichtet, die Sehenswürdigkeiten zu filmen, denn jeder habe eine andere Auffassung davon, welche in einen Film gehören würden. Der Streifen ist Teil der Kampagne "So geht sächsisch", die im Auftrag des Freistaates für Sachen wirbt. Teams aus 13 Städten wurden im Rahmen einer Kurzfilmreihe, die nun durch sächsische Kinos tourt, beauftragt, ihre persönliche Sicht zum Thema Heimat darzustellen. Beim Chemnitzer Film erlebt der Zuschauer eine junge und eine ältere Frau, die einen Tag in ihrer Stadt verbringen und Sätze sagen wie "Chemnitz ist ein Mittelding".

Auf der Facebookseite von "So geht sächsisch" finden sich rund 200Kommentare zum Video. Viele davon sind positiv. Sie reichen von "Gute Idee", "Es löst ein Gefühl der Heimat aus" über "sehr gut gemacht" bis zu "Unfassbar schön und wohltuend ohne Marx", "Eine tolle Liebeserklärung". Kritik gibt es aber auch. So schreibt ein Kommentator, der Film zeige Chemnitz in einem Licht, "das in Wirklichkeit schon viel heller scheint". Dinge wie günstige Mieten, Museen und die Uni, die eine lebenswerte Stadt ausmachten, vermisse er im Film. Eine Frau schreibt, sie hätte sich mehr und längere Eindrücke von Bauwerken, Stadtvierteln und dem Zentrum gewünscht, außerdem belebte Straßen und Plätze. "Ein Film, der den Zuschauer von Anfang an auf Grau programmiert", schreibt ein Mann. Ein anderer kommentiert, der Film sei oberflächlich und es fehle an der tiefgründigen Auseinandersetzung mit Chemnitz.

Ebenfalls kritisiert wird, dass die beiden Frauen hochdeutsch statt sächsisch sprechen. Filmproduzent Kästner sagt, sie seien nicht gecastet worden, sondern aus dem persönlichen Umfeld seiner Mitarbeiter. Gerade weil die Frauen authentisch und Laien seien, habe man von ihnen nicht verlangen können, einen vorgegebenen Text filmtauglich zu sprechen. Dafür brauche es Profis, so Kästner. Sprecher mit sächsischem Dialekt seien kaum zu bekommen.

Die Teilnehmer eines Integrationskurses an der Volkshochschule schrieben am Dienstag jeweils einen Satz zum Film an die "Freie Presse". Er sei realistisch und zeige die Wirklichkeit, heißt es da. Nur ein Kursteilnehmer findet ihn langweilig. Von "Freie Presse" zum Film befragt, sagt Ralf Sippel, Mitglied der Geschäftsleitung der Zebra-Werbeagentur, das Video sei "nett gemacht". Ihn störe aber das Thema Grau und Mittelmäßigkeit. Denn mit der Kampagne "Chemnitz ist weder grau noch braun", an der die Werbeagentur maßgeblich beteiligt ist, versuche man gerade, das Image der Mittelmäßigkeit zu überwinden. In Chemnitz gebe es positive Perspektiven. "Der Film versäumt, diese in das Wording einzubauen", so Sippel. So hätte man, statt zu sagen, dass Chemnitz eine Großstadt wie ein Dorf ist, auch sagen können, dass die Größe der Stadt genau richtig sei, weil es kurze Wege gebe. Allerdings appelliert Sippel daran, verschiedene Sichtweisen auf Chemnitz zuzulassen. Es könne nicht den einen wahren Film über die Stadt geben, so wie es nicht die eine Wahrheit gebe. "Das müssen wir aushalten", so Sippel. Der Film belebe die Diskussion darüber, "wer wir sind und was wir sein wollen".

Wie gefällt Ihnen der Film? Schreiben Sie an red.chemnitz@freiepresse.de

Pro und Kontra

Mich spricht der Film an, weil er ein Lebensgefühl vermittelt, statt nur Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Ob jeder so empfindet, sei dahingestellt, sagt Redakteurin Galina Pönitz.

