Streit um Laden-Zone des Eins-Neubaus

Stadträte kritisieren, dass der Versorger das Parterre seines neuen Firmensitzes fast komplett selbst nutzen will. Und auch Handelsexperten haben Zweifel.

Im Erdgeschoss des neuen Firmensitzes des Versorgers Eins, der bis zum Sommer 2021 am Johannisplatz entsteht, sollen nur zwei kleine Geschäfte rechts und links der Durchfahrt zum Innenhof vermietet werden. Alle übrigen Flächen dieser Laden-Zone will Eins selbst für ein neues Kundencenter, eine Cafeteria für Mitarbeiter des Hauses und die dazugehörige Küche nutzen. Und auch das direkt daneben in der Lücke zum ehemaligen Kaufhaus Schocken entstehende Hotel benötige sein Parterre komplett selbst für die Rezeption, den Frühstücksraum und einen kleinen Konferenzbereich.

Diese Informationen des Geschäftsführers der Mannheimer Projektentwicklungsgesellschaft Fay Projects, Thomas Frank, und von Architekt Jörg Rudloff haben in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses des Stadtrates Empörung ausgelöst: "Welche Großstadt ist so blöd, im Erdgeschoss Kantine und Frühstücksraum zuzulassen?", fragte Stadtrat Dietmar Berger (Linke) rhetorisch. Das widerspreche der Absicht, mit den Neubauten auch die Innenstadt zu beleben.


Auch die Umweltverbände und die Initiative Stadtforum befürworteten mehr Einzelhandelsflächen in diesem Bereich, sagte Reiner Amme vom Bund für Umwelt und Naturschutz, der dem Ausschuss als sachkundiger Bürger angehört. Er habe sich vorgestellt, dass die Neubauten eine Brücke von der Straße der Nationen zur geplanten Neuen Johannisvorstadt an der Bahnhofstraße schlagen, bedauerte auch Stadtrat Dieter Füßlein (FDP), dass nicht mehr Geschäfte geplant sind. In die Innenstadt gehöre sogar mehrgeschossiger Einzelhandel, wie etwa beim Sportgeschäft Decathlon, forderte Füßlein und nannte die Eins-Pläne "eine Sünde".

Vor allem Stadtrat Detlef Müller (SPD), der auch Mitglied im Aufsichtsrat des Versorgers ist, widersprach heftig. Es sei eine "katastrophale Diskussion", warf er den Vertretern der Linken und der FDP vor und sagte: "Das Genörgel geht mir wahnsinnig auf den Geist." Denn für die Stadt sei es ein "Riesenerfolg", dass sich Eins nach langem Ringen überhaupt dafür entschieden habe, seine neue Firmenzentrale in der Innenstadt zu errichten. Im geplanten Kundenzentrum in Richtung Johannisplatz werde der Versorger auf attraktive Weise, auch mit künstlerischen Mitteln, für seine Produkte werben. "Das sind doch keine Amateure", sagte Müller. Das Kundencenter werde vielleicht mehr Kundenfrequenz haben als ein Friseurgeschäft oder ein Restpostenmarkt in dem Bereich.

Architekt Rudloff erklärte, die Nutzung der Räume habe Eins als langfristiger Mieter schon in der Ausschreibung vorgegeben. Das Erdgeschoss sollte attraktiv sein, sei jedoch keine Einzelhandels-Lage.

Projektentwickler Frank berichtete, dass es derzeit sogar in Städten wie Düsseldorf oder München schwer sei, Ladenflächen selbst in Toplagen zu vermieten. "Die Mieten gehen runter", sagte er und sei froh, dass Eins in der Innenstadt ein Zeichen setzen wolle.

Ein großes Unternehmen brauche in einem Bürogebäude auch Flächen, um sich zu präsentieren, sagte Baubürgermeister Michael Stötzer. Im Gespräch mit "Freie Presse" erklärte er zudem, als Voraussetzung für attraktiven Einzelhandel müsse zunächst mehr zahlungskräftige Kundschaft in die Innenstadt geholt werden. Der Umzug der Eins-Firmenzentrale von der Straße der Nationen in Schloßchemnitz an den Johannisplatz sei ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Auch der Handelsverband Sachsen erwartet, dass die Mitarbeiter von Eins aber auch die Gäste des Hotels perspektivisch Geschäfte in der Innenstadt aufsuchen werden. Eine Betriebskantine mit Küche und ein Frühstücksraum eines Hotels werden im Gegensatz dazu jedoch nicht zur Erhöhung der Frequenz und zur Herstellung von Austauschbeziehungen zwischen Einzelhandel, Gastronomie und weiteren Dienstleistungen im Zentrum beitragen, erklärt Geschäftsführer René Glaser auf Anfrage. Auch das Eins-Kundenzentrum werde wohl "nur bedingt" frequenzerhöhend wirken, schätzt Glaser. Der Standort der neuen Firmenzentrale entspreche zwar nicht der typischen klassischen Lauflage. Daher wäre die Etablierung von Einzelhandel zwar "ambitioniert", aber beispielsweise für Geschäfte mit bestimmten Zielkunden "durchaus möglich". Ergänzend dazu könnte dort auch attraktive Gastronomie mit Außengastronomie für die Öffentlichkeit angesiedelt werden, schlägt Glaser vor.

