Rückkehr der Gespenster

Heute jähren sich die antijüdischen Pogrome von 1938 zum 81.Mal. Auch in Chemnitz brannte damals die Synagoge, wurden Geschäfte geplündert, Menschen verfolgt. Der Historiker Daniel Ristau hat in dem Buch "Bruchstücke. Die Novemberpogrome in Sachsen 1938" die damaligen Ereignisse in Chemnitz mit denen in anderen Orten in Sachsen verglichen. Michael Müller sprach mit ihm über seine Erkenntnisse.

"Freie Presse": Herr Ristau, inwieweit unterscheiden sich die Ereignisse im November 1938 in Chemnitz von denen andernorts?

Daniel Ristau: Chemnitz zählte zu den Städten im Deutschen Reich, in denen die Übergriffe tatsächlich bereits am Abend des 9. November begonnen haben. Außer in Dresden gab es das meines Wissens nirgendwo sonst in Sachsen. In den übrigen mehr als 60 Orten in Sachsen, in denen in diesem Zusammenhang Übergriffe auf als Juden verfolgte Menschen und jüdische Einrichtungen bislang nachgewiesen sind, setzten diese erst im Laufe des 10. November ein. Zudem gab es in Chemnitz den sachsenweit einzigen gezielten Mord während der Pogrome: Hermann Fürstenheim, Geschäftsführer des Warenhauses Tietz, wurde im Keller seiner Villa auf dem Kaßberg von vier SA- und SS-Angehörigen erschossen. Er war ganz bewusst als Opfer ausgewählt worden.

War er das einzige Todesopfer in der Stadt?

Nein. Drei weitere Männer aus Chemnitz starben in Buchenwald, andere später an den Folgen der Lagerhaft. Einige begingen Selbstmord, weil sie den Druck der Ereignisse nicht aushielten. Auch in Leipzig starben übrigens zwei Männer an Folgen von Schussverletzungen.

Warum begannen die Pogrome in Chemnitz früher als anderswo?

Das lässt sich nicht sicher sagen. Auslöser war bekanntlich das Attentat auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath in Paris am 7. November. Daraufhin gab es in Deutschland bereits vereinzelt Übergriffe gegen Juden, nicht jedoch in Sachsen. Vom Rath erlag seinen Verletzungen am späten Nachmittag des 9. November. Hitler und Goebbels kamen am frühen Abend überein, die "Demonstrationen" weiterlaufen zu lassen und auf das gesamte Reichsgebiet auszuweiten. Die Polizei sollte sich zurückhalten. Diese Information ist offenbar rasch nach Chemnitz gelangt. Hier waren deshalb wohl bereits ab 19 Uhr Ausschreitungen zu verzeichnen. Noch am Abend brannte die Synagoge.

Wie hat die Chemnitzer Bevölkerung reagiert?

Unterschiedlich. Viele Menschen haben sich vor allem am 10. November aus Neugier oder Schaulust zum Stephanplatz, dem Standort der Synagoge, begeben. Im Tagebucheintrag eines Schülers heißt es, nicht wenige hätten dort schadenfroh gegrinst. Es kam auch zu Plünderungen von Geschäften - da wurde einfach die Gelegenheit genutzt, sich an materiellen Dingen zu bereichern. Andere, nicht zuletzt christlich geprägte Bürger, reagierten erschrocken. "Heute brennt die Synagoge, und unsere Kirchen werden auch noch brennen", heißt es in einem überlieferten Zitat aus jenen Tagen. Und es gibt das Beispiel der oppositionellen Lehrerin Marie Pleißner, die nach Berlin fuhr und versuchte, öffentlichen Protest zu organisieren. Im Frühjahr 1939 reiste sie dann nach England, um Unterkunftsmöglichkeiten für jüdische Emigranten zu suchen.

Stimmt es, dass die Feuerwehr beim Brand der Synagoge zwar vor Ort war, aber nicht eingriff?

Es gibt Augenzeugenberichte, wonach die Feuerwehr nach einiger Zeit wieder abgefahren sein soll. Allerdings war die Feuerwehr damals Teil der Polizei, und die hatte ja Anweisung, sich zurückzuhalten. Hinzu kommt, dass ein Übergreifen der Flammen auf andere Gebäude in Chemnitz aufgrund des Standorts der Synagoge wohl eher nicht zu befürchten war. Der einzeln stehende Bau brannte aus, blieb aber stehen.

Wie lange blieb die Ruine der Synagoge noch erhalten?

Nur wenige Tage. Bereits am 11. November gab es eine Anweisung des sächsischen Innenministeriums, ausgebrannte Synagogen abzureißen. In Chemnitz war bereits am 10. November damit begonnen worden. Die Technische Nothilfe sprengte die Kuppel mit dem Davidstern drauf - ob zur Gefahrenabwehr oder um dieses wichtige Symbol zu beseitigen, das dem Feuer standgehalten hatte, ist unklar. Danach wurde der Bau im Mehrschichtbetrieb abgerissen. Bereits am 15. November meldete der Chemnitzer Oberbürgermeister, der am 9. November erst zum SA-Brigadeführer ernannt worden war, "Vollzug". Die Kosten für den Abbruch - ein fünfstelliger Betrag - wurden der Jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. 1939 kaufte die Stadt das Gelände - für 500 Reichsmark, eine sehr geringe Summe.

Wurden nach Ende der Nazi-Herrschaft Täter aus jenen Tagen zur Rechenschaft gezogen?

Einer der am Mord an Hermann Fürstenheim Beteiligten wurde 1951 in München wegen Beihilfe zu sechs Jahren Haft verurteilt, ein weiterer 1962 in Stuttgart allerdings aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die beiden anderen blieben offenbar unbehelligt. Auch in Sachsen gab es bis Ende der 1940er-Jahre Prozesse gegen sogenannte Pogrom- täter. Diese Verfahren sind bis heute allerdings kaum näher erforscht.

Wo sehen Sie für Chemnitz noch Bedarf an weiteren Untersuchungen?

Der Fokus der Erinnerungskultur richtet sich bislang meist auf die brennenden Synagogen. Was das weitere Geschehen betrifft, liegt auch in Chemnitz noch vieles im Dunkeln. Ebenso scheint mir eine noch stärkere Auswertung des vorhandenen Bildmaterials wichtig - um die zeitlichen Abläufe noch besser rekonstruieren zu können, aber auch, um zu erfahren, wer da fotografiert hat und mit welcher Absicht. Schließlich wäre es meines Erachtens an der Zeit, die Biografien der Täter stärker in den Blick zu rücken und auch ihnen - nicht nur den Opfern - ein Gesicht zu geben.

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