Sprich dich aus!

Was geschieht, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, in zwei Ecken steht - und trotzdem miteinander spricht? In Chemnitz wird dazu jetzt ein öffentliches Experiment gewagt - aus gegebenem Anlass.

Chemnitz.

Vor einem Jahr waren viele sprachlos. Alle redeten über Chemnitz; Chemnitz selbst blieb lange stumm. Da war ein Tötungsverbrechen, das damit beantwortet wurde, das Stadtfest schweigend abzubauen. Dann wurden die Emotionen von Extremisten auf politische Mühlen gelenkt. Entsetzen brach sich Bahn über Neonazis und solche, die keine waren, und Biedermänner und solche, die keine waren. Schnelle Gegenaktionen, Erklärungsversuche. Erschöpfung, Besinnung und der Wille zur Schubumkehr.

Chemnitz ist eingeschrieben in den Strom der Ereignisse, die eine fortschreitende Spaltung und Entfremdung der Gesellschaft belegen. Manche wollen das so, sie profitieren davon. Die meisten nicht. "Man kann hart in der Sache sein, wenn man Spielregeln einhält", sagte Daniel Ziblatt, US-Demokratieforscher, bei seinem Besuch in Chemnitz während des "Kosmos"-Festivals. "Demokratische Regeln zu brechen und dem politischen Gegner die Legitimität abzusprechen, das bringt die Demokratie in Gefahr. Wer so agiert, will ein autoritäres System."


Sprache ist Kultur, jedes respektvolle Gespräch eine kulturelle Errungenschaft. Der gesellschaftliche Dialog muss sich nicht in Harmonie suhlen, setzt aber gegenseitige Anerkennung voraus. Soziale Konflikte, wirtschaftliche Probleme, auch die Migrationspolitik werden im politischen Wettbewerb geklärt, dessen Regeln seinerseits gesellschaftlich verhandelt werden. Die Voraussetzungen der Politik liegen außerhalb ihres Geschäftsbereichs.

Die Soziologen Robert Putnam und Lewis Feldstein haben den Begriff des "sozialen Kapitals" einer Gesellschaft entwickelt - jenes Kitts aus Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Respekt, der auch sozial weit entfernte Gruppen zusammenhält. Für die USA hatte Putnam schon in den 1990er-Jahren hohe Bindungsverluste festgestellt. Seine Studie dazu nannte er "Bowling allein", darauf anspielend, dass zwar immer mehr US-Amerikaner bowlten, aber immer seltener in einem Verein. Der Rückgang an gesellschaftlicher Teilhabe zog sich quer durch alle Schichten, wie die Datenreihen zeigten.

Putnams Forschung gibt Hinweise darauf, dass antisoziale Tendenzen nicht erst mit dem politischen Erfolg des Rechtspopulismus aufgekommen sind. Er selbst sah den Verlust "sozialen Kitts" als eine Folge der modernen Lebensweise an: härterer Wettbewerb, zunehmende Verstädterung, Rückzug ins Private. Die Folgen sind gravierend: Gute Bildung und gute Gesundheit, innere Sicherheit, wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Frieden ziehen sich aus einer Gesellschaft zurück, wenn ihr "soziales Kapital" verloren geht.

Gesellschaften in ihrer Entwicklung werden immer komplexer - das heißt vielfältiger, verwickelter, von immer mehr eingebauten Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen bestimmt. Für die Gemeinschaft ist das lohnend. Aus der Kybernetik stammt die Erkenntnis, dass ein System sich umso besser auf Störungen aus seiner komplexen Umwelt einstellt, je besser es den Umwelteinfluss mit innerer Komplexität aufzufangen vermag (Ashbys Gesetz). Viele Sozialwissenschaftler sehen darin ein ernstes Plädoyer gegen einfache Lösungen, gerade in gesellschaftlichen Fragen. Die Menschheit wird, um ihr langfristiges Überleben zu sichern, alles Vermögen auffahren müssen, das sie hat.

Das soziale Kapital, so Putnam, entsteht nicht durch Verordnung. Es muss wachsen, und das braucht Zeit. Ausgiebige Gespräche zwischen Individuen und kleinen Gruppen können dabei helfen. Schon im antiken Griechenland stand der Dialog hoch im Kurs. "Dem Dialog geht es nicht um Positionsbehauptung oder rhetorische Eloquenz, Rechthaberei oder Durchsetzung, sondern um Verständigung", schreibt Horst Siebert, emeritierter Professor für Erwachsenenbildung an der Universität Hannover. "Deshalb ist es wesentlich, nicht nur gesprächsbereit zu sein, sondern auch zuhören zu können, aber auch nachzudenken, bevor man redet." Darin übrigens unterscheide sich die Denkhaltung des Dialogs prinzipiell von der eines politischen Streitgesprächs.

