Zeitreise mit exklusiven Fotos und einer DVD

"Chemnitz - Karl-Marx-Stadt und zurück" - Interview mit den Herausgebern über die demnächst erscheinende Neuausgabe des Bandes

Mit sechs Auflagen und insgesamt rund 20.000 verkauften Exemplaren zählt der Band "Chemnitz - Karl-Marx-Stadt und zurück" zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen des Chemnitzer Verlages. Nach 17 Jahren erscheint das Buch zur Umgestaltung der Innenstadt zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren in einer völlig überarbeiteten Neuauflage - mit neuen, außergewöhnlichen Aufnahmen aus privaten Alben und Archiven, mit authentischen Zeitzeugenberichten und mit einer besonderen Beilage. Mit den Herausgebern Udo Lindner und Claus-D. Härtel hat Michael Müller gesprochen.

"Freie Presse": Herr Lindner, Ihr 2001 erstmals erschienener Band "Chemnitz - Karl-Marx-Stadt und zurück" genießt heute den Ruf eines sorgfältig recherchierten Standardwerks. Trotzdem haben Sie es nun stark umgearbeitet. Warum das?

Udo Lindner: In erster Linie, weil im Laufe der 17 Jahre seither unheimlich viel neues Material aufgetaucht ist - vor allem dank der Recherchen, Vorträge und Filmproduktionen zur Alltagsgeschichte, mit denen sich Claus-D. Härtel seit langem beschäftigt. Bei dieser glücklichen Fügung war es naheliegend, dass wir das Buch noch einmal völlig neu gedacht und diese hinzugekommenen Zeitdokumente mit den 2001 erstellten Inhalten verknüpft haben.

Worin wird sich das neue Buch vom früheren unterscheiden?

Udo Lindner: Wir haben in erster Linie versucht, das Beste aus der alten Ausgabe mit vielen neuen, exklusiven Bildern und weiteren, ganz authentischen Zeitzeugen-Erinnerungen zu ergänzen. Zudem wird mit dem Sonnenberg nun ein weiterer, zentrumsnaher Stadtteil mitbetrachtet, der ab den 1980er-Jahren in Teilen eine ähnlich tiefgreifende Veränderung erfahren hat wie zuvor die Innenstadt. Auch dort sind ganze Straßenzüge mit zahlreichen stadtbekannten Geschäften abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden. Auch die Abschnitte zum Brühl haben wir deutlich erweitert und die Beiträge zur Entwicklung der Innenstadt auf den neuesten Stand gebracht. Vieles von dem, was da in den zurückliegenden Jahren entstanden ist, existierte 2001 ja nur als Computeranimation.

Eine zusätzliche Besonderheit ist, dass dem Buch eine DVD beiliegt. Was hat es damit auf sich?

Claus-D. Härtel: Das ist der jüngste Film aus meiner Reihe "Spuren suchen - Spuren finden", die ich seit elf Jahren in der alten Harthauer Kirche veranstalte. Sie stößt bei den Chemnitzern auf derart hohen Zuspruch, dass regelmäßig mehr Besucher kommen, als Einlass erhalten können. Der Streifen trägt den Titel "Karl-Marx-Stadt - wie Einkaufen 1960 war". In ihm erzählen unter anderem frühere Kinder von Bewohnern des vom Stadtplan völlig verschwundenen Altstadtviertels zwischen Mühlenstraße, Theaterplatz und Bahnhofstraße, wie sie in ihrer Kindheit und Jugend die Atmosphäre in dieser Gegend erlebt haben. Dazu gibt es viele Bilder aus privaten Fotoalben zu sehen.

Wie haben Sie diese Menschen ausfindig gemacht?

Claus-D. Härtel: Im Laufe der Jahre habe ich für meine Filmprojekte mit fast siebzig Zeitzeugen Interviews geführt - mit früheren Geschäftsinhabern, mit deren Kindern, mit früheren Angestellten, mit alten Chemnitzern, die etwa regelmäßig auf dem Brückenmarkt einkaufen waren oder in der Tanzbar "Libelle" zu Gast. Und immer, wenn die "Freie Presse" über meine Projekte berichtet hat, meldeten sich bei mir neue Zeitzeugen, mit neuen interessanten Dingen - und oftmals auch mit alten Fotos. Die haben sie mir dann freundlicherweise zur Verfügung gestellt und vor der Kamera ihre Geschichten dazu erzählt.

