Auf den Punkt gebracht

In den Schulen der Stadt Annaberg-Buchholz gibt es bereits mehrere Integrativkinder. Doch jetzt kommt auf eine Bildungseinrichtung eine ganz neue Herausforderung zu.

Annaberg-Buchholz.

Martha ist ein ganz normaler Abc-Schütze. Das zierliche Mädchen hat seine dunkelblonden Haare manchmal zu Zöpfen geflochten, trägt gern bunte Sommerkleider, hat in seinem Kinderzimmer neben vielen anderen Spielsachen ein großes Puppenhaus stehen und hört besonders gern Musik. Und sie erwartet mit besonderer Spannung den heutigen Tag. Denn heute bekommt sie ihre Zuckertüte. Gemeinsam mit 658 anderen Mädchen und Jungen im Altkreis Annaberg wird sie am Montag zum ersten Mal in die Schule gehen.

Und doch wird etwas anders sein. Denn Martha ist von Geburt an blind. Was für sie selbst und auch für all ihre gleichaltrigen Spielgefährten aus dem Montessori-Kinderhaus längst zur Normalität geworden ist, bringt mit dem neuen Lebensabschnitt vor allem für das neue Umfeld Herausforderungen mit sich. Denn in den städtischen Schulen gibt es zwar schon Integrativkinder mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen. Neuland ist aber die Beschulung eines blinden Kindes, erläutert Stadtsprecher Matthias Förster. Hinzu kommt, dass es damit im Freistaat insgesamt noch wenig Erfahrung gibt. Denn Martha ist erst das zweite blinde Kind in Sachsen, dass in eine Regelschule eingeschult wird - und zwar in Kleinrückerswalde. Das erste Mädchen, im vorigen Jahr in Dresden eingeschult, hat das erste Schuljahr als Klassenbeste abgeschlossen, weiß Marthas Mutter Maike Limprecht. Gemeinsam mit vier anderen Elternpaaren aus Sachsen kämpft sie dafür, dass ihre blinden Kinder eine reguläre Grundschule besuchen können. Eine wichtige und hilfreiche Gemeinschaft, denn es ist ein langer und vielfach steiniger Weg, der auch längst noch nicht zu Ende gegangen ist - auch wenn in den nächsten Jahren noch zwei weitere blinde Kinder in Annaberg-Buchholz diesen Bildungsweg einschlagen werden. Auch ihre Eltern sind überzeugt, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur ein Teil dieser Gesellschaft sind, sondern eine Bereicherung. Und die Eltern sind überzeugt, dass ihren Kindern in den Fördereinrichtungen diese Möglichkeit genommen wird, wie alle anderen Teil dieser Gesellschaft zu sein. Auch für Martha wäre der Besuch eines Blindenkindergartens oder auch der Blindenschule in Chemnitz möglich gewesen. Doch um welchen Preis? Mindestens zwei Stunden Fahrzeit jeden Tag, den Verlust des Freundeskreises, keiner Möglichkeit zur Teilnahme an Nachmittagsaktivitäten und - langfristig gesehen - auch nur sehr eingeschränkten Möglichkeiten für einen weiterführenden Bildungsweg. Denn allein für das Abitur beispielsweise gibt es momentan nur Blindeneinrichtungen in Marburg und in Königswusterhausen. "Für uns war von Anfang an klar, dass das nicht der Weg sein sollte", sagt Maike Limprecht.


Ein Weg, der auch für die Stadt Annaberg-Buchholz als Schulträger nicht einfach ist. Um die baulichen und technischen Voraussetzungen für den Schulbesuch für Martha und die anderen blinden Kinder schaffen zu können, waren nach Angaben der Verwaltung Aufwendungen in Höhe von annähernd 45.000 Euro notwendig. Der Freistaat stelle im Rahmen einer Inklusionszuweisungsverordnung den entsprechenden Schulträgern jährlich aber lediglich einen Pauschalbetrag von etwa 5000 Euro zur Verfügung. Dem gegenüber finanziere der Freistaat die Blindenschule in Chemnitz allumfassend. "Die Stadt Annaberg-Buchholz steht dem Thema Inklusion grundsätzlich nicht negativ gegenüber. Jedoch müssen dann auch von den verantwortlichen Stellen die erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden", heißt es dazu aus der Verwaltung.

Und auch Maike Limprecht kämpft noch um Gleichbehandlung. Denn ihrer Tochter wurde eine Blindenpädagogin mit einem deutlich geringeren Stundenmaß an die Seite gestellt als der Dresdener Familie. Verhandelt wird darüber vor Gericht - und das Verfahren ist noch nicht zu Ende.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...