Wer keine Verständigung will, ist für den Dialog verloren. Im Internet üben sich zwar Aktivisten im "Counterspeech", der Gegenrede; sie setzen den "Hatern" ausgeruhte, erklärende und argumentierende Antworten entgegen. Ihr Einfluss auf die Hassredner bleibt aber zumeist begrenzt. "Counterspeech" entfaltet seine Wirkung vor allem im eigenen Milieu. Und birgt das Problem, wie der Wiener Sprachphilosoph und Politologe Paul Sailer-Wlasits schreibt, dass sie Gefahr läuft, Verbalradikalismen und Hassreden zur politischen Kategorie aufzuwerten, indem sie mit ihnen in den Dialog tritt. Extremismus politischer, ethnischer oder religiöser Färbung dürfe aber nicht mit demokratischer Teilhabe verwechselt werden.

Manche öffentlich bekannte Person wie der Präsident des Fußballklubs Eintracht Frankfurt lehnt es inzwischen ab, mit Menschen in den Dialog zu treten, die ihn wegen seiner liberalen Ansichten als Feind betrachteten und sich dauernd nur angegriffen fühlten. Dass Peter Fischer solche vor allem bei der AfD verortete, brachte ihm Proteststürme und Klagen ein. Andere gehen davon aus, dass nicht jeder Wähler einer Partei, die Radikale in ihren Reihen duldet und vielleicht von ihnen sogar dominiert wird, sich mit Umsturzphantasien identifiziert.

Der Sozialpsychologe Albert Bandura, der Theoretiker der "Selbstwirksamkeit", hat beschrieben, wie Menschen sich dem Unbekannten - auch dem Gespräch mit Andersdenkenden - angstfrei stellen: wenn sie sich dafür gewappnet fühlen. Wenn sie nicht Abwertung und Verachtung fürchten müssen. Die "Freie Presse" hat mit ihrem preisgekrönten Format "Chemnitz diskutiert" im vorigen Jahr ein solches Podium für eine faire und angstfreie Diskussion geschaffen. Am Samstag dieser Woche startet die Chemnitzer Veranstaltungsgesellschaft C3 mit ihren Partnern einen neuen Versuch - bei dem die Bürger und die Stadtgesellschaft gewinnen sollen.

Dialog in Chemnitz

"Sehe ich anders ... Das Festival der Meinungsverschiedenheit" beginnt am Sonnabend im Chemnitzer Stadthallenpark. In zwei moderierten Gesprächsrunden können Bürgerinnen und Bürger, denen die Stadt und ihre Zukunft am Herzen liegt, an 40 Tischen mit anderen ins Gespräch kommen. Dass es dabei kontrovers wird, ist Programm. "Ziel ist ein ehrlicher Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Meinungen, Ansichten und Herkunft", sagt Initiator Ralf Schulze von der städtischen Kulturgesellschaft C3 GmbH. "Daraus ergibt sich die Chance, sich bewusst mit Menschen auszutauschen, mit denen man im persönlichen und beruflichen Umfeld sonst nicht zusammentrifft."

Wer mitreden möchte, braucht nur zur Anmeldung in den Stadthallenpark zu gehen, die ab 14.30 Uhr geöffnet ist. An jedem Tisch reden vier Teilnehmer, die Tische werden zugelost. Um 15 Uhr beginnt die Veranstaltung, ab 15.30 Uhr ist eine erste, 45-minütige Gesprächsrunde geplant. Nach eine Pause beginnt die zweite Gesprächsrunde um 16.30 Uhr. Ab 17.15 Uhr werden Erkenntnisse aus den Gesprächen an den einzelnen Tischen für alle sichtbar dokumentiert. Auch während der Veranstaltung kann man noch teilnehmen.

Tischmoderatoren, zumeist Studierende der Technischen Universität Chemnitz, leiten die Gesprächsrunden. Alle Moderatoren wurden von der Professur Allgemeine und Biopsychologie der TU Chemnitz geschult.

Ergebnisse des Nachmittags fließen in die Weiterentwicklung der "Chemnitz-Strategie" ein, das gesamtstädtische Leitbild der Stadt. Die Themen und Fragen der Bürgerinnen und Bürger werden dokumentiert und aufgegriffen. Die TU-Professur Allgemeine und Biopsychologie wertet den Nachmittag wissenschaftlich aus.

Veranstalter des Dialognachmittags sind die C³ Veranstaltungszentren GmbH in Kooperation mit der Stadt Chemnitz, der Professur Allgemeine und Biopsychologie der TU Chemnitz und dem in Dresden ansässigen Institut B3 e.V. Weitere Informationen auf der Veranstaltungsseite im Internet. (ros)

www.c3-chemnitz.de/seheichanders

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    Blackadder
    22.08.2019

    Sicher ein interessanter Format, aber mit persönlich ist #unteilbar zur gleichen Zeit in Dresden wichtiger.

    Zudem ich beim letzten Format dieser Art im Stadion mit dem MP feststellen musste, dass Dialog auch nicht von allen gewünscht wird. Und nochmal beleidigen und anschreien muss ich mich nicht lassen.



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