Ein Mittelding zu sein, wie eine der Protagonisten in dem Film Chemnitz bezeichnet, ist meiner Meinung nach nichts Schlechtes. Ja, es stimmt, Chemnitz fehlt es an manchem, auf das andere Städte verweisen können, wie Dresden auf seine kulturhistorische Bedeutung. Und ja, die Chemnitzer Bevölkerung besteht nicht nur aus Alten und Jungen, wie sie im Film zu Wort kommen. Dennoch: Gerade weil der Film - teilweise zwischen den Zeilen - auch aufzeigt, wo es in der Stadt klemmt, ist er authentisch, real. Stellt sich die Frage, was ist der Film? Und was ist er nicht? Er mag keine Werbung sein, mit der scharenweise Touristen nach Chemnitz gelockt werden. Doch zweifelsohne ist er ein Statement von (zwei) Einwohnern, denen sich mancher anschließen mag, andere nicht. So ist eben die Realität.

Ob beabsichtigt oder nicht: Dieser Film bekräftigt ein problematisches Image. Viele Vorzüge von Chemnitz indes bleiben außen vor. Schade, findet Redakteur Michael Müller.

Der Film will kein Image-Streifen sein - und ist doch einer geworden. Und zwar ein problematischer. Rein optisch weiß er zu gefallen, mit ästhetischen Bildern, warmen Farben, sympathische Figuren. Doch warum agiert die jüngere Protagonistin fast nur in menschenleerer Umgebung.

Ist Chemnitz eine Einöde? Beinahe deprimierend wird es, wenn man den Ton einschaltet: "Grau", "mittelmäßig", "komische Stadt", "höchste Apothekendichte", "wie ein Dorf", "verzweifeln" - so lauten die Schlüsselbotschaften. Lebenswert klingt anders. Lebensnahe Themen, bei denen Chemnitz echte Pluspunkte zu bieten hat, tauchen gar nicht erst auf - Wohnen, Kitas, Mobilität, Mega-Investitionen in moderne Schulen, Sport und Freizeit. Ein ehrlicher Film? Mag sein. Aber keiner, der Chemnitz hilft.

Szenen aus dem Stadtbild, Forscher an der TU Chemnitz: Was Imagefilme über Chemnitz zeigen 

Im Rahmen der Werbekampagne des Freistaats "So geht sächsisch" ist der neueste Chemnitz-Clip entstanden, der seit dem Wochenende im Internet angeschaut werden kann. Der Zuschauer folgt einer jungen und einer älteren Frau durch ihren Tag.

 

 

 

Das Rathaus hatte 2013 den Imagefilm "Viele Klänge, ein Rhythmus, unsere Stadt" anfertigen lassen. Der eineinhalbminütige Streifen zeigt Szenen aus dem Leben und aus Einrichtungen der Stadt wie Industriemuseum, TU und Opernhaus.

 

 

In Reaktion auf die Ereignisse im August 2018 erschien im Rahmen der Aktion "Chemnitz ist weder grau noch braun" ein fast dreiminütiger Film. Er zeigt sieben Kinder, die verschiedene Orte der Stadt aufsuchen, darunter den Stadtpark und den TU-Campus.

 

 

Auch die TU Chemnitz hatte mit einem Film auf die Ereignisse im August reagiert. In dem Clip "Wir sind Chemnitz" kommen Menschen aus verschiedenen Nationen zu Wort, die sich in ihrer Landessprache zu Studium und Forschung an der Uni äußern.

 

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
10Kommentare
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  • 6
    0
    Klemmi
    09.01.2019

    Für mich als Chemnitzer mit räumlicher Distanz zu meiner Heimatstadt wirkt der Streifen mittelmäßig. Mit typischer Chemnitzer Bescheidenheit schlängeln sich zwei Damen durch Grünanlagen und Straßenzüge, Sehenswürdigkeiten lässt man weg, es liegt ohnehin im Auge des Betrachters, was Chemnitzer Sehenswürdigkeiten sind. Bescheidenheit ist eine Tugend, die den beiden "größeren Schwestern" nicht wirklich gegeben ist, jedoch bedient man sich in Chemnitz zuviel davon. Wie schon in einem Vorkommentar erwähnt, sind (O-Ton): "komische Stadt", "mittelmäßig", "Apothekendichte", Umschreibungen, welche die alten und gern genutzten Klischees über Chemnitz unterstreichen. Wäre es nicht sinnvoller etwas Stolz zu zeigen? Zu zeigen, dass sich die Stadt in vielen Fällen aus eigener Kraft, auch zum Positiven, entwickelt hat, ohne Mäzenen und zusätzliche Obolusse. Wäre es nicht Zeit für einen kleinen, versteckten Seitenhieb in Richtung Dresden im Hinblick auf die Bewältigung der alltäglichen Probleme, die eigentlich auch die Landesregierung interessieren sollte? Fazit: Im Großen und Ganzen nett anzusehen, jedoch wird auch wieder die Stadt in die altbekannte, mäßig ausgeleuchtete Ecke gestellt.