Auch Bert Rothe, Referatsleiter Handel/Tourismus/Dienstleistungen der Industrie- und Handelskammer (IHK), erhofft sich von der neuen Eins-Firmenzentrale und dem Hotel einen Lückenschluss zwischen Kernbereich der City und den Geschäften in der Neuen Johannisvorstadt auf der anderen Seite der Bahnhofstraße. Attraktive Magnetbetriebe des Handels und der Gastronomie im Erdgeschoss des Eins-Neubaus könnten dazu beitragen, sagte Roth auf Anfrage. Auch eine attraktive Gestaltung sowie das Zugänglichmachen der Betriebskantine im Eins-Neubau und des Frühstücksraumes im Hotel für eine breite Öffentlichkeit könnten ein Baustein dazu sein, so der Referatsleiter. Ob der Standort für den Einzelhandel attraktiv werde, hänge von vielen Faktoren ab, so von Mietkosten, Parkplatzangeboten, Flächenzuschnitten, technischer Ausstattung, Laufwegen und auch den Angeboten in der Umgebung, so Rothe.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 7 Bewertungen
13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    Interessierte
    28.06.2019

    Die nutzen doch auch jetzt schon diese Erdgeschoßräume , früher waren darin auch einmal Läden , bevor diese Pleite gingen wie alle anderen Läden an dieser Passage entlang , wo jetzt auch ´begonnen` wurde , die Büsche dort abzuholzen und alles verwildert , mal sehen wie das weiter geht ...

    Und früher war dort u.a. im EG ein Lederwaren-/ Tasche-/ Kofferladen
    Und dann waren in dem Haus noch 2 Restaurants
    Wie hießen die doch gleich , Frau Blackadder/ Diesteblüte , Sie wissen doch alles ???

  • 0
    0
    soundjack
    28.06.2019

    @Detlef Müller: Ihr Einwand (wie auch von Verantwortlichen des Baus), dass das Kundencenter vielleicht mehr Kundenfrequenz haben wird als ein Friseurgeschäft, etc. ist ja völlig (bewusst) an der Realität vorbei. Frage: Wenn im Erdgeschoss Einzelhandel angesiedelt wird, ist doch die "eins" mit ihren Mitarbeitern und dem Kundencenter trotzdem im Gebäude, oder? Ergo: Ihr "Argument" ist so dünn, dass es gar kein Argument ist. Man kann natürlich auch weiterhin bei jedem Neubau argumentieren, dass erst einmal anderswo die Voraussetzungen für attraktive Lauflagen geschaffen werden müssen... Schilda lässt grüßen.

  • 10
    3
    acals
    25.06.2019

    Wer schreibt den hier "DDR" in Gaensefuesschen - das ist ja Springerpresse-jargon.

    Herr Berger hat auch nach 30 Jahren nicht verstanden das diejenigen, die sich fuer politische Fuehrung halten anordnen, und Betrieben - die sich effektiv um EIn- und Ausnahmenbalanz zu kuemmern haben - vorzuschreiben was zu tun ist. Das ging die 40 Jahre zuvor den Bach runter und ist ja mit "DDR" treffend beschrieben. Na ja ...

    Die anderen Grossstaedte waren dann im Uebrigen nicht so bloed und haben ihre Innestaedte entkernt und auf der gruenen Wiese Einkaufstempel hingestellt. Das holt Chemnitz, wenn ueberhaupt, nur extrem schwer wieder auf.

    Herr Mueller, an dieser Stelle mal ein Lob an SIe. Sichern Sie zu das EINS die Hoheit behaelt, die muessen schliesslich auch dafuer zahlen (sprich letztlich wir als vebraucher).

