Erzgebirge wird zur Teststrecke für ICE

Ein ICE rollte am Donnerstag über die Gleise der Erzgebirgsbahn und bekam viel Aufmerksamkeit. Schon jetzt ist klar: Es bleibt nicht die einzige Fahrt.

Wolkenstein/Annaberg-Buchholz.

Es war ein Fotomotiv, das sich Hunderte von Eisenbahnfans nicht entgehen ließen: Ein ICE mit Dieselantrieb rollte am Donnerstag durch Westsachsen und das Erzgebirge. Die Deutsche Bahn will den Zug mit der Aufschrift "Advanced Trainlab" (hochentwickeltes Zuglabor) nächstes Jahr zur Testplattform für neue Technologien umrüsten und der Eisenbahnbranche zur Verfügung stellen.

Die Fahrt ging dabei nicht zufällig durchs Erzgebirge: Einen 25 Kilometer langen Abschnitt zwischen Annaberg und Schwarzenberg nutzt die Bahn seit kurzem als Teststrecke. In diesem "Living Lab" will der Konzern mit der Bahnindustrie Soft- und Hardwarelösungen für Fahrzeuge und Infrastruktur auf Praxistauglichkeit testen. Die Strecke ist dafür besonders gut geeignet, weil hier außer einigen wenigen touristischen Zügen kein regulärer Fahrbetrieb mehr stattfindet. Und: Die Teststrecke weist auf der kurzen Distanz Gefälle, Steigungen, enge Radien, Bahnübergänge sowie verschiedene klimatische Bedingungen auf. Auf dem Abschnitt könne man zudem die ersten Schritte zur Digitalisierung der Schiene gehen, so ein Bahnsprecher.

Der Hintergrund: In Annaberg-Buchholz betreibt die Bahn seit kurzem das erste digitale Stellwerk Europas. Zudem soll in der Bergstadt mit dem Smart-Rail-Connectivity-Campus ein Forschungscampus für nachhaltige Mobilität entstehen. In der geplanten Außenstelle der TU Chemnitz sollen unter anderem das hoch automatisierte Fahren auf Bahngleisen sowie hybride Antriebstechnologien weiter erforscht und zur Marktreife gebracht werden. Die entscheidende Finanzierungshürde beim Bund ist allerdings noch nicht genommen.

Der Labor-ICE, der statt des üblichen roten Streifens einen silbernen hat und im Bahnjargon "Delphin" heißt, wird auch künftig im Erzgebirge zu sehen sein. Bereits 2019 sollen Versuche stattfinden, erklärte die Stadt Annaberg-Buchholz. Der Zug wird laut Bahn aber auch bundesweit unterwegs sein. An Bord des ICE waren am Donnerstag gut 200 Gäste aus Industrie, Verkehr und Forschung. Die Bahn präsentierte während dieser Sonderfahrt, die von Leipzig über Chemnitz, Annaberg-Buchholz, Schwarzenberg und Zwickau zurück nach Leipzig führte, ihr neues Forschungszugkonzept.

Die Diesel-ICE der Baureihe 605 von Siemens sind seit Ende 2017 nicht mehr im regulären Verkehr unterwegs, zuletzt rollten sie zwischen Hamburg und Kopenhagen. Angeschafft hatte die Bahn einst 20 Züge zum Stückpreis von 7,5 Millionen Euro. Ihre Premiere feierten die bis zu 200 km/h schnellen Fahrzeuge 2001 auf der Strecke Dresden-Chemnitz-Nürnberg. Nach einigen Pannen schob die Bahn die Züge Ende 2003 zeitweise aufs Abstellgleis - trotz Zusicherung des Herstellers, dass die ICE nach Umrüstungen voll einsatzbereit seien. Heute hat die Bahn noch 15 Züge, fünf wurden bereits verschrottet.

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4Kommentare
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  • 1
    1
    Zeitungss
    09.01.2019

    @erzugr15: Ihre Gedanken sind durchaus lobenswert. Diese stillgelegte Strecke wird für Testzwecke genutzt, dabei wird es bleiben. Alle weiteren Vorstellungen bleiben Wunschdenken, eher bekommt jedes Dorf eine 4spurige Straße.

  • 1
    0
    erzugr15
    08.01.2019

    Schön, so kommt der Forschungsbetrieb nun doch endlich in die Provinz, vielleicht wächst da ja etwas draus. Noch schöner wäre es, wenn auf der nun dem Testbetrieb gewidmeten Strecke (und anderen im Erzgebirge) ganz normale Regionalzüge verkehren würden - inklusive einer vernünftigen Einbindung in das übrige System des ÖPNV. Dann müsste sich nicht jeder Einwohner der kleinen Orte ein eigenes Fahrzeug unterhalten, und (Traum!!!) vielleicht käme sogar die ansässige Industrie wieder in den Genuss von Güterverkehrsangeboten?! Also vorwärts, zurück in die Zukunft!

  • 3
    0
    Zeitungss
    21.12.2018

    Herr Franke, guter Beitrag, bin ich von Ihnen zum Thema Bahn auch nicht anders gewöhnt. Entwicklung und Forschung muss sein, keine Frage. Der Chinese wartet schon auf die Ergebnisse um es in die Tat umzusetzen. Die Fa. Siemens (und nicht nur diese) können ein Lied davon singen. Ein schönes Denkmal zu dieser Verfahrensweise steht aufgeständert im Emsland, um einmal ein Beispiel zu nennen. Wer mit Bahntechnik zu tun hat, wird wissen was gemeint ist.
    Das eigesetzte Fahrzeug der BR 605 bauen die Chinesen nicht nach, denn es war vom ersten Tag an ein Hosengänger was die damaligen Fahrgäste hautnah erleben durften. Die ursprüngliche Kaufabsicht der DSB scheiterte an der Vernunft einiger dort Verantwortlichen.
    Ich wünsche den Entwicklern viel Erfolg bei ihrer Arbeit. Bevor man sich um das autonome Fahren kümmert, sollte es ihnen gelingen, erst einmal das neue ETCS in Europa auf einen einheitlichen Standart zu bringen, was bisher nicht in Sicht ist. Wenn Verantwortliche der DB den Zustand ihrer abgewirtschafteten Infrastruktur wirklich kennen würden, würden sie kleinere Brötchen backen, was aber nicht zu erwarten ist. Versorgungsfall Pofalla als Chef dieser Sparte dürfte das allerdings am wenigsten klar sein, im Kanzleramt gab es eh keine Bahn.

  • 2
    0
    Malleo
    20.12.2018

    Eine richtig gute Nachricht, bitte auch medial sehr nah dranbleiben!!



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