Udo Lindner: Beeindruckend ist, welche intensiven Erinnerungen diese Zeitzeugen an die 1950er- und 1960er-Jahre in Karl-Marx-Stadt haben. Trotz mancher Schwierigkeiten und des Mangels, den es damals bisweilen gab, spricht aus ihren Schilderungen eine große Zufriedenheit. Das Karl-Marx-Stadt von damals, das war ihre Jugend. Und was die Fotos aus Privatbesitz so einzigartig macht, das ist ihre besondere Perspektive. Das sind keine Aufnahmen von professionellen Pressefotografen, sondern von Laien, die ihre Stadt mit einem unverstellten Blick im Bild festgehalten haben. Eben so, wie sie war. Das war seinerzeit sicherlich nicht spektakulär. Dafür ist das heute umso spannender anzusehen - weil es die Motive nicht mehr gibt oder aber deren Umfeld sich stark verändert hat.

Gibt es Fotos, auf die Sie besonders stolz sind?

Claus-D. Härtel: "Von der Sprengung des Kaufhauses Hochmuth gibt es mehrere, relativ bekannte Aufnahmen. Wir haben nun Fotos von einem früheren Bauarbeiter erhalten, der das Geschehen im Zeitraffer aus einer ganz anderen Perspektive festgehalten ha t- aus der obersten Etage seines Wohnheimes über die Kongress-Baustelle hinweg." Was bei den Zuschauern immer wieder starke Reaktionen hervorruft, sind Aufnahmen aus den Geschäften, die es früher in Karl-Marx-Stadt gab. Das waren zumeist inhabergeführte Geschäfte, die unter den Leuten einen Namen hatten - Lederwaren-Heinig, Foto-Fuchs, Dörr's Schnellcafé, um nur einige zu nennen. Wenn ältere Chemnitzer heute Bilder davon sehen, dann weckt das natürlich Erinnerungen. Einmal kam eine Dame mit einer Schachtel voller Spielzeug zu mir - alles von Spielwaren-Poller, einem Geschäft bei ihr um die Ecke.

Udo Lindner:Das ist ein Aspekt, der auch für jüngere Generationen interessant ist: Trotz der starken Zerstörung im Krieg gab es im Zentrum der Stadt bis in die 1960er-Jahre hinein funktionierende Stadtquartiere, die erhalten geblieben waren. Mit Cafés, Kneipen und vielen Geschäften, in denen die Leute gern einkaufen waren. Dass diese Viertel trotzdem verschwinden mussten, weil Karl-Marx-Stadt-Stadt, wie andere Großstädte in der DDR auch, zu einer sozialistischen Musterstadt entwickelt werden sollte, war keine Chemnitzer Idee, sondern eine Vorgabe aus Berlin. Um deren Umsetzung wurde heftig gerungen.


Buch-Premiere am 27. November im Kino Metropol - Bestellungen ab sofort möglich

Das Buch "Chemnitz - Karl-Marx-Stadt und zurück" erscheint Ende des Monats im Chemnitzer Verlag als völlig überarbeitete Neuauflage. Es umfasst 192 Seiten mit weit über 200 Abbildungen - darunter viele nie zuvor veröffentlichte Fotos. Der Preis beträgt 28,50 Euro. Erhältlich sein wird der Band ab Dienstag, 27. November, in allen "Freie Presse"-Shops, sowie überall, wo es Bücher gibt.

Bestellt werden kann das Buch bereits ab heute in allen "Freie Presse"-Shops; die Zusendung erfolgt dann ab dem 27. November. Bestellungen sind zudem möglich unter der kostenfreien Servicehotline 0800 80 80 123 (mit Abholung oder Zusendung nach dem 27. November). Außerdem kann das Buch schon jetzt über das Internet im "Freie-Presse"-Onlineshop bestellt werden unter: www.freiepresse.de/meinshop

Eine öffentliche Buchpräsentation findet am Nachmittag des 27. November im Kino Metropol an der Zwickauer Straße statt. Die Herausgeber werden dort die Neuerscheinung vorstellen, viele exklusive Fotos sowie Ausschnitte aus der dem Buch beigefügten DVD zeigen. Im Interview auf der Bühne schildern zudem zwei Zeitzeuginnen ihre Erinnerungen an die 1950er-/60er-Jahre im Herzen von Karl-Marx-Stadt.

Einlass für die Veranstaltung ist ab 15.30 Uhr, der Eintritt kostet 5 Euro. Karten können ab kommenden Montag, 12. November, in allen "Freie-Presse"-Shops in Ihrer Nähe erworben werden. Natürlich wird an diesem Tag auch das Buch verkauft.


Die Herausgeber

Udo Lindner ist als stellvertretender Chefredakteur der "Freien Presse" vor allem für das tagesaktuelle Geschäft der Redaktion verantwortlich. Zudem leitet er seit 2016 das Ressort Recherche.

Claus-D. Härtel ist Heimatforscher und Hobby-Filmemacher aus Harthau. Mit dem früheren Türmer Stefan Weber initiierte er die Reihe "Chemnitz - Stadt im Wandel".

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