Rückblick auf den Arztberuf: "Man muss Frust ertragen"

Ein bekannter Chemnitzer Mediziner ist in den Ruhestand verabschiedet worden. An manche Patienten erinnert er sich besonders.

Tierarzt wollte Dr. Wolfgang Niederstrasser eigentlich werden. Doch als ihm klar wurde, dass er als Veterinär weniger mit niedlichen Kleintieren zu tun haben würde, sondern vor allem Rinder impfen müsste, überlegte es sich der junge Mann aus Auerbach im Vogtland noch einmal anders und studierte stattdessen Medizin in Leipzig. "Auf jeden Fall wieder" würde er diesen Beruf ergreifen, sagt der heute 68-Jährige.

Zunächst arbeitete Niederstrasser als Anästhesist im Klinikum Karl-Marx-Stadt sowie in der "Schnellen Medizinischen Hilfe". Im Jahr 1985 wurde er zum Leiter der Rettungsstelle des Klinikums. Diese leitete er auch in den 1990er-Jahren und war darüber hinaus als Notarzt und Leitender Notarzt in Chemnitz aktiv. Mit Gründung des Rettungszweckverbandes Chemnitz/Stollberg 1997 wurde er neben seiner Tätigkeit im Krankenhaus zum Ärztlichen Leiter Rettungsdienst bestellt. Diese Tätigkeit übte er auch nach Gründung des Rettungszweckverbandes Chemnitz-Erzgebirge bis 2017 aus. Von 2001 bis 2012 arbeitete der Anästhesist zudem im Medizincontrolling des Klinikums. Aber nach zwölf Jahren habe er genug von der Papierarbeit gehabt, sagt Niederstrasser. 20 Stunden pro Woche leitete er dann die Narkosesprechstunde im Klinikum.

Einen persönlichen Rückschlag erlebte Niederstrasser im Jahr 2001, als er aufgrund einer seltenen Komplikation nach einer Gefäßoperation das rechte Bein verlor. "Bis dahin bestand mein Leben aus wenig Schlaf und viel Arbeit", sagt er. Doch da er mit einer Prothese nicht mehr als Notarzt arbeiten konnte - "da muss man auch auf Dächer klettern" - sei er gezwungen gewesen, kürzerzutreten. Im Oktober 2016 hätte der Vogtländer in Rente gehen können, habe aber im Rettungszweckverband bis März 2017, im Klinikum bis Oktober 2017, tätig sein wollen. Doch gesundheitliche Probleme, darunter ein Schlaganfall Anfang 2017, machten seine Pläne zunichte. Noch ist Niederstrasser auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch für den gestrigen Donnerstag konnte sein Nachfolger im Zweckverband, Christian Lauchner, die offizielle Verabschiedung organisieren.

Nach besonderen Herausforderungen in seinem Berufsleben gefragt, hebt Niederstrasser die Schultern. In der Notfallmedizin stehe man tagtäglich vor Herausforderungen, erlebe jeden Tag die negativen Seiten des Lebens. Am schwersten sei es für ihn immer gewesen, Angehörigen Todesnachrichten überbringen zu müssen. "Man muss Frust ertragen", sagt der Arzt. Aber die Erfahrungen aus dem Beruf hätten ihm zu einer Ehrfurcht vor dem Leben verholfen. Und auch schöne Erinnerungen habe er, wenn es gelungen sei, Menschen zu retten. Als Beispiel nennt er eine Frau, die zu ersticken drohte und der er mit einem Luftröhrenschnitt das Leben retten konnte. Wobei ihm wichtig ist zu betonen, dass Rettungsdienst immer Teamleistung sei. "Ein Arzt allein ist hilflos wie ein junger Sanitäter."

In seinem Ruhestand hoffe er auf eine Verbesserung seines Gesundheitszustandes und sei froh, "nicht mehr so früh rauszumüssen".

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