  • 13
    2
    branderweg
    25.06.2019

    Wie die Debatte zeigt, ist es doch sehr wichtig, wie die Fußgängerebene in einer Stadt aussieht: ob sie gut funktioniert, wir gern hingehen oder uns länger aufhalten. Aber ein Stadtraum gelingt in diesem Sinne nicht nur durch das pure Vorhandensein und die Aneinanderreihung von Geschäften, sondern hängt von vielen Faktoren bei Planung und späterer Nutzung ab - will sagen: das Johannisviertel kann auch lebenig werden ohne Innenstadt zu spielen oder Fußgängerbereich zu sein, denn Stadtquartiere allgemein leben von kleinteiliger Nutzungsmischung und besonders von der Qualität des öffentlichen Raumes (aus Straßen- und Platzräumen für alle, mit Oberflächengüte, Bäumen, Sitzgelegenheiten etc.) sowie einer sehr guten Vernetzung mit dem umgebenden Stadtraum. Das meint insbesondere kurze Wege und gutes "Hinlaufen können". Und hier liegt das Hauptproblem: Die das Johannisviertel umgebenden Verkehrstrassen und ihre nahezu fußgängerfeindliche Gestaltung verfestigen die heutige Inselwirkung des Quartiers und stellen das Haupthindernis für die Etablierung eines lebendigen Quartieres dar.

  • 9
    10
    Blackadder
    25.06.2019

    @516: Bestimmt braucht die Chemnitzer Innenstadt noch eine Apotheke!

  • 13
    13
    franzudo2013
    25.06.2019

    Zuerst die Stadtwerke verkaufen, dann als eins nicht selbst bauen und dann auf offener Bühne den Investor beschimpfen, der nichts anderes macht als das was er machen soll - das ist schon allerhand.
    Das passt exakt zu den aktuellen linken Wortmeldungen wie Enteignungen und Mietendeckel.
    Gegenüber dem Investor und der eins wäre eine Entschuldigung angebracht. Hier entsteht ein ganz wichtiger Stadtbaustein, Lückenschluss zum Schocken, eine Konzernzentrale - ein einfaches Danke hätte gereicht.

  • 9
    2
    ChWtr
    25.06.2019

    @516..., keine sky / DAZN Sportsbar?

  • 15
    5
    516315
    25.06.2019

    Mein Vorschlag wäre zwei bis drei Handyläden, zwei Shishabars und eine Automatenbar (Geldspielautomaten) im Erdgeschoss des neuen Firmensitzes zu integrieren. Dann rollt der Rubel.

  • 13
    15
    Freigeist14
    25.06.2019

    So ticken Rechte : Sobald etwas ihrem Weltbild zuwiderläuft , die "DDR" an die Wand malen oder längst Verstorbene aus dem Fundus des Argumentlosen aus dem Hut zaubern .

  • 13
    4
    vitaminbonbon
    25.06.2019

    @774029: Nur zur Erklärung/Aufklärung: Das Mandat im Aufsichtsrat der eins ist ehrenamtlich und ich bin als einer von drei Stadträten dort. Im Auftrag und Interesse der Stadt. 3-4 Sitzungen im Jahr. Da ist mit "Füttern" nicht all zu viel. Ansonsten hat cn3boj00 die Argumente sehr gut dargelegt, danke.
    Viele Grüße,
    Detlef Müller

  • 5
    24
    franzudo2013
    25.06.2019

    So ticken Linke. Das soll wahrscheinlich ein HO-Warenhaus werden. Günter Mittag sitzt im Stadtrat, ach nee, Dietmar Berger.

  • 23
    5
    cn3boj00
    25.06.2019

    @774..., es gab immer wieder Geschäfte der "gehobenen" Kategorie in der Innenstadt.Meist haben sie nach 2 oder 3 Jahren aufgegeben. Chemnitz leidet seit jeher an einer geringen Kaufkraft, und so lange das so bleibt kann man eine Städt weder mit mehr noch mit teureren Läden beleben. Deshalb ist es völlig sinnlos, dass dauernd Stadträte meinen sie müssten Investoren da rein reden. Am Ende werden die eher vergrault. Was sollen wir mit noch mehr "mehrgeschossigem" Handel, wenn die Galeria Kaufhof schließt, was immer wieder in der Diskussion ist.
    Wie gut sich Einzelhandelsstandorte entwickeln kann man nicht politisch bestimmen. Da sollte man den Investoren vertrauen, die garantiert eine bessere Nase dafür haben, wo es sich lohnt, als "nörgelnde" Stadträte.

  • 22
    12
    774029
    25.06.2019

    Dass Herr Müller nicht in die Hand beißt, die ihn füttert ist klar. Und dennoch bin ich überzeugt davon, dass ein Kunde öfter seinen Friseur besucht als den Firmensitz seines Strom- bzw. Gasanbieters.
    Dann muss sich die Stadt mal bemühen, lukrativere Anbieter in das Stadtzentrum zu locken als Ein-Euro-Shops.
    Traurig auch wieder, dass Anmerkungen und Diskussionen dieser Art als Nörgeleien abgetan werden, die einigen Politikern auf den Geist gehen. Da darf man sich auch nicht wundern, dass sich ein Wähler bei nächster Gelegenheit nach Alternativen umschaut.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...