Opferverband erinnert an Volksaufstand in der DDR

An einer Stele am Landgericht wurde der Opfer des 17. Juni 1953 gedacht. Redner äußerten eine Sorge - aber auch Hoffnung.

Lenchen Köhler wurde im Jahr 1950 verhaftet. Der Vorwurf: Sie soll einem sowjetischen Soldaten, mit dem sie liiert war, zur Flucht aus der DDR verholfen haben. Sie wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt, kam in das Frauengefängnis in Hoheneck, wo sie einen Sohn zur Welt brachte, der ihr entrissen wurde und den sie erst später nach ihrer Entlassung aus der Haft 1954 wiedersah.

An das Schicksal Köhlers erinnerte am Montag der Vorsitzende der Chemnitzer Bezirksgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), Holker Thierfeld. Anlass war das Gedenken an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. An diesem Tag gingen in der DDR rund eine Million Menschen für bessere Lebensbedingungen auf die Straße. Die Demonstrationen wurden von sowjetischen Panzern und Truppen niedergeschlagen. Über 50 Menschen wurden getötet, hunderte schwer verletzt, tausende anschließend zu häufig mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Den Gedenktag widmet die VOS nicht nur den Geschädigten dieses Tages, sondern allen Opfern stalinistisch geprägter Diktaturen nach 1945 - also auch jenen aus der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR. An der Gedenkstele nahe dem Landgericht auf dem Kaßberg legten Thierfeld und Vertreter von Stadt und Parteien Kränze nieder.


Bürgermeister Sven Schulze als Vertreter der Stadt wagte ein Gedankenexperiment: Er habe versucht, sich vorzustellen, wie sein Leben ohne den 17. Juni 1953 und den Herbst 1989, in dem die Mauer fiel, verlaufen wäre, so Schulze. Ergebnis: kein Studium in England, kein Urlaub mit der Tochter in Paris, als SPD-Mitglied wohl keine Karriere als Bürgermeister. "Ich danke allen, die sich in der DDR aufgelehnt haben und damit zum Fall des Systems beigetragen haben", sagte der Bürgermeister vor mehreren Dutzend Zuhörern, darunter Schülern des Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasiums.

Pastor Bernard Millard als weiterer Redner warnte indes davor, dass das Unrechtssystem der DDR immer mehr verklärt werde, umso länger das Ende des Staates zurückliegt. Ein Problem: Die Zeitzeugen, die aufklären könnten, verstummten zusehends, so Millard. Die eingangs erwähnte Lenchen Köhler, Mitglied der etwa 160 Personen starken Chemnitzer VOS-Gruppe, starb im Februar im Alter von 91 Jahren. VOS-Bezirkschef Thierfeld setzt deswegen große Hoffnungen auf ein Projekt: die Gedenkstätte im ehemaligen Kaßberg-Gefängnis, die 2021 eröffnen soll.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Interessierte
    19.06.2019

    Hier steht das nochmals ...
    https://www.berliner-woche.de/mueggelheim/c-sonstiges/die-vorgeschichte-des-17-juni-1953-begann-am-mueggelsee_a12993
    http://www.mueggelheimer-bote.de/0712/

    >
    Gemeinsam zogen die Bauleute durch die Innenstadt (siehe Karte). Tausende schlossen sich ihnen an und riefen: »Berliner, reiht Euch ein, wir wollen freie Menschen sein!«
    ( hier wurde vergessen , dass die Westberliner noch mit dazu kamen , wozu der RIAS aufgerufen hatte und man die ´Brüder und Schwestern` unterstützen sollte …

    https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/17-juni-1953-begin/

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    Interessierte
    18.06.2019

    Der Stefan Wolle weiß auch , wie das angefangen hat , das hatte er vor 2-3 Monaten in einer Doku erzählt , ich hatte es leider vergessen …
    Die Bauarbeiter der Lenin-Allee hatten eine Feierlichkeit auf einem Schiff auf dem Scharmützelsee und hatten die Idee , am nächsten Tag für eine ´Gehaltserhöhung` zu demonstrieren …
    Das ist aber Dank dem RIAS aus den Fugen geraten und wird immer wieder verklärt ……



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