Herdenschutz auch für Alpakas: Aber Angst vor dem Wolf bleibt bei Züchtern

Mehr als sieben Monate sind seit dem ersten offiziell bestätigten Wolfsriss im Erzgebirge vergangen. Die Bilder ihrer toten Tiere aber sind bei den Tierhaltern immer noch allgegenwärtig. Auch ein neuer, großer Zaun hilft dagegen nur wenig.

Oberwiesenthal.

Den Morgen des 13. April dieses Jahres werden Romy Schmidt und Fritz-Jürgen Hieke aus Oberwiesenthal nie vergessen. Auf einer ihrer Weiden hatten sie zwei tote und mehrere verletzte Schafe entdeckt. Was die beiden erfahrenen Tierhalter sofort vermuteten, wird später auch offiziell bestätigt: Es waren Wölfe. Der Vorfall gilt seither als der erste offiziell bestätigte Wolfsriss im Erzgebirge.

Bei aller Tragik gab es an diesem Tag dennoch auch eine gute Nachricht: Die in unmittelbarer Nachbarschaft der Schafe lebenden Alpakas waren alle unverletzt. Seit 2004 "leben und züchten" die beiden Alpakas - Paarhufer, die aus den südamerikanischen Anden stammen und zur großen Familie der Kamele gehören. Äußerst genügsam und robust, können sie sich hervorragend an unterschiedliche klimatische Bedingungen anpassen. Im Gegensatz zu ihren Verwandten, den von Guanacos abstammenden Lamas, dienen sie nicht als Lastentiere, sondern werden als Fasertiere gezüchtet. Durchschnittlich 90 Alpakas leben am Fuße des Fichtelberges auf zirka elf Hektar Weidefläche. Entsprechend groß ist seit den Apriltagen die Angst bei Romy Schmidt und Fritz-Jürgen Hieke, dass die Wölfe - die einem Rudel in Vysluni zugeordnet werden, etwa 14 Kilometer entfernt von Oberwiesenthal auf der tschechischen Seite des Erzgebirges gelegen - auch die wertvollen Zuchttiere angreifen.

Eine Angst, mit der die beiden Erzgebirger nicht allein sind, wie beim 18. Stammtisch des Alpakazuchtverbandes Deutschland jüngst in Oberwiesenthal deutlich wurde. Mehr als 80 Züchterinnen und Züchter aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern haben dort intensiv über das Thema Wolf gesprochen. "Da war auch viel Resignation zu spüren", sagt Romy Schmidt. Denn dass ein wirksamer Schutz gegen Wolfsangriffe bei großen Nutztieren sehr schwierig ist, bestätigt auch die seit dem Sommer dieses Jahres im Freistaat Sachsen zuständigen Fachstelle Wolf, die ihren Sitz in Nossen hat.

Dennoch haben die beiden Oberwiesenthaler als erste Alpaka-Züchter in Deutschland überhaupt jetzt einen fast drei Kilometer langen Schutzzaun als Herdenschutzmaßnahme gefördert bekommen - genauer gesagt, den vorgeschriebenen Untergrabeschutz und den Übersprungschutz einschließlich Elektrik. Mit 103.000 Euro hat sich der Freistaat nach Angaben der beiden Oberwiesenthaler an dem Vorhaben beteiligt. Ob der schwere Metallzaun - für den mit Hilfe vieler Freunde und Bekannte insgesamt rund 40 Tonnen Material bewegt und verarbeitet werden mussten - insbesondere in den Wintermonaten bei Eis und reichlich Schnee aber tatsächlich einen wirksamen Schutz bietet? Zweifel bleiben. Und so kommen die Tiere nach wie vor jeden Abend in den mittlerweile fast hermetisch abgeriegelten Stall, auch wenn das nicht gerade idealen Haltungsbedingungen entspricht. Aber die Angst ist einfach zu groß.

Umso mehr, da es im Sommer dieses Jahres auch den ersten Wolfsriss bei einem Alpaka gegeben hat - in Wermsdorf im Landkreis Nordsachsen. Nach Angaben der Fachstelle Wolf hatte es auch schon im März des vorigen Jahres im Landkreis Görlitz einen Vorfall gegeben, bei dem die Begutachtung den Wolf als Verursacher nicht ausschließen konnte. "Die spätere Auswertung der genommenen Genetikprobe bestätigte die Vermutung allerdings nicht." Generell aber seien Übergriffe von Wölfen auf Neuweltkameliden, zu denen Alpakas gehören, selten. "Es ist von einer gewissen Gefährdung auszugehen. Aber es bleibt abzuwarten, ob Wölfe sie mit der Zeit regelmäßig in ihr Beuteschema aufnehmen werden", heißt es. Und so bleiben Zuschüsse wie die für die beiden Oberwiesenthaler vorerst die Ausnahme. "Schafe und Ziegen werden europaweit deutlich häufiger von Wölfen getötet als größere Nutztiere. Für deren Halter können aktuell Fördermaßnahmen nur in Einzelfällen genehmigt werden, wenn es bei ihnen oder in direkter Nachbarschaft zu Übergriffen gekommen ist", erläutert Vanessa Ludwig von der Fachstelle. Bisher seien dieses Jahr - mit Bearbeitungsstand 30. September - 791.000 Euro für die Förderung von präventiven Maßnahmen zum Schutz vor dem Wolf in Sachsen ausgezahlt worden. Anträge dazu sind bis dato mehr als 1000 eingegangen, sagt sie.

Zu unserem Spezial "Wolf in Sachsen"

4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    4
    1206652
    29.11.2019

    Da stellt sich natürlich schon die Frage, welche Tiere für das Ökosystem im Erzgebirge wichtiger sind oder sein sollten. Also wenn man mal rational darüber nachdenkt. Aber das ist ja im Zusammenhang mit dem Wolf eher schwierig, woran ja auch Rotkäppchen nicht ganz unschuldig ist ;-)

  • 2
    2
    Distelblüte
    29.11.2019

    Im Gegensatz zu Schafen, Rindern oder auch Damwild sind Lamas und vor allem Alpakas keine Fluchttiere - sie gehen eher neugierig auf neues zu, auch auf den Wolf.

  • 3
    5
    Freigeist14
    29.11.2019

    Wer lebte früher im Erzgebirge ? Alpakas oder Wölfe ? So einen gedeckten Tisch sollten sich Wölfe heute nicht entgehen lassen .

  • 6
    0
    fnor
    29.11.2019

    Wir haben bei der Lamawanderung gelernt, dass sie zum Herdenschutz eingesetzt werden, da sie Wölfe effektiv vertreiben. Ggf. sind deswegen Übergriffe von Wölfen auf Neuweltkamele selten.



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