Praxisschließungen: Die nächste bitte ...

8,5 offene Hausarztstellen gibt es aktuell bereits im Raum Annaberg. Diese Zahl erhöht sich Ende Juni mit dem Ruhestand von Dr. Konrad Wappler in Mildenau. Und das ist längst nicht das Ende der Fahnenstange.

Annaberg-Buchholz.

Einen Termin bei einem Hausarzt zu bekommen, wird immer mehr zu einem Lotteriespiel. Hat es im August 2017 im Raum Annaberg lediglich fünf offene Hausarztstellen gegeben, so sind es heute 8,5. Ab dem 1. Juli wird sich diese Zahl auf 9,5 erhöhen und voraussichtlich Ende des Jahres sogar auf 10,5. Das wäre innerhalb von eineinhalb Jahren mehr als eine Verdoppelung. Kein Wunder, dass die Verzweiflung der Patienten wächst. "Die haben Tränen in den Augen", sagt Medizinerin Evelyne Köhler. Sie praktiziert im Barbara-Uthmann-Ring, dem größten Annaberger Wohngebiet. Und sie bekommt tagtäglich die Angst der Menschen zu spüren, die einen Termin bei einem Allgemeinmediziner suchen.

Spätestens, seit dem bekannt geworden ist, dass Dr. Konrad Wappler nach 40 Jahren zum 30. Juni seine Praxis in Mildenau aufgeben wird, versuchen immer häufiger Patienten aus dem Nachbarort bei Evelyne Köhler ihr Glück. "Wahrscheinlich bin ich die ortsnächste Ärztin", sagt sie. Dabei trägt auch sie sich mit dem Gedanken aufzuhören. Spätestens am Jahresende soll Schluss sein. Anders als ihr Kollege aus Mildenau möchte sie nicht über den Renteneintritt hinaus praktizieren, auch wenn sie dringend weiter gebraucht würde. Doch die Arbeit in den vergangenen Jahren hat gezehrt, gerade auch der Verwaltungsaufwand, der inzwischen fast ein Drittel der Arbeit ausmache. Evelyne Köhler erzählt: "Wir haben einmal Statistik geführt und sind dabei auf rund 4000 Kontakte im Quartal gekommen." Mit Kontakten ist jeder Besuch in ihrer Praxis gemeint - egal ob sich ein Patient nur ein Rezept hat ausschreiben lassen oder behandelt werden musste. Das alles sei in der normalen Arbeitszeit längst nicht mehr machbar, sagt sie. So sei es schon fast normal, dass allein in der Praxis täglich mindestens eine Überstunde anfällt. Doch damit nicht genug. Anschließend geht es zu Hausbesuchen - ebenfalls täglich. Das bedeute in Spitzenzeiten noch einmal neun bis zehn Patienten. "Wie soll man dann noch neue Patienten aufnehmen?", fragt sie.

Was für manchen zunächst vielleicht kalt klingt, lässt die Medizinerin alles andere als kalt - im Gegenteil. "Wenn jemand erstmals zu mir kommt und krank ist, dann schicke ich ihn natürlich nicht weg. Das gilt aber immer nur für den einen Notfall", sagt sie. Dazu ist Evelyne Köhler zur jüngsten Annaberg-Buchholzer Stadtratssitzung aufgetreten und hat an das Gremium appelliert, seine Stimme zu nutzen, um auf die Ärztemisere in der Region aufmerksam zu machen, beim Freistaat und bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Denn weder für ihre Praxis gibt es einen Nachfolger noch für die des Mildenauer Arztes, wie Konrad Wappler erklärt.

Bei der KV ist das Dilemma bekannt. Laut Geschäftsführerin Carmen Baumgart sei durch den Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Sachsen die drohende Unterversorgung im Planungsbereich Annaberg-Buchholz festgestellt worden. Zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung habe der Landesausschuss für Chemnitz sechs Förderstellen ausgeschrieben. Für diese stehen jeweils eine Pauschale in Höhe von bis zu 60.000Euro und die Gewährung eines Mindestumsatzes zur Verfügung. Allerdings liege für diese aktuellen Förderstellen bisher lediglich ein Antrag vor, so Baumgart.


Kommentar: Kranke Zeiten

Alt werden ist nicht gesund. Jedenfalls nicht in ländlichen Gebieten. Aber auch für viele junge Menschen ist die oft gepriesene dörfliche Idylle heute keine Option mehr. Der Grund dafür ist einfach umrissen: Es fehlt an Infrastruktur. So fährt etwa an Wochenenden kein Bus nach Sehmatal. In Jöhstadt gibt es keinen Lebensmittelmarkt mehr. Das gesundheitliche Versorgungsnetz dünnt Jahr für Jahr weiter aus. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Unter dem Strich ergibt sich eine Gemengelage, die für eine neue Landflucht sorgt, wodurch der Teufelskreis nur noch größer wird.

Doch im Bereich der medizinischen Grundversorgung ist ein Zustand erreicht, der für viele Menschen nicht mehr tolerierbar ist. Sie laufen von Praxis zu Praxis, um einen Termin bei einem Allgemeinmediziner zu bekommen. Aber kaum einer nimmt neue Patienten auf. Nicht, weil er nicht will, sondern nicht mehr kann. Schließlich müssen die noch vorhandenen Hausärzte im Raum Annaberg irgendwie die 8,5 offenen Stellen kompensieren. Das sind ausgehend vom aktuellen Schlüssel mehr als 12.000 Patienten, die quasi in der Luft hängen. Wie soll das gehen?

Um die Situation zu verbessern, braucht es mehr als den Lockstoff Prämienzahlungen. Schnell muss an mehreren Stellschrauben gedreht werden. Eine solche ist der noch immer vorhandene Numerus clausus für ein Medizinstudium. Zudem muss ein Landarzt wieder Arzt sein dürfen und nicht schleichend zum Bürokraten mutieren. Genau deshalb könnten mehr medizinische Versorgungszentren eine gute Lösung sein. Sie entlasten die Ärzte in der Regel von allen kaufmännischen Belangen.

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