Von einer Idee zum lokalen Herzstück

Vor 90 Jahren taten sich die Cranzahler Vereine Gut Heil, Wanderlust und Pfeil zusammen, um ein Haus für den Sport zu bauen. Ortschronist Johannes Ullrich und die 98-jährige Margot Lang erinnern an spannende Episoden der Geschichte des heutigen Turnerheims.

Cranzahl.

Das Turnerheim Cranzahl zählt zu den Gesellschaftsbauten des Erzgebirges, in dessen Mauern eine Vielzahl an kulturpolitischen und sportlichen Ereignissen über das Parkett gegangen sind. Die Einrichtung steht für manches Kapitel regionaler Zeitgeschichte. Nicht allein aus der Tatsache, im Turnerheim einen Abschnitt seines beruflichen Lebens verbracht zu haben, weckt das Objekt beim Chronisten Johannes Ullrich als reizvolles Forschungsthema das Interesse.

"Das Haus besteht jetzt 90 Jahre. Vier Generationen haben, von der Planungsphase beginnend bis heute, für und mit dem Sportdomizil gelebt", so der Cranzahler. Der weiß aus Erzählungen der Zeitzeugen und den Nachforschungen in den Archiven, dass dieses Projekt seinerzeit ein sehr ehrgeiziges Unterfangen der Vorfahren darstellte. "Sowohl in baulicher Größenordnung, der Finanzierung und der Bewirtschaftung liegen schicksalsreiche Jahrzehnte hinter Haus und Betreibern. Dessen offizielle Weihe wurde am 14. September 1929 begangen, wobei älteren Einheimischen auch der Erste Weihnachtsfeiertag 1928 bekannt ist. Doch zu diesem Termin wurde zunächst die Gaststätte eröffnet."

Der 1881 begründete Turnverein "Gut Heil Cranzahl" war zusammen mit dem Radfahrverein "Wanderlust" sowie dem Fußballverein "Pfeil" FC Cranzahl Anfang der 1920er-Jahre der Initiator des Sportlerheimbaus. Ein Vorgängerbau, das Gasthaus Schenke, war niedergebrannt und ein neues Domizil musste für die Leibesübungen gesucht werden. "Um das Vorhaben zu stemmen und gemeinsam davon zu partizipieren, schlossen sich die drei Vereinigungen zu einem Sportkartell zusammen", so Ullrich. Er zeigt ein vom 26. Mai 1924 stammendes Dokument, in dem für den "Neubau Hotel Sportheim" um eine Baugenehmigung ersucht wird. "Die Unterlagen lassen erahnen, dass die Einheimischen mit sehr viel Engagement an die Aufgabe gegangen sind und sehr umtriebig waren, das Geld zu beschaffen." So zählt zu den erhaltenen Schreiben jenes, welches am 7. August 1924 an den Arbeits- und Wohlfahrtsverein Dresden gegangenen ist. Darin bitten die Cranzahler um finanzielle Beihilfen und Unterstützung bei der Betreibung. "Um weiteres Geld einzusammeln, legt das Sportkartell auch unterschiedlich wertvolle Anteilsscheine auf, um die Bevölkerung am Aufbauwerk zu beteiligen", erklärt der 74-Jährige. Im Nachhinein habe sich gezeigt, dass dieses Instrument weniger wirkungsvoll geblieben sei.

Schmunzelnd staunt Ullrich über die Bauherren, die am 31. August 1924 zur Grundsteinlegung eingeladen hatten. "Dabei hatten sie noch gar keine Genehmigung erhalten, die wird schriftlich offiziell erst per Schreiben vom 26. Oktober 1925 erteilt." Die Aktenlage lasse für ihn den Schluss zu, dass der Bau mit manchem Rückschlag verbunden war und die Ideengeber an den Dimensionen schwer zu heben hatten.

Von der Ursprungsidee eines Sporthotels sei man abgerückt, das Projekt bekam den Namen Turnerheim. "Für die obere Etage plante man nun eine Jugendherberge, die jedoch später nicht wie erhofft nachgefragt wurde." Erwähnenswert ist auch, dass der Bau des Turnerheimes mit der Errichtung des Gasthauses Alter Club in Oberwiesenthal einhergeht, wovon auch das Baumaterial berichtet. "Nach fünf Jahren Bauphase wurde mit einem zehn Schaupunkte umfassenden Programm am 14. September von 5.30 Uhr nachmittags an die Eröffnung gefeiert", so Ullrich. Die Tageszeitungen der Region, so die Obererzgebirgische Zeitung, berichteten am 17. September ausführlich über dieses Ereignis. Stolze 200.000 Reichsmark hatten sich die Initiatoren das Vorhaben kosten lassen. Der Saal des Hauses sollte für Jahrzehnte der größte Veranstaltungsraum im Erzgebirge bleiben, bis in DDR-Zeiten gingen hier Großveranstaltungen über die Bühne. Das Sportkartell wurde wieder aufgelöst.

Johannes Ullrich verweist auf die Unterlagen, die nun von der nicht einfachen Bewirtschaftung des Turnerheims berichten. "1935 stehen die Betreiber vor dem wirtschaftlichen Ruin, die Immobilie ist mit 28.000 Mark belastet." 1938 wurde das Turnerheim versteigert, vom Verein zur Förderung von Sportstätten Dresden übernommen. Von der Nutzung als Lazarett während des Zweiten Weltkrieges berichten Fotos, in denen auf den Dachschiefern überdimensional das Zeichen des Roten Kreuzes aufgemalt wurde. Am 1. Dezember 1948 übernahm die Jugendheim GmbH Dresden, Geschäftsstelle Annaberg, die Verantwortung.

Per 1. Januar 1952 schließlich ging das Turnerheim als Volkseigentum in den Besitz der Gemeinde Cranzahl über, die fortan für die Geschicke des Sport- und Kulturhauses verantwortlich war. Acht Jahre davon sollte Johannes Ullrich als Kulturhausleiter tätig sein.

Die Chronisten würden sich über Bildmaterial und Zeitdokumente freuen, die helfen, die Geschichte des Turnerheimes und der Sportbewegung noch weiter aufzuarbeiten.

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