Reflexionen über Trost und Trauer für die Lebenden

Ein gewaltiger Chor, drei Solisten und eine beseelt spielende Schumann- Philharmonie prägten das Sinfoniekonzert am Buß- und Bettag und wurden mit lange anhaltendem Beifall belohnt.

Einen kuriosen Moment gab es auch im Sinfoniekonzert am Mittwochabend im fast ausverkauften Großen Saal der Stadthalle: Vor dem Beginn von Brahms' deutschem Requiem fehlten die Stühle für die etwas unschlüssig auf der Bühne stehenden Gesangssolisten, worauf der Überbringer der Möbel einen besonderen Applaus erhielt.

Das ist natürlich eine ganz und gar unwichtige Anekdote, die gar nichts über dieses großartige Konzert sagt. Und doch passt sie zum Geist der Musik, die sich auch an diesem Buß- und Bettag an die Lebenden wendet mit all ihren Sorgen und Nöten, Verlusten und Zweifeln, mit ihrer Trauer, aber auch all ihrem Glück und ihrer Zuversicht, ihrem Trost und ihrer Leidenschaft.

Es beginnt ganz leise; gefühlvoll streichelt Solocellist Thomas Bruder sein Instrument eingangs des ersten Satzes von Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 G-Dur op. 126. Eine so stolze wie fragile Melancholie wird das gesamte Werk durchziehen. Die Harfen senden schnell verglühende Lichttropfen in die Dunkelheit. Und immer wieder schlagen die großen Trommeln in die meditativ-nachdenkliche Ruhe, die das Cello ausstrahlt. Der zweite Satz scheint der individuellen Trauer das geschäftige Leben entgegenzusetzen, das sich wie auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten abspielt. Schostakowitsch verwendet dabei ein schon früher von ihm eingesetztes Lied aus Odessa, das dort sowohl von Straßenhändlern wie auch von Prostituierten gesungen wird. Bevor im dritten Satz die Melancholie alle Alltäglichkeit besiegt und leise verklingt wie ein alltäglicher Kummer.

Solist wie auch die Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von Guillermo García Calvo spielen dieses Konzert, das geradezu wie ein Psychogramm des Komponisten erscheint, bis in feinste Nuancen beseelt und voller Hingabe. Und sie ehrt damit auch den Menschen Schostakowitsch, der sich gegen Stalin durchsetzen musste - der Diktator hatte ihm vorgeworfen, er komponiere "Chaos statt Musik" - der nach dessen Tod leise Hoffnung schöpfte, von der bald folgenden rigiden Breshnew-Ära aber wieder enttäuscht wurde. Eine Enttäuschung, die man dem 1966 entstandenen 2. Cello-Konzert auch anhört. Schostakowitsch hatte das Konzert seinem Freund, dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet, der über seinen früheren Lehrer schrieb: "Die Musik Schostakowitschs - das sind wir, unser bis ans Ende nicht völlig erfasstes Leben. In dieser Musik steckt die ganze weite Amplitude unseres Lebens, Enttäuschung, tragische Situationen, aber auch Heiteres, Helles, stolze Hoffnungen. Schostakowitschs Kunst ist im höchsten Maße menschlich."

Was für "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms, etwa hundert Jahre früher entstanden, nicht weniger gilt. Als er die Komposition begann, war er kaum 30 Jahre alt, aber tief geprägt vom langsamen Tod des älteren Freundes Robert Schumann. Der ausgezeichnete Bibel-Kenner Brahms schuf dennoch kein Requiem, keine Totenmesse im eigentlichen Sinne mit Schilderung der Höllenqualen, Jüngstem Gericht und dem Flehen um Erlösung. In von ihm selbst ausgewählten Bibelzitaten reflektiert Brahms sehr persönlich über Leid, Tod, Trauer und Trost, und adressiert diese gedankenreiche Textcollage an die Lebenden.

Dies spiegelt sich in gewisser Weise auch in der großen Besetzung wider. Mit dem Philharmonischen Chor Dresden (Einstudierung: Gunter Berger) und der Kantorei der Kreuzkirche Chemnitz (Einstudierung: Steffen Walther) stand ein gewaltiger, hundertstimmiger Chor auf der Bühne, der ein ergreifendes Zwiegespräch mit den beiden ausgezeichneten Solisten, der Sopranistin Lydia Teuscher und dem isländischen Bariton Tómas Tómasson, führte. In schlichten Worten, kontrastreich in Töne gesetzt, wirbt Brahms dafür, ganz im Sinne der Aufklärung und der Romantik, den Tod als Teil des Lebens zu sehen: "Herr, lehre mich doch, dass ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss." Angesichts des Todes sollen die Menschen das Leben nicht vergeuden: "Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Sie gehen daher wie Schemen und machen ihnen viele vergebliche Unruhe ..." Und glasklar tröstet der Sopran: "Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen ..." Das ist schon eine fast moderne Auffassung von Schmerzerfahrung und Trost derer, "die da Leid tragen". Chor und Orchester bewältigen die musikalisch herausfordernde Reise durch die dunklen Seiten des Daseins souverän und mitfühlend, was sich auch auf das Publikum überträgt, das am Ende lange und stehend applaudierte.

Die nächsten Sinfoniekonzerte der Robert-Schumann-Philharmonie finden am 11. und 12. Dezember jeweils im Großen Saal der Stadthalle statt. Es stehen Werke von Leonard Bernstein, Dmitri Schostakowitsch und William Walton auf dem Programm.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...