Umgeknickt, abgedeckt, umhergeschleudert

Eine Windhose hinterließ heute vor 100 Jahren vom Kaßberg bis nach Furth eine Spur der Zerstörung. Von Klimawandel war damals noch keine Rede.

Bis kurz vor fünf Uhr nachmittags soll noch wunderbar die Sonne geschienen haben an jenem 27. Mai 1916, einem frühlingshaft warmen Samstag. Rund um den Schloßteich sind Spaziergänger unterwegs; nicht ahnend, dass sie wenig später Zeugen eines gewaltigen Naturschauspiels werden, von dem man sich in Chemnitz noch lange erzählen wird.

Vom Kaßberg her seien auf einmal ungewöhnlich rasch tiefe hängende, eigentümlich gelb gefärbte Wolken aufgezogen, sich scheinbar plötzlich auf die Erde senkend. Eine Windhose entsteht. Spiralförmig wirbelt sie, sich nur ganz langsam fortbewegend, "Staub und allerhand Gegenstände, wie zersplitterte Dachbalken, starke Äste von Bäumen, Teile von Dächern, Ziegeln, Leitungsdrähte usw. in einer Höhe von vielleicht hundert Metern wild durcheinander", wie es in zeitgenössischen Berichten heißt. Wer kann, bringt sich in Sicherheit oder wirft sich auf den Boden.

Auf ihrem Weg in Richtung Auerswalde hinterlässt die Windhose eine mehrere Hundert Meter breite Spur der Verwüstung. In den Hartmannwerken am Fuße des Kaßbergs und in der Schönherrfabrik werden ganze Dächer abgehoben, an den großen Lokschuppen der Eisenbahn in Hilbersdorf sieht es aus wie nach einer Explosion, das Gelände einer Holzgroßhandlung an der Blankenauer Straße gleicht einem Trümmerfeld. Besonders schlimm getroffen hat es das städtische Elektrizitätswerk an der Müllerstraße. "Bis in die späten Abendstunden hinein konnte die Stadt nicht mit elektrischer Energie versehen werden", schrieb die "Volksstimme". "Der Straßenbahnbetrieb ruhte und in manchen öffentlichen Lokalen sah man die Kerzen bei Tische stehen."

Auf anderthalb bis zwei Millionen Mark werden die binnen weniger Minuten in der Stadt entstandenen Schäden später geschätzt. Menschenleben waren nicht zu beklagen, trotz einiger dramatischer Szenen. So soll im Brühlviertel ein kleines Mädchen "von der Hermannstraße bis nach dem Hermannplatze durch die Luft gewirbelt und am Kopf und Bein nicht unerheblich verletzt" worden sein. Eine Neunjährige erlitt einen Schädelbruch, als sie der Wind auf den Bürgersteig der Müllerstraße warf, an der Further Straße traf ein einstürzender Schornstein eine Frau, die sich gerade in einem Waschhaus aufhielt.

In anderen Gegenden der Stadt bekommen die Menschen von all dem nichts mit. Im Chemnitzer Osten und Süden habe es noch nicht einmal geregnet, heißt es. Aus anderen Stadtteilen, vor allem im Westen und Norden, wird von Regengüssen und starkem Hagel berichtet. "Es fielen Eisstücke bis zu Walnussgröße, die an manchen Stellen noch lange Zeit in der Höhe von mehreren Zentimetern liegen blieben."

Schon bald nach dem Unwetter wurden Aufnahmen von den Folgen dieser zuvor für unvorstellbar gehaltenen Ereignisse als Ansichtskarten verkauft. Ein Heimatverlag bringt ein "mit 15 photografischen Aufnahmen" versehenes Heftchen "Die Windhose von Chemnitz" heraus, zum Preis von 20 Pfennig. Einleitend finden sich darin Bemerkungen über dieses hierzulande eher seltene Wettephänomen und seine Ursachen. Ein Klimawandel ist dort allerdings noch nicht erwähnt.

Weitere Bilder unter www.freiepresse.de/windhose

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