Vom Geheimnis eines Fabrikantengrabes

Die letzte Ruhestätte einer Unternehmerfamilie befindet sich in schlechtem Zustand. Für eine Sanierung reicht das Geld nicht. Fast wäre die Friedhofsverwaltung die Sorge losgewesen.

Bernsdorf/Einsiedel.

Hohe Bauzäune sichern die Ruhestätte auf dem Städtischen Friedhof nach allen vier Seiten. Das kunstvoll gestaltete Geländer ist verrostet. Der große Grabstein aus Sandstein ist beschädigt und bröckelt. Doch der Betrachter kann noch erahnen, wie detail- und schmuckreich die von Bäumen umsäumte und jetzt mit Moos bewachsene Grabstelle der Chemnitzer Unternehmerfamilie Schwalbe einst gewesen sein muss. Heute ist davon nur noch wenig sichtbar. Das ist auch einem Chemnitzer aufgefallen. "Das Grab von Emil Schwalbe, Gründer der Einsiedler Brauerei, ist arg verfallen und keiner kümmert sich drum", schreibt der "Freie Presse"-Leser. Er hoffe, dass ein Weg gefunden wird, das Grab "ein bissel aufzufrischen".

Recherchen haben jedoch ergeben, dass Emil Schwalbe in dem Familiengrab gar nicht beerdigt worden ist. Stattdessen wurde der Fabrikant am 12. März 1910 in der Grabstätte der Familie seiner Frau beigesetzt. Dieses Grab gibt es schon längere Zeit nicht mehr. Es wurde eingeebnet, sagt Heike Decker, Leiterin des Friedhofs- und Bestattungsbetriebes. Nur der Grabstein Emil Schwalbes blieb erhalten und wurde auf das Grab seiner Familie gelegt. Das existiert seit 1889, die letzte Beisetzung, so Heike Decker, erfolgte 1960. Dort wurden auch die Eltern Emil Schwalbes beerdigt. Generell gilt diese letzte Ruhestätte als Familiengrab der Familie von Johann Samuel Schwalbe. Er hatte 1811 den Grundstein für die Maschinenbaufirma Germania gelegt. Sein Enkel Emil gründete 74 Jahre später das Einsiedler Brauhaus.

Vor etwa sechs Jahren sei die Fläche eingezäunt worden - aus Sicherheitsgründen, so Decker. Denn Geld für die Sanierung, die ungefähr 10.000 Euro kosten würde, habe das Amt nicht. Sie verweist darauf, dass die Arbeit des Friedhofs- und Bestattungsbetriebes ausschließlich durch Gebühren finanziert werde. Zur Sicherung des denkmalgeschützten Grabes wurden die Zäune aufgestellt. Die letzte Ruhestätte der Familie Schwalbe gilt als einsturzgefährdet. Es sei aber nicht das marodeste Grab auf dem Friedhof. Andere seien in schlechterem Zustand, so Decker.

Sie hofft nun, dass es zum Abschluss eines Patenschaftsvertrages über das Familiengrab der Schwalbes kommt. Denn vor einiger Zeit hatte sich die Einsiedler Brauerei bei ihr gemeldet und Interesse gezeigt. Doch inzwischen hat es sich die Geschäftsleitung wohl anders überlegt. "Wir neigen zu einem Nein, haben uns aber noch nicht abschließend entschieden", sagt Geschäftsführer Hans-Dieter Oermann. Vor allem der Fakt, dass der Firmengründer gar nicht in dem Familiengrab beerdigt sei, lasse die Brauerei zögern, den Friedhofsbetrieb zu unterstützen. "Es wäre etwas anderes, wenn er dort begraben worden wäre. Aber dort liegt ja nur sein Grabstein", so der Geschäftsführer. Zudem sprenge die Summe, die für die Sanierung notwendig sei, das eigentlich vorgesehene Budget. "Es ist zwar unser Firmengründer, aber das Vorhaben ist zu teuer", sagte Oermann.

Im Doppelhaushalt der Stadt ist kein Geld für den Erhalt alter Gräber eingeplant, teilt die Pressestelle mit. Jedoch soll dieses Jahr das Grabmal des Industriellen Schuffenhauer umgesetzt und gesichert werden. Die Arbeiten erfolgten in Eigenleistung des Städtischen Friedhofs, unterstützt durch Denkmalfördermittel. Die Kosten betragen rund 9500Euro. Als letztes bedeutendes Grab sei 2015 das der Familie Hugo Duderstaedt - Stadtrat, Architekt und Bauunternehmer - restauriert worden. Familienangehörige finanzierten das Vorhaben und stellten auch einen Antrag auf Fördermittel, so die Verwaltung.

Doch auch für das Familiengrab der Schwalbes liegen Pläne vor. Da es für die Anlage keine Erben gibt, müsse der Städtische Friedhof dafür aufkommen, so die Pressestelle. Arbeiten daran sollen 2018 erfolgen, heißt es weiter.

Grundsätzlich stehe der gesamte Städtische Friedhof zu beiden Seiten der Reichenhainer Straße unter Denkmalschutz, so die Stadt. Damit sei das öffentliche Interesse am Erhalt der Anlage und der wichtigsten Gräber, die zumeist mit bedeutenden Chemnitzer Persönlichkeiten in Verbindung stehen, gesetzlich gesichert, betont die Verwaltung.

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