Bärensteiner trauern um ihren Geschichtsschreiber

Hellmut Frank ist mit 95 Jahren gestorben. Nicht nur als Chronist wird er den Menschen in Erinnerung bleiben.

Bärenstein.

Ungezähltes Schriftgut haben die Mitglieder der Bärensteiner Chronikgruppe seit der Wende zusammengetragen. In den angestammten Dachstuhlräumen des Rathauses gilt es jetzt für sie, eine Zeitungsanzeige in die Sammlung des Gemeindelebens einzuordnen, die für sie zu den berührendsten Zeitdokumenten jüngerer Geschichte zählt: die Traueranzeige von Hellmut Frank. Das Bärensteiner Urgestein stand mehr als 30 Jahre ihrer Arbeitsgemeinschaft der Chronisten vor und sorgte mit seiner umsichtigen Führungstätigkeit für das Renommee dieser vom Erzgebirgszweigverein getragenen Interessengruppe. Mit großer Betroffenheit haben die im Ehrenamt tätigen Akteure die traurige Nachricht aufgenommen, dass Hellmut Frank am 29. August 95-jährig verstorben und am gestrigen Freitag beigesetzt worden ist.

"Sein Tod reißt eine riesige Lücke, er war hellwacher Augenzeuge und ein wandelndes Wissen. Wir sind sehr traurig. Mit Hellmut verlieren wir einen untadeligen Erzgebirger, dessen Lebensleistung großen Respekt verdient", schildert Uwe Schulze seine Betroffenheit. "Formell werden wir neue Mitstreiter gewinnen, aber sein Charisma, gepaart mit der enormen Lebenserfahrung, ist nicht zu ersetzen." Der 52-Jährige zählt zu einer Handvoll Mitstreiter, die unter der Ägide des agilen Seniors und unbestechlichen Zeitzeugen jene Dokumente erhalten, welche von der Gemeinde und ihren Bewohnern erzählen.

Einigkeit herrscht unter den Einheimischen, dass Hellmut Frank mit seinen Tugenden zu überzeugen wusste: nie die große Bühne für sich suchend, akribisch mit hoher Selbstdisziplin zuverlässig agierend, forderte er akkurates Mitarbeiten. Klartext war bei ihm angesagt. Sein Ringen um Objektivität war von schicksalsreichen Lebensjahren bestimmt. Als junger Mann durchlebte er den Zweiten Weltkrieg, später rang er um eine nicht von Parteien instrumentalisierte Aufarbeitung. In der Grenzregion wohnend und das Schicksal der Sudetendeutschen erlebend, schmerzte es ihn, wenn Vertreter der Nachfolgegenerationen die aus dem Krieg resultierenden Geschehnisse verzerrt interpretierten. Gegenüber so manchem Wissenschaftler, Politiker und Journalisten, die oft seinen Rat suchten, forderte er ein, sauber zu recherchieren und nach Quellenlage zu berichten.

Bewunderung zollen die Bärensteiner, wie Frank bereits hochbetagt die Computertechnik für sich entdeckte. "Da kam ihm sein Beruf als Rundfunk- und Fernsehmechaniker zugute. Er interessierte sich immer für Technik", sagt Rosi Meyer, die an seiner Seite die digitalen Datenbanken fütterte. So manchem dürfte Hellmut Frank mit blauem Dederon-Arbeitskittel und Trabant Combi vertraut sein, wenn er Radios in den Haushalten reparierte. "Die Chronistenaufgabe erfüllte sein Rentnerleben", ergänzt die 83-Jährige. Sie wusste auch um die Wanderleidenschaft des nun Verstorbenen. "Da ging es dreimal unter der Woche auf Schusters Rappen. Es war das Fitnessprogramm von Hellmut. Den Hassberg bei Preßnitz hat in einer Tour hin- und zurück erwandert. Er war Ehrenmitglied im Faschingsclub und Erzgebirgszweigverein."

"Hochbetagt und doch hellwach verfolgte er das Geschehen vor der Haustür genauso, wie er einen Blick für die Weltpolitik hatte", erweist auch Harro Rebentisch dem liebenswerten Chronisten seine Reverenz. "Das Engagement von Hellmut ist enorm. Die obligatorischen Chronik-Treffpunkte montags und dienstags zugrunde gelegt, bedeuten hochgerechnet fünf Jahre ununterbrochene Anwesenheit, dazu kamen weitere Termine. Etwa, wenn es für Jubiläen der Ortsgeschichte in Archiven zu stöbern galt."

Diesen Fakt hebt auch Bürgermeister Silvio Wagner hervor. "Der Name Hellmut Frank wird mit Ereignissen wie dem Aufbau der Partnerschaft mit Planegg oder dem Aufbau der Gemeinsamen Mitte mit Weipert bleiben. Kein größeres Fest in unserer Gemeinde, wo er nicht das Basiswissen zusammenstellte. Dazu zählen Kirchweihfeste, Feuerwehrjubiläen oder Ereignisse im Erzgebirgszweigverein. Die Stimme unseres Geschichtsschreibers ist verstummt, das macht uns sehr traurig."

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