Weitere Gastronomen entdecken den Brühl

Ein Café, ein Restaurant und ein Bistro sollen den Boulevard weiter beleben. Andere Gastronomen jedoch zweifeln am Erfolg oder wollen ihren Laden dort wieder verkaufen.

In zehn Tagen soll ein neues Café auf dem Brühl öffnen. Susann Heidler, Jeanine Lindenhahn und Tina Stapel erfüllen sich mit ihrem Geschäft nicht nur einen Traum. Sie nennen es auch so: "Dreamers".

Betongegossener Boden, warmes Echtholz, geschwungene Wellenzeichnungen an den Wänden und smaragdfarbene Fliesen: Weil die künftigen Betreiberinnen alle verrückt nach Meer sind, wirkt das neue Café im Innenraum so maritim. Herzstück ist ein von Freunden selbst gezimmerter Tresen mit einer türkisfarbenen Kaffeemaschine drauf. Espresso, Latte Macchiato, Cappuccino: Das Aufgebrühte kommt aus Italien, die Maschine auch - nämlich direkt aus Florenz. "Wir wollen auf dem Brühl eine Oase schaffen, die zum Quatschen, Genießen und Schlemmen einlädt", so Jeanine Lindenhahn. "Alle unsere Kuchen werden selbst gebacken sein, die Salate selbst zubereitet, auch zum Mitnehmen." Ab 23. Januar soll das Café geöffnet sein.

Die jungen Frauen folgen einem Trend. Denn immer mehr Gastronomen interessieren sich für den Brühl. Bezog beispielsweise Uwe Dziuballa, Inhaber des Lokals "Schalom", schon vor Jahren eine Parallelstraße des Boulevards, lässt sich jetzt auch der aus einer Gastronomenfamilie stammende Eric Heim da nieder. Er möchte ein neues Restaurant an der brühlnahen Hermannstraße eröffnen. Im April sollen die Pforten des "Fleischladens" aufgestoßen werden. Heims Lebens- und Geschäftspartnerin Michelle Nötzel gibt schon mal einen Vorgeschmack: "Wir planen ein Geschäft, in dem es eine Fleischtheke mit Spezialitäten von uns nahestehenden Züchtern gibt." Doch beim Verkaufstresen soll es nicht bleiben. Im Laden werden auch Tische aufgestellt, an denen es mittags günstige Hausmannskost gibt. Abends sollen dann die Genießer feiner Fleischsorten auf ihre Kosten kommen. "Da zeigen wir, wie hochwertig die Verarbeitung lokaler Produkte sein kann", so Michelle Nötzel. "Derzeit laufen die Einbauten der Küche und andere Arbeiten im Gastraum", erklärt sie. Bis ihr Geschäft auf dem Brühl öffnet, präsentieren die Chemnitzer regelmäßig Genießerabende im Theaterclub im Schauspielhaus, stellen sich so den künftigen Gästen vor - sogar vegetarisch, Anfang Februar setzen sie winterliches Wurzelgemüse in Szene. So entwickelt sich der Brühl zurzeit zu einer Kneipenmeile - ähnlich der von der Stadt ausgerufenen Gastro-Meile auf der Inneren Klosterstraße.

Eine gute Werbung sei nötig, um am Brühl bestehen zu können, empfiehlt Victor Lukjanow. Er eröffnete im Dezember 2018 das georgische Bistro "Mimino" mitten auf dem Boulevard. "Die ersten Wochen waren ein schwieriges Geschäft", gibt er jetzt zu. Das habe jedoch nicht am Standort gelegen, sondern an schwierigen Umständen: "Wir haben direkt in der Adventszeit losgelegt, als private Feiern und der Weihnachtsmarkt eine große Konkurrenz waren." Gleichzeitig sei aber die Mund-zu-Mund-Empfehlung schon bestens angelaufen. Lukjanows Bistro beherbergt eine Besonderheit: Das Herzstück ist ein selbst gebauter Keramikofen, in dem Hefebrote gebacken werden. "Diese Spezialität kommt gut an", zeigt sich Lukjanow begeistert. Trotzdem brauche er mehr Besucher, damit sich das Geschäft rechne.

Gutes Potenzial, allerdings noch zu wenig Publikumsverkehr: Das stellte Nino Micklich fest, als er im Jahr 2016 sein vegan-vegetarisches Café "Brühlaffe" nach zwei Jahren wieder dichtmachte. Inzwischen ist dort die Abendkneipe "Einbahnstraße" eingerichtet. Micklich kommt täglich auf den Brühl, weil sich dort das Bürgerbüro der Grünen befindet. Er arbeitet da inzwischen. "Ich sehe es mit Freude, wie sich der Boulevard entwickelt, schließe auch einen neuen gastronomischen Versuch nicht aus. Es gibt dazu aber derzeit keine konkreten Pläne", sagt er. Noch immer fehle die Fluktuation auf dem Brühl.

Vielleicht auch deshalb steht die Creperie "La Petite" seit Wochen auf einer Internet-Anzeigenplattform zum Verkauf. Inhaber René Uhlig bringt dafür als Hauptgrund an, er habe zu wenig Zeit für ihren Erhalt. Denn er betreibe neben dem kleinen Café am Brühl weitere, unter anderem eines am Schloss Lichtenwalde. Deshalb habe er während der Wintermonate vorerst nur am Wochenende geöffnet. "Wir bleiben aber so lange am Standort, bis sich ein Käufer findet", erklärte René Uhlig jetzt auf Nachfrage. Zeige vorerst niemand Interesse, wolle er das 20-Plätze-Café ab April auch wieder wochentags öffnen.

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