Eine fast vergessene Panoramabahn des Erzgebirges

Vor 120 Jahren wurde zwischen Scheibenberg und Zwönitz eine besondere Strecke in Betrieb genommen. Einige Überbleibsel erinnern noch daran.

Scheibenberg.

Von Tannengrün überwuchertes Packlager, zerbröselnde Brückenpfeiler, aber auch verrostete Eisenteile und Stümpfe von Telegrafenmasten sind Zeitzeugen eines einst florierenden Verkehrsprojektes im Erzgebirge. Es geht um die Bahnstrecke Zwönitz - Scheibenberg. Wenig erinnert heute noch an die auch als Erzgebirgische Panoramabahn oder obererzgebirgische Aussichtsbahn bezeichnete Trassenverbindung. Am 1. Mai 2020 jährte sich die vor 120 Jahren vollzogene Inbetriebnahme dieses früheren Lebensnervs für die Wirtschaft und Bewohner der Region.

Die seinerzeit geschaffenen Objekte der Infrastruktur wie Bahnhöfe, Lager, Schuppen und selbst Abtritte sind oft abgerissen oder längst umgenutzt worden. An den eigentlichen Streckenverlauf erinnern wenige Überbleibsel etwa in Form von Brückenfundamenten oder die mitten im Wald verwachsene Zwangsschiene des früheren Oswaldtal-Viaduktes. Allein die betagte Fuchsbrunnbrücke bei Zwönitz zeugt noch vom Können der Erbauer in jener Zeit.

"Die Verbindung galt als eine der landschaftlich interessantesten und technisch reizvollsten Anlagen der sächsischen Eisenbahn. Allerdings ist sie allenfalls für Eisenbahninteressierte ein Begriff, wie sicher auch einige Anwohner noch damit etwas anfangen können", sagt Claus Schlegel. In der öffentlichen Wahrnehmung spiele die 1947 als Reparationsleistung teilweise demontierte Verbindung aber keine Rolle mehr. Der Eisenbahnexperte und Betreiber des Museumsbahnhofs Walthersdorf hat sich intensiv mit der Panoramabahn beschäftigt und ein unter Fans begehrtes Büchlein zur Geschichte und Bedeutung der Strecke herausgegeben. Darin skizziert er die gelungene Integration der Schienenführung in die Landschaft samt der ingenieurtechnischen Lösungen. Gerade die sieben Brückenkonstruktionen würden als einst bautechnisch beispielgebend gelten.

Auch Ortschronist Stefan Schneider zählt zu jenen, die sich für dieses Kapitel Eisenbahn begeistern. "Die Panoramabahn hatte vor über einem Jahrhundert längst nicht die Förderung des Fremdenverkehrs zum Ziel", so der Zwönitzer. "Die damalige sächsische Staatsregierung sah in dem Projekt die wirtschaftlichen Vorteile. Die Eisenbahn war das aufkommende Verkehrsmittel. Die Bahn hat die Wirtschaft maßgeblich ins Laufen gebracht und erhalten, so die Rohstoffe vor Ort angeliefert und veredelte Produkte in die Metropolen gebracht." Selbst Autor, erweist Stefan Schneider den Planern und Bauleuten seinen Respekt. "Das technische Know-how begeistert mich. Man bedenke, in welch kurzer Zeit das Projekt verwirklicht wurde und welche Arbeitsgeräte zur Verfügung standen. Es gilt zudem den Weitblick der damaligen Entscheidungsträger zu würdigen, die dem Vorhaben zum Erfolg verhalfen." Binnen reichlich zwei Jahren wurde das am 18. Oktober 1887 mit dem erstem Spatenstich begonnene Vorhaben ausgeführt. Konsequenz der Eröffnung: Am 3. Mai 1900 fuhren die Postkutschen zwischen Zwönitz-Grünhain und Zwönitz-Elterlein zum letzten Mal.

Eisenbahner Frank Römer kennt den Verkehrsbetrieb noch aus eigenem Erleben. "Als Kind bin ich mit der Bahn nach Scheibenberg in die Schule gefahren", erzählt der 74-Jährige, der später selbst als Heizer und Lokführer im Erzgebirge unterwegs war. "Bekanntlich wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der größere Abschnitt von Zwönitz nach Elterlein per 20. August 1947 eingestellt und die Trasse als Reparationsleistung abgebaut. Nur auf einem Teilstück zwischen Elterlein und Scheibenberg rollten noch Züge", sagt der Elterleiner. "Früher wurden Gussteile aus dem Eisenwerk abtransportiert, wie Gasflaschen oder auch Schubkarren von Elterlein aus ausgeliefert wurden. Mit der Einstellung des Personenverkehrs am 21. November 1965 und des Güterverkehrs am 24. September 1966 ging das Kapitel Verkehrsgeschichte endgültig zu Ende", so Römer weiter. Nach der Stilllegung sei das kurze Streckenstück bis 1968 zum Abstellen von Schadwagen genutzt und anschließend abgebaut worden.

Frank Römer kann aus eigenem Erleben vom beeindruckenden Rundumblick entlang der Stationen mit Sicht auf Auersberg, Pöhlberg, Bärenstein und Fichtelberg berichten. Insgesamt umfasste die Strecke reichlich 26 Kilometer. Immer wieder habe es von Entscheidungsträgern aus der Region Bemühungen gegeben, die Trasse erneut zu beleben. Doch mit der Wende sei das endgültig Geschichte gewesen.

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