Countdown mit Raacherkarzeln

Bald wird im Erzgebirge "genaabelt", was das Zeug hält. Doch manch einer macht das auch trotz Sommerhitze. Das zeigen erste Reaktionen auf einen "Freie Presse"-Aufruf.

Annaberg-Buchholz.

Räucherkerzen sind im weihnachtlichen Erzgebirge unverzichtbar. Aber dampfen sie nur dann? "Freie Presse"-Leser haben da ihr ganz eigenes Herangehen. Die Frage war: "Wann naabeln Sie?"

Uwe Hochberger: "Zuhause räuchern wir sowieso in der Weihnachts- und Adventszeit, und im Sommer auf der Terrasse, um die Mücken zu vertreiben", schreibt der Crottendorfer. Und weiter: "In der Weihnachtszeit zünden wir gern schon früh am Morgen im Hausflur ein oder auch zwei Kerzchen an, damit es im ganzen Haus nach Weihnachten riecht. Aber besonderen Spaß macht es mir, an jedem 24. des Monats im Büro ein Räucherkerzchen anzuzünden und meine Kollegen darauf hinzuweisen, wie viele Monate es noch bis zum Heiligen Abend sind. Ich arbeite im Zentrum von Chemnitz, und drei von den insgesamt neun Kollegen auf unserer Büroetage mögen es nicht so sehr, wenn es im Sommer nach Weihrauch riecht. Da gibt es immer Diskussionen, aber da wird keine Luft rangelassen! Und es gibt immer nur die original schwarzen Kerzchen!"

Adelheid Schwabe: "Bei mir dampft das erste Raacherkarzl nach dem ersten Schnee", schreibt die Annaberg-Buchholzerin. Und weiter: "Do ward's drinne gemietlich und hamlich, wenns draußn su ungemietlich is." Vorzugsweise würden welche mit feiner "Lindenkuhl" in den "Kochtopf nei kumme". "Die sei sehr natürlich un net su intensiv im Raach", so Adelheid Schwabe. In die Raachermannle würden aber "ner die Intensiven kumme - Weihrauch, versteht sich". "Und dos gieht dann bis zur Lichtmess. Im Sommer im Urlaub naabln de Insektenvernichter mit grußer Wirkung, ob in der Toscana oder in den österreichischen Barg is egal."

Aline Kluge-Telian: "Traditionell wird immer in der Adventszeit genaabelt. Bei uns meist mit Blechhäusel oder einem Miniaturherd", schreibt die Wolkensteinerin. Da würden die Raachermanneln "kaane drecksche Gusch" bekommen. "Auch ein kleiner getöpferter Kachelofen darf gerne den wohligen Duft verbreiten. Dabei naabln bei uns im Idealfall selbst hergestellte Karzeln. Da wissen wir ja ganz genau, was drin ist - keine Chemie. Reine Natur." Natürlich seien es immer schwarze. Basisnote "Weihrauch", die je nach herstellendem Familienmitglied mehr nach Weihrauch oder harmonisch vanillig oder männlich-herb etwas nach Zeder duften. "Sind unsere eigenen Vorräte aufgebraucht, kommen hiesige Karzeln zum Einsatz", so Aline Kluge-Telian. Favoriten seien Sorten wie Lindenkuhl und Propolis. "Mit den Kerzen von Peremett und Schwibbogen wird's richtig schie inner Stub. Seit einigen Jahren ruppt's mich regelrecht. Stressiger Tag, ä wing genervt, mieses Wetter: Ich brauch' jetzt a Karzl! Egal ob Juli, März oder September. Das muss itze sei! Und schon nebelt der kleine Blechtopf. Innere Einkehr und Besinnung. Ankommen und bei sich sein, ganz ohne Yoga. Tradition mal anders interpretiert."

Volkmar Lange: "Traditionell wird nach dem Totensonntag ,agenaabelt'. Schön dosiert und nicht zu viel", schreibt der Döbelner. Vorzugsweise verwendet er schwarze Weihrauchkarzeln. Doch bei ihm gibt es noch eine Besonderheit: "Alle Räucherfiguren sind selbst gemacht! Auch einige Mundartgedichte befassen sich mit den Räucherfiguren." Zwar stand die Wiege von Volkmar Lange leider nicht im Erzgebirge, wie er schreibt, sondern in einem Dorf im heutigen Landkreis Mittelsachsen. "Doch die Verbindung zum Erzgebirge kam durch meinen erlernten Bergmannsberuf zustande, der mich 1964 an die ehemalige Bergingenieurschule in Breitenbrunn führte", so der Döbelner. Und weiter: "Breitenbrunn hatte seinerzeit fünf Gaststätten, in die wir Bergstudenten gern einkehrten und so oft mit den Einheimischen direkt in Kontakt kamen. Die dort gesprochene Sprache interessierte mich von Anfang an. Durch das Lesen von Mundartliteratur kam ich auch mit dem damaligen Leiter des Erzgebirgsensembles Aue, Manfred Blechschmidt, zusammen. Mit ihm verband mich eine Freundschaft bis zu seinem Tode im Dezember 2015." Wie Volkmar Lange schildert, war er auch langjähriges Vorstandsmitglied im Sächsischen Landesverband der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine. Zudem ist er seit 1995 als Mundartunterhalter bei den bekannten Mettenschichten im Frohnauer "Markus-Röhling-Stolln" dabei.

Aufruf: Liebe Leser, die Frage, wann im Erzgebirge genaabelt wird, möchten wir gern an Sie weiterreichen. Lassen Sie uns wissen, zu welchen Anlässen Sie ein Räucherkerzchen anzünden und zu welchen Düften Sie greifen. Welche Geschichten verbinden Sie damit? Schreiben Sie an: "Freie Presse", Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder per Mail. red.annaberg@freiepresse.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...