Von Amt zu Amt

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Ich hab Corona. Angenehm ist das nicht. Der Hals kratzt, die Glieder schmerzen. Und dann ist da noch das Gesundheitsamt. Beziehungsweise drei davon. In Chemnitz bin ich wegen eines Praktikums, mein Wohnsitz ist Köln. Dass ich damit zum Sonderfall werde, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Erster Akt: Montag. Der positive Befund ist da. Sagt das Gesundheitsamt in Stuttgart. In der Stadt habe ich mal gewohnt, sie steht auf meiner Krankenkassenkarte. Selbst schuld, denke ich und erkläre, dass ich in Köln gemeldet bin, mich aktuell aber in Chemnitz aufhalte. Die Meldung der Stuttgarter geht trotzdem nach Köln. Vorschrift ist Vorschrift. Also: Anruf in Köln. "Die Stuttgarter haben einen Spleen", sagt der Mann vom Kölner Gesundheitsamt. Chemnitz sei zuständig. "Wir haben kein Testergebnis von Ihnen", sagt die Dame in Chemnitz. Ich huste kräftig in den Hörer. War wohl nicht Mitleid erregend genug. Muss warten. Okay. Is' ja zum Glück nichts Ansteckendes.

Zweiter Akt: Dienstag. Ich bin in einer Videokonferenz, als mein Handy klingelt. Und verstummt. Und klingelt. Und verstummt. Sechsmal geht das so - innerhalb einer Viertelstunde. Die Anruferin ist wohl gerade dabei, mich zur Fahndung auszuschreiben, als ich zurückrufe. "Hier ist das Gesundheitsamt Köln." "Ich dachte, Chemnitz ist für mich zuständig", sage ich. Schweigen. "Wir nehmen ihren Fall mal auf. Und das schicken wir nach Chemnitz." Theatralische Pause. "Per Fax." Mir entfleucht ein kehliges Lachen. Am anderen Ende lacht niemand. Während Köln die Stadtgarde zu Pferd herbeiruft, um die Kunde meiner Infektion gen Osten zu tragen, rätsele ich, was eigentlich die Vorteile von Bürokratie sind. Ich weine.

Dritter Akt: Mittwoch. Wieder klingelt das Handy. "Hier ist das Gesundheitsamt Köln. Wir haben eine Mail bekommen", triumphiert die Sachbearbeiterin. "Chemnitz hat uns geschrieben. Sie sind nicht erreichbar." Laaaaanges Schweigen. Dann: "Das stimmt wohl nicht. Ich sprech' ja gerade mit Ihnen." Was soll man darauf antworten? Dann meldet sich das Gesundheitsamt Chemnitz. Sie würden gern meine Kontakte wissen. Seit drei Tagen ist bekannt, dass ich Corona habe. Nur nicht in Chemnitz. Wegen dem Fax.

Epilog: Für die Quarantäne ist doch nicht das Gesundheitsamt Chemnitz zuständig. Sagt das Gesundheitsamt Chemnitz. "Das macht Köln." Ob sie sagen könne, wie lange ich zuhause bleiben muss? "Das macht jedes Gesundheitsamt anders", sagt die Dame. Ein Hoch auf den Föderalismus!

Donnerstag. Hab mir ein Faxgerät gekauft. Man will ja auf dem neuesten Stand sein, wenn die nächste Pandemie kommt.

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22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 13
    1
    neuhier
    02.03.2021

    Lieber herr Heck, sollte das Chemnitzer Kabarett demnächst irgendwann wieder auf machen können, können Sie diesen Text dort einfach so vorlesen. Die Realität hat die Satire schon lange überholt. Das ist traurig, aber trotzdem witzig geschrieben.

  • 14
    1
    pschrobback
    02.03.2021

    So ist es der Freundin meines Sohnes auch im Oktober gegangen. Sie war in Chemnitz, ist aber im Vogtland gemeldet. Kein Gesundheitsamt fühlte sich zuständig und niemand wusste etwas. Der Quarantänebescheid ging an eine Adresse, wo sie schon seit mehreren Jahren nicht mehr wohnt. Also hier ist noch viel Handlungsbedarf ....