  • 9
    1
    KarlChemnitz
    09.01.2019

    Zurück zum Thema: Mir gefällt der Film sehr gut. Er ist aus meiner Sicht sehr authentisch und beschreibt ganz gut die ambivalente Aura meiner Heimatstadt. Nicht geschönt, nicht diffarmiert - und deshalb liebenswert. Über Sinn und Zielsetzung der Produktion kann man allerdings streiten.
    Ich kann mit dem ganzen Stadtmarketing, dass mit Krampf versucht, irgendein hippes und cooles Image in die Welt tragen zu wollen, sowieso relativ wenig anfangen. Chemnitz ist das, was wir daraus machen: Nicht in Kampagnen, sondern jeden Tag im wahren Leben.

  • 9
    3
    Freigeist14
    09.01.2019

    Mike1969@ die Zerschlagung der Auto-Union lag ja wohl zuerst an der Übergabe von Betrieben von Kriegs u.Naziverbrechern in Volkes Hand . Legitimiert durch gleichnamigen Volksentscheid 1946 in Sachsen . Da war die DDR noch weit . Selbstverständlich nahm die Produktivität,die Akkumulation in den 80iger Jahren und das Fahren auf Verschleiß besorgniserregende Ausmaße an . Dennoch wirken die Schocktherapien ab 1990 gegenüber Germania,Heckert ,RAW Hilbersdorf bis heute nach , als zigtausende ihren Arbeit und Zuversicht verloren . Auch wenn Neunmalkluge Egon Krenz zitieren : Eine geringere Produktivität heißt nicht,das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die hochgeschätzten Innovationen im Chemnitz von heute geht oft eine ausgezeichnete Ausbildung vor 1990 voraus .

  • 5
    6
    Mike1969
    09.01.2019

    @Deluxe: Etwas Nicht? Die Wende war das Ergebnis einer Industrie die am Boden lag. Billiglohnland DDR. Mit guten Produkten und einer Infrastruktur "zum wegrennen". Ja, dass meine ich daher ernst. Wie sollte man dies nicht ernst nehmen? Es ist natürlich ein komplexes Thema. Wie es im einzelnen dazu kam, dass Chemnitz heute industriell dort steht wo es steht. Doch eins bleib sicher. Chemnitz war bis zum Ende des 2. Weltkrieg die führende Industriestadt Europas. Und nach dem Krieg … und zu DDR-Zeiten … ???

  • 7
    5
    Deluxe
    09.01.2019

    @Mike1969
    Der Sozialismus hat der Stadt den industriellen Todesstoß gegeben?
    Meinen Sie das ernst?

    Offenbar waren Sie zu sozialistischen Zeiten nie in Karl-Marx-Stadt, sonst wüßten Sie es besser...

  • 5
    3
    acals
    09.01.2019

    Nach der Verabschiedung des ersten deutschen Patentgesetzes 1877 eroeffnete bereits 1878 eine der ersten deutschen Patentauslegezentren in Chemnitz. Der Bedarf war auch enorm, denn die Patentdichte des Industrieraumes Chemnitzes ueberstieg den des britischen Manchasters. Dieses hielt auch nach dem 1. WK noch an, um nach dem 2WK ... aber darueber sprechen wir lieber nicht, denn unser verehrter und hochgeschaetzer Genosse Egon Krenz hat ja 25 Jahre nach Ueberlegen nach der Wende endlich feststellen koennen "unsere produktivitaet war zu gering". Jo, und ein Grund dafuer war das unter sozialistischen Produktionsverhaeltnissen auch die Patentdichte dramatisch absinkt und es keine intellektuellen Entwicklungen mehr gibt. (Das liegt nun nicht an der Bloedheit der Leute, sondern daran das die Partei die den Sozialismus im Namen traegt immer Recht hatte und immer das letzte Wort. Ich gebe gerne Bsp. aus 1. hand).

