Heimatgruppe Binge-Maad gibt letztes Konzert

Die Heimatgruppe aus Geyer gibt am Wochenende nach vielen Jahrzehnten ihr letztes Konzert. Die Protagonisten blicken unter anderem auf TV-Auftritte und Auslandsreisen zurück - und auf so manche amüsante Begebenheit.

Geyer.

Mit einer Premiere werden sich zum Finale ihrer Jahrzehnte währenden Bühnenlaufbahn die Mitglieder der Heimatgruppe Binge-Maad aus Geyer vom Publikum verabschieden. Der schmuck wieder entstandene Lotterhof ist erstmals Auftrittsort der Musikanten und Sängerinnen. "Mit einem vorweihnachtlichen Hutzennachmittag wollen wir am kommenden Sonnabend den Schlussakkord setzen", sagt Ensembleleiter Dietmar Meyer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die unter der Woche laufende Probe nutzten die gestandenen Akteure für das Auffrischen des Repertoires ebenso, wie sie in Erinnerungen schwelgten.

"In fünf Jahrzehnten Bühnenlaufbahn verbindet uns so manches Kulturereignis und so mancher unvergessene Auftritt", resümiert der 78-Jährige. Während der Wendezeit hätten turbulente Rahmenbedingungen das Hobby bestimmt. Als jung ausgebildeter Musiklehrer trat Meyer 1964 in der Bergstadt seinen Schuldienst an. "Um verschiedene musikalische Freizeitprojekte bemüht, reifte 1969 bei mir das Vorhaben, für eine damals in Ansätzen bestehende Interessengemeinschaft die künstlerische Leitung zu übernehmen", blickt der gebürtige Schmalzgruber zurück. Das Wahrzeichen der Bergstadt Geyer - die Binge - war bald als markanter Name gefunden. Unterschiedliche Besetzungen führt Dietmar Meyer seitdem an, der unterdessen als einziger Künstler der Ur-Gruppe noch auf den Bühnenbrettern steht. "In der gegenwärtigen rund 40 gemeinsame Jahre zählenden Formation dürften wir ohnehin zu den ältesten Heimatgruppen in der Erzgebirgsregion zählen."

Aus Feriendomizilen und Kulturhäusern der Region waren die Musikanten als singende Botschafter der Mundart und des Brauchtums in den Folgejahren ebenso wenig wegzudenken, wie sie Betriebsfeiern, Stadtgeburtstage, Traditionstreffen und Vereinsvergnügungen gestalteten. "Neben der Musik gab es Anekdoten zu hören, so wie wir dem nicht aus unserer Region stammenden Publikum etwa den Schwibbogen oder die Funktion eines Räuchermannes erklärten", erzählt Christa Schwenke. "Den Urlaubsgästen in Neudorf, Satzung oder Oberwiesenthal und anderenorts gaben wir ein Stück Lokalkolorit mit. Spinnrad, Stollen und Sterne gehörten zu den Bühnenkulissen", berichtet sie.

Mit fundierter Ausbildung erarbeitete sich das Ensemble ein breites Repertoire. Im Sinne des Selbstverständnisses als musikalische Handwerker legten die Binge-Maad-Akteure im wahrsten Sinne des Wortes gesteigerten Wert auf wirkliche Handarbeit. "Alles wurde live abgeliefert, Play-back-Show-Elemente gab es nicht. Dabei haben wir unsere Nummern des rund 90-minütigen Programms nicht stur durchgezogen, sondern immer versucht, den Intentionen des Publikums nachzuspüren. Insofern haben wir nie eine Veranstaltung abbrechen müssen, weil die Gäste Langeweile gespürt haben", sagt Dietmar Meyer.

Tausende Veranstaltungen sind in die Chronik eingegangen. Der erste überregionale Auftritt erfolgte 1978 im DDR-Fernsehen mit "Kinner, guckt naus", erklärt der Leiter. Nach Ungarn führte ein Auslandsgastspiel. Nach der Wende waren die Geyerschen in TV-Sendungen wie der "Wernesgrüner Musikantenschänke" oder der Heimatreihe "So klingt's bei uns im Arzgebirg" dabei. Die Erzgebirger verfolgten bei westlichen Landsleuten durchaus auch einen Bildungsauftrag. "Unvergessen ist ein Gastspiel in Österreich. ,Heute Hutzenabend' wurde in dem Ort seinerzeit geworben", so Christa Schwenke. "Noch heute lachen wir, dass uns beim Eintreffen der Hausmeister des Saales verblüfft mit den Worten begrüßte: Sie können ja deutsch sprechen. Wir dachten, der Stamm der Hutzen tritt auf." Die Mitwirkung bei den Festlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken 1993 gilt als ein Höhepunkt, da sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl als Zuhörer zeigte.

Schafwollsocken hätten sich auf winterlichen Touren indes als wichtiges Utensil erwiesen, steuert Dietmar Meyer eine Anekdote bei. "Wir hatten nach der Wende von einem Unternehmer einen Transporter geschenkt bekommen. Allerdings war dessen Heizung unterdimensioniert und wir bibberten an Wintertagen. So verstopften wir, als alle an Bord waren, die Türritzen mit den Textilien." Weitergetragen wird nicht minder, dass ein das Bandoneon spielender früherer Musikant statt seinem Instrument am Auftrittsort in Drebach seine Motorsäge aus dem Koffer holte, die er im Vorbereitungsstress vertauscht hatte. "Und auch mir saß der Schrecken in den Gliedern, als ich einmal mehrere Veranstaltungen gestaltetet habe und in Oberwiesenthal keine Gitarre mehr im Auto vorfand. So schnell es Winterbedingungen zuließen, düste ich nach Thum zurück, unserem vorangegangenen Auftrittsort. Dort stand noch an der Hauswand mein Instrument. Das war der Beweis, dass Erzgebirger ehrliche Zeitgenossen sind", so Dietmar Meyer.

Das Gastspiel der Binge-Maad findet am 30. November, 14.30 Uhr im Lotterhof Geyer statt. Eintritt 5 Euro, der Erlös des Nachmittages soll dem Renaissancegebäude Lotterhof zugute kommen. Voranmeldung erbeten.

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    ChWtr
    28.11.2019

    Die Mundart ist Bestandteil, wo mal lebt und aufgewachsen ist - wie die Luft zum atmen. Man wird es ganz sicher (auch wieder) in 50 Jahren zu schätzen wissen. Die Handygeneration und das verfluchte und doch geschätzte Smartphone werden sich (ver)ändern.

    Nichts bleibt, wie es einmal war - panta rhei (...)

  • 3
    0
    ralf66
    28.11.2019

    Hot wuhl dor Nochwuchs gefahlt, doss itze Ruh is, is net esu schlimm, de Handyjuchnd is heitzetoch annorschweitig beschäftigt, grod zen Freitog hattn se in der letztn Zeit annere Sachen, die wichtiger warn, wie dann ganzn altmodischn Hamitkram, aber ich denk is arzgebirgische Lied und de Mundart blebbt zewingst als Konserv erhaltn und su ka a de Handyjuchnd in 50 Gahrn mol härn, wie de Muttersproch geklunge hot.



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