Ein Tag ohne Holz ist für ihn ein verschenkter

Der Ehrenfriedersdorfer Karl-Heinz Werner hat für sein Lebenswerk das Goldene Schnitzmesser erhalten. Sogar bei Olympischen Spielen wurden seine Arbeiten ausgestellt.

Ehrenfriedersdorf.

Dutzende Schnitzmesser, Hohl- und Flacheisen, aber auch Zieh- und Schälmesser nennt Karl-Heinz Werner als unverzichtbares Handwerkszeug sein Eigen. Ein Leben lang sind bestens präparierte Arbeitsgeräte die behüteten Alltagsbegleiter für den gestandenen 80-Jährigen mit den geschickten Händen, geschulten Augen und der plastischen Vorstellungskraft. Im eigenen Häuschen in Ehrenfriedersdorf hat nun sogar ein Exemplar einen Extraplatz auf dem Schrank in der guten Stube erhalten: Das Goldene Schnitzmesser.

Der Verband der erzgebirgischen Schnitzer hat Karl-Heinz Werner jetzt die wichtigste, wenn auch materialstumpfe Auszeichnung der Gilde zuerkannt. Der gebürtige Annaberger ist der elfte Geehrte, dessen Lebenswerk in zünftiger Holzform gewürdigt wird. Denn die Kenner der Szene sind sich einig: Karl-Heinz Werner zählt zu den herausragenden Könnern des untrennbar mit der Lebensart verbundenden Hobbys der Erzgebirger.

"Schnitzen ist meine größte Leidenschaft", sagt der Ehrenfriedersdorfer. Wobei ein Blick in die Vita beweist, dass dieses Engagement einer Profession gleicht. Werner hat den Freizeitspaß zur über deutsche Landesgrenzen hinaus geachteten Perfektion gebracht. Mit Stolz zeigt er beispielsweise auf eine Plastik, die 1968 im Rahmen der Olympischen Spiele in Mexiko zu den sechs von der DDR ausgestellten Objekten der zeitgleich laufenden Weltkunstausstellung gehörte.

An sein ihn inspirierendes Grunderlebnis erinnert er sich genau: "1949 habe ich als Schüler im ,Elysium' in Thum eine Schnitzausstellung besucht. Ich war fasziniert, besonders eine Arbeit bewunderte ich: Aus einem Wurzelstock einer Fichte lugte ein Fuchs. Ein solches Stück wollte ich auch schaffen." Also machte sich der zunächst den Beruf eines Schuhmachers erlernende Lehrling ans Naturmaterial. 1950 wird er Mitglied im hiesigen Schnitz- und Krippenverein, dessen künstlerische Leitung er Jahre später inne hat und den er durch wechselvolle Zeiten und Formensprachen steuert. "Während sich im Beruf alles ums Metall drehte, war es in der Freizeit das Holz", sagt Karl-Heinz Werner schmunzelnd. Denn die Zeit wollte es, dass er auf der Suche nach Arbeit in einem Chemnitzer Werkzeugbetrieb vorsprach. In dem wurden Verzahnungsmaschinen und auch Stahlwolle hergestellt, Werner erlangte ebenso diesen Facharbeiterabschluss. Und der verrät, dass ihn Freunde heiter-respektvoll mit Spitznamen "Genaui" rufen. "Als Werkzeugmacher ging es um Hundertstelmillimeter, was aufs Holz übertragen gar nicht so gefragt ist."

Ob Beruf oder Hobby, einmal dabei, dann mit Herz und Verstand, und dem Streben, beständig dazu zu lernen. So besucht der Familienvater ab 1958 verschiedene Kurse, zeigt auch Geschick bei Malen, versteht mit Gips und Ton umzugehen. Von 1964 bis 1967 absolviert er im Abendstudium die Spezialschule für künstlerisches Volksschaffen in Schneeberg. Rüstzeug, selbst nachwachsenden talentierten Zeitgenossen das Einmaleins des Schnitzens beizubringen.

Sein Tageslauf war bis zum Renteneintritt 1990 klar strukturiert: Nachmittags aus dem Betrieb kommend, wechselte er nach einer Kaffeepause mit Ehefrau Anita in die heimische Werkstatt. Und ein weiteres Ritual bestimmte den Lebensrhythmus. Von 1952 bis 2014 gehörte der Donnerstag der Vereinsarbeit. "62 Jahre leitete ich den Kinder- und Jugendschnitzzirkel." Der Zirkelleiter erhielt auch dafür eine Anerkennung, nie fiel eine Stunde mit den jungen Leuten aus. Einer seiner Schützlinge, der in Berlin tätige Holzbildhauer Simeon Decker, würdigte als Laudator die Tugenden seines Lehrmeisters: vor allem seine Charakterfestigkeit. "Werner ist für mich der beispielhafte Vertreter des Ehrenamtes und zugleich Hoffnungsträger in einer Zeit der gesellschaftlichen Konflikte, wo das schnelle Geld der alles bestimmende Faktor ist." Werner habe immer uneigennützig in die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen investiert.

Dessen künstlerische Handschrift wird in ungezählten Privathaushalten in Ost und West in Ehren gehalten, wie Krankenhäuser, Schulen und Rathäuser einen echten Werner, so als lebensgroße Holzfigur, Freiluft-Schachspiel, Wanddekoration, Orgelverkleidung oder auch als Figur des Waldgeisterweges, ihr Eigen nennen.

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