Erstaufführung als Osterüberraschung

Mit der Aufführung großer musikalischer Werke hat die Kirchgemeinde Sankt Annen viel Erfahrung. Doch in diesem Jahr wird es anders sein. Eine Ausgrabung steht auf dem Programm.

Annaberg-Buchholz.

Vor genau 300 Jahren hat der im erzgebirgischen Grünstädtel geborene Gottfried Heinrich Stölzel die Passion "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" komponiert. Zu den großen Anhängern des heute vielfach vergessenen späteren Kapellmeisters aus Gotha gehörte seinerzeit kein Geringerer als Johann Sebastian Bach. Er führte das Werk Stölzels sogar am Karfreitag 1734 in der Thomaskirche Leipzig anstelle einer eigenen Passion auf. Seit dem 18. Jahrhundert ist das Stück nicht mehr erklungen - bis zum vorigen Jahr. Als Ausgrabung zunächst in Gotha, danach zum Bachfest wieder an historischer Stätte in Leipzig aufgeführt, will es Kantor Matthias Süß nun auch wieder ins Erzgebirge holen. Am Karfreitag soll es als Erstaufführung in Sankt Annen erklingen.

"Stölzel war ein Universalgelehrter, der nicht nur die Musiken, sondern auch die Texte seiner Oratorien selbst verfasst hat", erläutert der langjährige Kirchenmusikdirektor des heimischen Kirchenbezirkes. Das Können Stölzels zeige sich in den kunstvollen, oft mehrstimmigen Rezitativen. Aber auch in Arien, deren Melodien italienischen Meistern abgelauscht scheinen. Nicht ohne Grund hätten Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach ganze Arien von Stölzel im Parodieverfahren als eigene übernommen.

Gottfried Heinrich Stölzel, als zweites von neun Kindern in Grünstädtel geboren, lernte von seinem Vater das Klavierspielen und sang im Kinderchor der Gemeinde. Im Alter von 13 Jahren lernte er am Lyzeum in Schneeberg, 1705 wechselte er auf das Gymnasium in Gera. 1707 nahm er in Leipzig ein Studium der Theologie auf. Drei Jahre später begann die Arbeit an mehreren Kompositionen. Seine erste Oper Narcissus entstand. 1713 begab er sich erneut nach Italien, wo er mit Francesco Gasparini, Antonio Vivaldi und Giovanni Bononcini Kontakte pflegte und dadurch den Einstieg in die internationale Musikwelt fand. 1719 zog er - mittlerweile mit Familie - nach Gotha, wo er von Herzog Friedrich II. zum Hofkapellmeister ernannt wurde. Er führte die Hofkapelle zu einer neuen Blüte.

Sein Passionsoratorium "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld", das schon Bach begeisterte, hat zum Bachfest im vorigen Jahr auch Matthias Süß begeistert. Seit Weihnachten probt nun die Kantorei Sankt Annen für die zweistündige Aufführung am Karfreitag ab 17 Uhr. Unterstützung erhält sie dabei von den Solistinnen und Solisten Barbara Christina Steude (Sopran), Marlen Herzog (Alt), Falk Hoffmann (Tenor) und Martin Schicketanz (Bass) sowie vom Collegium Instrumentale aus Chemnitz und Markus Teichler vom Eduard-von-Winterstein-Theater an der Truhenorgel.

Karten gibt es im Vorverkauf im Pfarramt oder online unter www.annenkirche.de/ st-annenkirche/konzerte


Kirchenmusik steht in diesem Jahr im Zeichen des Orgeljubiläums

Das Jahr 2020 ist für die Sankt Annenkirche wieder ein Jubiläumsjahr: Vor 25 Jahren ist die große Walcker-Orgel durch die Firma Eule aus Bautzen restauriert worden. Das Jubiläum wird mit einer Orgel-Musiknacht am 11. Juli gefeiert, in der ein vielfältiges musikalisches Angebot unterbreitet wird.

Das Instrument, das laut Kantor Matthias Süß als eine der schönsten romantischen Orgeln in Sachsen gilt, wird darüber hinaus insbesondere im Rahmen der Sommermusik in Sankt Annen, aber auch in vielen Orgelkonzerten erklingen. Als Gastorganisten werden unter anderem Kirchenmusikdirektor Michael Saum aus Heilbronn, Kirchenmusikdirektor Klaus Geitner aus München, Kirchenmusikdirektor Matthias Dreißig aus Erfurt und Jakub Janšta aus Prag erwartet. Kantor Matthias Grünert aus der Frauenkirche in Dresden wird während seiner Orgelfahrt Station in Sankt Annen machen.

Besondere Höhepunkte bilden die Solokonzerte von Liedermacher Gerhard Schöne am 15. August und von Björn Casapietra am 22. August: "Hallelujah - Die schönsten Himmelslieder". Dabei spannt der gebürtige Italiener einen eindrucksvollen Bogen von der klassisch-geistlichen bis zur weltlichen Musik. Zum Repertoire des Opernsängers, Moderators und Schauspielers gehören italienische Opernarien ebenso wie Balladen, die größtenteils eigens für ihn komponiert wurden, sowie irische, spanische und italienische Volksmusik.

Das Musikfest Erzgebirge ist ebenfalls mit zwei Konzerten in Sankt Annen zu Gast - beide am 13. September. Dann steht am Vormittag der Abschluss-Festgottesdienst auf dem Programm - zugleich ein Rundfunkgottesdienst des Mitteldeutschen Rundfunks. Am späten Nachmittag gestaltet die Capella Amsterdam unter Leitung von Daniel Reuss das Abschlusskonzert des Festes mit Motetten von Johann Sebastian Bach.

Die "Dresdner Christvesper" des langjährigen Kreuzkantors Rudolf Mauersberger erklingt im Rahmen der Adventsmusiken. Und zu einem der Konzerte in der Vorweihnachtszeit wird der Dresdener Motettenchor unter der Leitung von Matthias Jung erwartet. (af)


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