Stadtgeflüster : Die Fleischerin und ihre Liebeserklärung

Eine Handwerkerin lässt Herzen sprechen, ein Chef spendiert Sonnencreme, ein Wissenschaftler hockt auf einem Berg Stroh.

Nora Seitz, Chemnitzer Fleischermeisterin aus Leidenschaft und Vizepräsidentin des Deutschen Fleischer-Verbandes, hat sich über ein böses Foul geärgert. Vor einigen Tagen kursierte im Internet die Meldung eines Filialleiters eines Supermarktes. Darin empörte er sich über eine Kundin, die mit Fingerzeig auf eine Fleischwarenfachverkäuferin zu ihrer Tochter gesagt haben soll: "Wenn du in der Schule weiterhin nicht aufpasst, landest Du auch mal hinter so einer Theke." Nora Seitz, als Jugendwartin im Fleischerpräsidium zuständig für die deutsche Fleischer-Nationalmannschaft - also für die besten Nachwuchsfleischer des Landes -, erlebte daraufhin, wie ihre Schützlinge zur Hochform aufliefen. "Sofort haben sie in unserer Whats-App-Gruppe diskutiert, wie sie auf diese Beleidigung reagieren könnten", erzählte Nora Seitz nun. "Gemeinsam entschieden wir uns für eine Fotoaktion." Zusammen mit ihrer Mutter Elke Seitz gehörte Nora in der Thiele-Fleischerei auf dem Sonnenberg mit zu den ersten, die ein Foto posteten. Mit dem Slogan "Stolz auf meinen Beruf" zeigten sie allen, die das Handwerk belächelten, mit noch viel breiterem Lächeln symbolisch die Rote Karte. Und Hunderte von Kollegen sind diesem Beispiel nun gefolgt. In ganz Deutschland stellten sich Metzger und Fachverkäufer mit dem Schriftzug vor die Kamera. "Die Resonanz ist grandios", freute sich Nora Seitz. Und Manndeckung kommt nicht nur von den Fleischern, sondern auch von anderen Handwerksberufen. "Inzwischen posten auch Friseure und Experten aus dem Baugewerbe, wie stolz sie auf ihren Beruf sind", so Nora Seitz bewegt. Es sei überwältigend. Dass ein so ärgerlicher Ausgangspunkt zu einer solchen Kampagne geführt habe, sei ein Volltreffer für die Nationalmannschaft.

Axel Brückom und Dirk Glowka, Geschäftsführer des Berufsbildungswerkes für Blinde und Sehbehinderte SFZ sowie Chefs des Dienstleistungsunternehmens Co-Werk, nutzte die vergangenen Sonnentage, um eine besondere Tuben-Parade zu fotografieren. Leuchtend gelb standen auf dem Bild, welches sie jetzt über das Internet in die Welt schickten, Cremetube an Cremetube. Das Besondere: Die Behältnisse haben ein spezielles Äußeres. Darauf steht nämlich gedruckt, dass es die hauseigene Sonnencreme des Berufsbildungswerkes und von Co-Werk ist. Nur, wofür wird das gebraucht? "Die Sonnencreme gehört zum betrieblichen Gesundheitskonzept unserer Unternehmen", erklärte Axel Brückom. "Viele unserer Mitarbeiter sind unter freiem Himmel tätig, zum Beispiel in der Grünflächenpflege als Handwerker, Hausmeister oder Gartenlandschaftsbauer. Die arbeiten den ganzen Tag teils unter gleißender Sonne." Und deshalb wurde nun die hauseigene Sonnencreme eingeführt und reichlich davon an diejenigen Mitarbeiter, die während ihrer Arbeit starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind, verteilt. "Uns liegt die Gesundheit unseres Teams eben sehr am Herzen", so der Chef des Bildungswerkes.


Dominique Görlitz, Experimentalarchäologe und Buchautor, sitzt derzeit auf einem Haufen Stroh. Sechs Monate hatte es gedauert, bis alle bürokratischen Hürden überwunden waren: Nun konnte der Chemnitzer in Bulgarien insgesamt 40 Bündel Schilf und zehn Schilfmatten aus Bolivien in Empfang nehmen. Das alles benötigt er für den Bau seines neuen Schiffes, mit dem er prähistorischen Handel nachweisen möchte. Eigentlich hatte sich Görlitz einen Bauplatz in Russland ausgeguckt, um das Schilfboot zu konstruieren. "Verspätungen, zolltechnische Probleme und der Ausfall eines Containerschiffes in Chile zwangen uns aber, den Bauplatz von Russland nach Bulgarien zu verlegen", so Dominique Görlitz Ende vergangener Woche. Kurz vor der Auslieferung musste die Ladung dann nochmals umfassende Kontrollen der bulgarischen Polizei, der Drogenbehörde und der Geheimpolizei durchlaufen. "Gott sei Dank war alles sauber und konnte nach Beloslav nahe Varna versandt werden", so Görlitz erleichtert. Die zerbrechliche Ladung vom anderen Ende der Welt sei unbeschädigt angekommen und rieche auch nicht muffig, freute sich der Schilfbootbauer. "Damit geht meine Strategie auf, das Boot nicht mehr in Bolivien, sondern direkt am Startort am Schwarzen Meer zu bauen." Von dort aus will er 3000 Kilometer durch das Mittelmeer über Istanbul, Athen, Kreta nach Alexandria segeln. Bei den vorangegangenen Expeditionen hatten die fertigen Schilfboote bisher immer größere Transportschäden erlitten.

Hoacheng Lou (Foto), aus China stammender Student an der Chemnitzer TU, hat ein Video gedreht, das schon mehr als 10.000 Mal im Internet angeklickt wurde. Zwei Jahre sei er nun in Chemnitz und habe mitbekommen, dass über die Stadt manchmal unrühmlich gesprochen werde, sagte er. Deshalb hat er nun einen Film veröffentlicht, in dem er der Stadt aus seiner Sicht eine Liebeserklärung macht. Kirchen, Menschen, Straßen: All das hat er mit seiner Drohnenkamera eingefangen und in blitzschnell wechselnden Bildern zu einem Clip zusammengefasst, der nun auch auf der Facebookseite der Uni läuft. Wer bis zum Schluss guckt, sieht den Chinesen mit der Parkbahn durch den Küchwald tuckern. Das Erlebnis ist ihm offenbar besonders im Gedächtnis geblieben.

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