Wald verkommt vielerorts zur billigen Grünschnittdeponie

Gartenabfälle gelten als Müll, auch wenn es sich um Biomaterial handelt. Zahlreiche Waldpflanzen können die Berge an Laub, Hecken- und Rasenschnitt nicht mehr durchdringen und ersticken. Weitaus schlimmer aber ist der Eintrag fremder Pflanzenarten, sagt der Leiter des Forstbezirks Neudorf. Die Suppe muss am Ende der Steuerzahler auslöffeln.

Annaberg-Buchholz.

Es stinkt. Nur wenige Meter abseits der Hauptstraße, an einem Weg, der hinein in den Wald führt, liegt ein modrig-muffiger Geruch in der Luft. Die Ursache ist schnell ausgemacht, sie liegt einem quasi zu Füßen. Es ist ein Berg an Grünschnitt und Gartenabfällen, der illegal verkippt wurde. Der Verrottungsprozess - je nach Alter der Ablagerungen - ist in mehreren Stufen in vollem Gang. Was auf den ersten Blick einfach nur unschön aussieht, stellt ein schwerwiegendes Problem für das Ökosystem Wald dar. Und: Diese eine illegale Ablagerung ist kein Einzelfall.

"Es ist leider so, dass Grünschnitt wieder vermehrt im Wald landet", sagt Matthias Weinrich, Leiter des Forstbezirks Neudorf. Dass das an der Erhöhung der Entsorgungskosten von Grünschnitt auf einem der Wertstoffhöfe liegt, lasse sich vermuten, könne aber nicht bewiesen werden. Die Verursacher jedenfalls zeigten in der Regel keinerlei Unrechtsbewusstsein, da es für sie Biomaterial darstellt, dass verrottet. Genau das aber sei es nicht. Zum einen würden sich in Grünschnittablagerungen auch immer wieder Hausmüll oder Schlachtabfälle finden. Zum anderen würden damit Pflanzen in den Wald eingetragen, die dort nicht hingehören und Probleme bereiteten. Als Beispiel nennt Weinrich den Japanischen Staudenknöterich, der schnell wachse und alles zuwuchere. Auch das Indische Springkraut sei eine solche Problempflanze, sagt Frank Schlupeck, zuständig für das Forstrevier Annaberg.

Typischerweise erfolge die illegale Entsorgung von Grünschnitt bzw. Gartenabfällen freitagnachmittags sowie samstags entlang von Nebenstrecken, weiß Schlupeck. "Die Leute fahren dazu in der Regel nur ein kleines Stück in den Wald hinein. Fühlen sie sich unbeobachtet und nehmen auch kein weiteres Autogeräusch wahr, werden die Eimer oder Müllsäcke, in denen die Abfälle meistens verstaut sind, ausgekippt. Und schon verschwinden sie wieder", so Schlupeck. Um den Verursachern habhaft zu werden, müssen sie auf frischer Tat ertappt werden. "Das gelingt vielleicht einmal im Jahr", sagt Schlupeck, der viel zu viele andere Aufgaben hat, als sich irgendwo im Wald auf die Lauer zu legen. Und selbst wenn er jemanden beim illegalen Entsorgen erwischen sollte, darf er nicht mehr selbst abstrafen. Das ist seit 2008 allein Sache der Unteren Forstbehörde, die beim Landratsamt angesiedelt ist. Bei dieser Behörde müsste Schlupeck Anzeige erstatten - so wie das jeder andere Bürger auch tun kann, der Zeuge einer illegalen Müllentsorgung im Wald wird.

Der Landkreis kommt auch ins Spiel, wenn es um die Entsorgung von Müll aus dem Wald geht, weil er dafür zuständig ist. Mit Müll sind dabei nicht nur Autoreifen oder Kühlschränke gemeint, sondern eben auch Gartenabfälle wie Hecken-, Baum- und Grasschnitt. Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise im gesamten Altkreis Annaberg circa 1,8 Tonnen Grünabfälle sowie 16 Tonnen andere Abfälle durch den Kreis entsorgt, teilt Sprecherin Stefanie John mit. Wobei angemerkt werden müsse, dass eine Beräumung von älterem Grünschnitt, der sich bereits im Zustand der Verrottung befindet, nicht erfolgt, sagt die Landkreissprecherin. Unter dem Strich seien trotzdem Kosten von rund 6700 Euro aufgelaufen. Da laut Stefanie John 2018 niemand auf frischer Tat gestellt werden konnte, habe man auch keinen Verursacher, auf den ein Teil des Geldes hätte umgelegt werden können. Somit kämen alle Steuerzahler für die Müllentsorgung aus dem Wald auf.

Das man niemandem habhaft geworden ist, bedeute nicht, dass es keine Anzeigen gegeben hat, im Gegenteil. 2018 stehen für den Altlandkreis Annaberg sogar 40 Anzeigen wegen illegaler Ablagerungen zu Buche. Sechs davon seien von der unteren Forstbehörde selbst gekommen.

Sollte es gelingen, jemandem eine Müllentsorgung im Wald nachzuweisen, drohen empfindliche Strafen. Diese richten sich laut Stefanie John nach der Art der Ablagerung sowie nach der Menge. So werden etwa für das Wegwerfen einer Zigarettenschachtel oder eines Pappbechers zehn Euro fällig. Das Strafmaß gehe jedoch auch hoch bis zu 25.000 Euro, wenn es zum Beispiel um Bauschutt und Bodenaushub mit schädlichen Verunreinigungen handelt, die illegal im Wald entsorgt werden.


Kommentar: Fußball und grüner Rasen

Never change a winning Team - ändere niemals ein Gewinnerteam. Diesen Spruch hat Sir Alfred Ernest Ramsey geprägt. Und der muss es gewusst haben, hat er doch als Trainer der englischen Fußballnationalmannschaft 1966 den WM-Titel geholt.

Damals ging es nur um Fußball. Dabei steckt in dieser Aussage viel mehr. Im Kern geht es darum, etwas, das funktioniert, das sich bewährt hat, nicht zu ändern. So manchen Zweckverband bzw. die eine oder andere Behörde interessiert das allerdings wenig, mit teils fatalen Folgen. Ein Beispiel ist die Grünschnittentsorgung. Bis 2012 gab es dafür in nahezu jeder Kommune der Altkreise Annaberg und Mittlerer Erzgebirgskreis Sammelplätze. Dorthin konnte man quasi rund um die Uhr und kostenlos seinen Grünschnitt bringen. Das wurde rege genutzt, war doch offenbar der Weg in den nächsten Wald viel zu weit. Dann kam das Aus dieser Plätze. Grünschnitt muss seitdem auf zentrale Wertstoffhöfe, teils kilometerweit vom Heimatort entfernt, gebracht werden. Und die Abgabe dort kostet auch noch Geld, ganz zu schweigen von den für die arbeitende Bevölkerung unmöglichen Öffnungszeiten. Damit ist der Weg in den nächsten Wald für manchen dann doch wieder kürzer und: günstiger. Mit derartigen Entscheidungen kann man sich eben auch ein Eigentor schießen, um in der Sprache der Fußballer zu bleiben.

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