Wie das historische Foto eines Postautos die Chemnitzer bewegt

Briefe und Pakete sind in der Nachkriegszeit in batteriebetriebenen Fahrzeugen zugestellt worden. Nachdem die "Freie Presse" darüber berichtet hatte, meldeten sich viele Zeitzeugen. Sie klärten auch auf, was passierte, wenn im Winter die Batterie nicht lang genug hielt.

Als Gerhard Wilka die "Freie Presse" aufschlug und das alte Foto mit dem Elektro-Auto der Post sah, griff er zum Telefonhörer. "In diesen Autos bin ich nach dem Krieg selbst mitgefahren und habe Pakete in der Stadt zugestellt", erzählte der heute 91-Jährige der "Freien Presse".

Verwundet von der Ostfront zurückgekehrt, hatte er damals bei der Post Arbeit gefunden. Er wurde als Facharbeiter eingestellt und sei in der Briefstelle der Schillerpost am Hauptbahnhof tätig gewesen. Ab und an mussten seine Kollegen und er bei den Paketzustellern aushelfen. "Dann saßen wir hinten in dem Kastenaufbau der E-Autos, und ein Kollege reichte uns, sortiert nach Straßen, die Pakete, die wir dann zu den Empfängern brachten", blickt Gerhard Wilka an das Ende der 1940er-Jahre zurück.

Die Autos seien sehr langsam unterwegs gewesen. "Aber das ist in der Postzustellung eigentlich auch nötig, wir sind ja von Haustür zu Haustür gefahren", sagt der Chemnitzer. Besonders gern habe er ausgeholfen, wenn es galt, so genannte Care-Pakete aus Amerika zuzustellen, erzählt er. Denn manchmal gab es dann eine Zugabe in Form von Schokolade oder Zigaretten, sagt Wilka. An seinem Arbeitsplatz in der Schillerpost hat er beobachtet, wie die Batterien der Autos aufgeladen wurden. "Das geschah in der Nacht. Die Batterien wurden an die Steckdose angeschlossen und morgens wieder in die Autos eingebaut."

So wie Wilka verbinden viele andere Leser auch ihre Erinnerungen mit dem Foto, das das Elektroauto zeigt. "Ich habe das Bild mit dem Postauto gesehen und an meine Kindheit gedacht", sagte Maria Friedrich, die früher in Altchemnitz wohnte. "Schnurrend" habe sich der Wagen auf der Annaberger Straße fortbewegt, berichtet die 67-Jährige. Wie viele weitere Leser konnte sie auch sagen, in welcher Straße in der Innenstadt das E-Auto der Post fotografiert wurde. "Das ist die Innere Klosterstraße", erzählt sie. Heimatforscher Claus-Dieter Härtel steuerte die Information bei, in welchem Jahr das Foto aufgenommen wurde: Das war 1940.

Ähnlich wie Wilka ist auch Hilmar Uhlich als Paketzusteller in den Wagen mitgefahren. "Der Beitrag erinnerte mich an meine Aushilfstätigkeit als Paketzusteller in der Weihnachtszeit der Jahre 1955 und 1956", schrieb er der "Freien Presse". Als Oberschüler verdiente er sich so etwas Geld hinzu. Gern denkt er an die Fahrten zurück. "Ich war der Tour Altendorf zugeteilt und konnte die lange Anfahrt im Elektro-Auto genießen: kein Motorenlärm, nur leises Brummen und Rasseln der Antriebskette, sanftes Anfahren und gemächliches Tempo." Weniger angenehm war es, wenn im Winter der Strom in der Batterie nicht mehr für die komplette Heimfahrt reichte. "Dann mussten wir warten und wurden schließlich abgeschleppt", erinnert sich Hilmar Uhlich. Er und Thomas Wenzel konnten auch das Rätsel um den Hersteller des Chemnitzer Fahrzeuges lösen. Beide sind sich sicher, dass es sich um einen Hansa-Lloyd Elektro-Paketwagen der Hansa-Lloyd-Werke Bremen handelt. Der Aktionsradius habe bis zu 70 Kilometer betragen.

Mit der Ladung der Auto-Batterien beschäftigte sich der Vater von Leser Klaus Merker. Er wurde 1946 in der ehemaligen Schillerpost als Leiter der Ladestelle für die batteriebetriebenen Postautos eingestellt, berichtet sein Sohn. Schon vor seiner Einberufung 1941 habe er als Ladewärter in der Schillerpost gearbeitet. "Mit zwei weiteren Mitarbeitern wurden im Zweischichtbetrieb permanent die Nickel-Cadmium-Batterien wieder aufgeladen und, soweit notwendig, auch in Stand gesetzt. Man hatte ständig Austauschbatterien vorrätig, um Ausfälle in der Brief- und Paketzustellung zu vermeiden", erinnert sich Klaus Merker an die Arbeit seines Vaters.

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1Kommentare
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  • 1
    1
    aussaugerges
    07.10.2016

    Es gab auch die Eidechsen die nach dem Krieg in den Wekhallen fuhren.
    Gelenkt wurde mit einem Hebel hoch und runter.



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