    Uberigens, seit 2005 ist die Patentanzahl in Chemnitz um ca. 60 % gestiegen ... die Sachsen sind halt doch ein erfinderisches Volk, wenn man sie laesst ...

  • 6
    4
    Mike1969
    09.01.2019

    @Freigeist14: Ich gebe Dir natürlich Recht, dass den Rest die Wende gemacht hat. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Die Wende als selbst hat ja nicht funktioniert. Doch die Grundlage des Ausblutens der Chemnitzer Industrie wurde von der DDR-Regierung betrieben. Die Betriebe waren sicherlich nicht marode vor der Schaffung der DDR. Nur zerstört durch den Krieg. Das Knowhow war noch aber noch da.
    Bsp: Auto Union AG. Der Betrieb wurde durch die DDR-Regierung zerschlagen. Nicht durch den Kapitalismus. Das Nachfolgeunternehmen gibt es heute immer noch in Ingolstadt. Vorher wurden Autos von Weltruf in Chemnitz gebaut. Mit der DDR ??
    Und so kann ich Dir gern noch mehr Bsp nennen ...

  • 9
    3
    Freigeist14
    09.01.2019

    Mike1969@ die Täter und Handlanger der Treuhand und Kohl-Regierung werden Ihnen sicher Applaus zollen, das nach Ihrer Meinung die Ausschaltung Chemnitz als industrielles Herz Ostdeutschland an 40 Jahren Sozialismus liegt .

  • 12
    9
    440214
    09.01.2019

    Dieser Clip könnte aus einem beliebigen Stock-Archiv sein, so oberflächlich ist dieser angelegt und der Name Chemnitz im gesprochenen ebenso mit jeder anderen mittleren Stadt austauschbar. Was soll der englische Titel, wo im Clip deutsch gesprochen wird?
    Ich lebe nicht in Chemnitz, kenne die Stadt aber seit Jahrzehnten. Stadt ist das, was Menschen hier erleben/erlebt haben, was sie geschaffen haben und wie sich ihr Alltag gestaltet. Chemnitz wurde im zweitem Weltkrieg stark zerstört und danach hat man dieser Stadt noch den Namen genommen. Chemnitz ist das Tor zum Erzgebirge und viele Erzgebirger pendeln zur Arbeit hier hin. Ja, Chemnitz ist mehr als Grau und sächsisch geht so nicht!
    Da ziehen Politik und Medien eine Stadt durch den Dreck und dann meint man in Dresden, dass ein kleiner Film den Schmutz wieder abwäscht? Wenn ich Chemnitzer wäre, so würde ich mich erneut nicht ernst genommen und verhöhnt fühlen.

  • 20
    4
    Mike1969
    09.01.2019

    Hallo, es ist schön, dass Chemnitz es auch mal in der Landesregierung es Wert geschätzt wird zu "verfilmen". Doch Chemnitz ist nicht mittelmäßig! Chemnitz ist für mich meine Heimat und die schönste Stadt der Welt. Es ist die Stadt, in der sich ein Lächeln in meinem Gesicht wiederfindet, wenn ich das Ortseingangsschild sehe, wenn ich von einer Fernreise wieder heimkomme. Und der Nischel ist kein Denkmal, sondern ein Mahnmal. An was soll der Nischel denn erinnern? An 40 Jahre Sozialismus die eine Stadt den industriellen Todesstoß gegeben hat? Chemnitz ist Chemnitz. Die Stadt hat ihren eigenen Rhythmus und geht ihren eignen Weg. Und mit eigen, meine ich, dass wir sowieso keine Hilfe aus Dresden & Co bekommen. Wir müssen für alles sehr lange Kämpfen! Das ist Chemnitz …. Schätze was Du erreicht hast und sei dankbar!



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