Wie Sprachschüler plötzlich zu Lebensrettern wurden

Verwackelte Bilder von einem Zwischenfall in der Innenstadt machen im Netz die Runde. Teilnehmer eines Deutschkurses verhinderten Schlimmeres.

Was den Mann in die Verzweiflung getrieben hat, ist nicht bekannt - und wohl auch kein Thema für die Zeitung. Die Videoaufnahmen, die im Internet kursieren, lassen jedoch klar erkennen: Da war jemand drauf und dran, sich in die Tiefe zu stürzen und seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Dass er im letzten Moment davon abgehalten und gerettet wurde, ist dem beherzten Eingreifen Fremder zu verdanken. Sie bewahrten ihn vor dem letzten, unumkehrbaren Schritt und zogen ihn mit vereinter Kraft zurück in Sicherheit. Auch das ist auf den verwackelten Bildern zu erkennen.

Der Schauplatz: Der Lichthof eines öffentliches Gebäudes im Herzen von Chemnitz, an einem Vormittag Mitte vergangenen Monats. Viel los ist nicht auf den Fluren zu dieser Uhrzeit. Ein Umstand, der dazu beigetragen haben mag, dass es dem Unbekannten - graue Jeans, helles Oberteil - offenbar unbemerkt gelang, in schätzungsweise 20 Metern Höhe im obersten Stockwerk über die Brüstung zu klettern.

Irgendwer aus einer Gruppe von Sprachschülern, die nebenan gerade Unterricht haben, sieht ihn dort hocken, schreit unvermittelt auf, schlägt Alarm. Mehrere der Schüler machen sich im Laufschritt über die verwinkelten Gänge des Gebäudes auf den Weg zum Ort des Geschehens. "Wir sind sofort aus dem Zimmer gerannt", schildert Mohsen Afzalian, einer der Helfer die Situation.

Nach ein paar Sekunden sind die Männer vor Ort, packen den Fremden, der sich augenscheinlich bereits ein Stück von der Kante hat gleiten lassen, an den Handgelenken und hieven ihn gemeinsam zurück über das Geländer. Die akute Gefahr ist vorüber, der apathisch wirkende Mann liegt auf dem Flur. "Man hat ihm etwas Wasser gegeben, er war ganz ruhig und sah traurig aus", schildert Afzalian. Schließlich sei ein herbeigerufener Notarzt gekommen und habe ihn mitgenommen.

Der Vorfall und die geglückte Rettung - sie waren über Tage hinweg Thema Nummereins unter denen, die Augenzeugen wurden. "Wir haben geweint und haben uns in der Klasse umarmt", sagt Mohsen Afzalian. Eine vergleichbare Situation habe er noch nie zuvor erlebt, erzählt der 31-jährige Iraner. Seit neun Monaten erst sei er in Deutschland. Neben ihm seien an der Rettung noch mindestens sechs weitere Männer aus verschiedenen Ländern beteiligt gewesen, die meisten Mitschüler aus seinem Deutsch- Sprachkurs.

Die "Chefin" der Bildungseinrichtung habe sie später gelobt für ihre Reaktion, erzählt Afzalian - aber auch dringend gebeten, Videoaufnahmen von dem Vorfall zu löschen und nicht weiterzuverbreiten. Er selbst spreche nur ungern über das Geschehen - auch aus Angst, deswegen vielleicht Probleme zu bekommen; sei es mit der "Chefin" oder jemand anderem. Sein Asylantrag sei im ersten Anlauf abgelehnt worden, derzeit werde die Entscheidung gerichtlich überprüft.

Zeugen des Geschehens zeigen sich noch immer tief beeindruckt von der Selbstlosigkeit, mit der die Helfer vorgingen. Einige von ihnen und einige der Mitschüler hätten später noch für den Mann gebetet, ein jeder in seiner Religion. "Ein sehr emotionales Geschehen", heißt es.

Und der Gerettete? Bei ihm soll es sich nach übereinstimmenden Aussagen um einen Deutschen handeln, augenscheinlich um die 50, vermutlich aus Chemnitz oder Umgebung. Er habe gebeten, man möge ihn "auf die Dresdner Straße" bringen.

Hilfe: Menschen, die über Selbstmord nachdenken, finden Hilfe bei der Telefonseelsorge unter den kostenfreien Rufnummern 0800 1110111 und 0800 1110222. Die Beratungsgespräche sind anonym.

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2Kommentare
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  • 5
    1
    Hinterfragt
    05.10.2018

    Na, schau an, bin ich doch schon 2 von denen auf die Füße getreten ...?

  • 12
    3
    Hinterfragt
    05.10.2018

    Ich finde diesen Trend von allem zuallererst mal ein Filmchen bzw, Fotos mit dem Smartphone zu machen einfach erschreckend, nein sogar ekelhaft ...

    Und denen, die diese Bilder dann ach noch im Netz verteilen, wünsche ich, dass denen in einer Notsituation ähnliches widerfährt und aus ihrer Situation "Klicks" produziert werden.

    Mann sollte ein Gesetz schaffen, dass dieses Tun unter Strafe (mindestens 3 Jahre) stellt!



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