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Funksendeamateur Lothar Hahn in seinem Arbeitszimmer. Die meisten seiner Funkgeräte sind besonders gefertigt, denn der 76-Jährige ist blind. Über eine Sprachfunktion der Tasten kann er Schreibmaschine und Funkapparat trotzdem bedienen.

Foto: Andreas Seidel

Auf der Kurzwelle über den Atlantik

Ein Chemnitzer telegrafiert und funkt seit 40 Jahren, trotz Sehbehinderung. Im Austausch mit Gleichgesinnten gibt es allerdings auch einige Tabuthemen.

Von Nina Monecke
erschienen am 30.11.2017

Zuerst ist nur Rauschen zu hören, dann ein Klicken. Es meldet sich eine Männerstimme: Max aus Italien. "QTH Sardinien", gibt er durch. "Das ist der Funk-Code für den Wohnort", sagt Lothar Hahn, der am anderen Ende der Leitung in Chemnitz sitzt.

Der 76-jährige Hahn ist seit 40Jahren Funksendeamateur. Meist hat er Kontakt zu anderen Funkern aus der Region. Wenn er aber mal nicht schlafen kann, schickt er die Signale auch bis nach Übersee. Die Zeitumstellung kommt ihm gelegen: Wenn es in Chemnitz ein Uhr nachts ist, bricht in den Vereinigten Staaten gerade der Abend an. Dann telegrafiert Hahn allerdings nur mithilfe des Morsealphabets. Das mache weniger Lärm, denn schließlich sollen die Nachbarn nicht von den Funkgeräuschen aufwachen.

Sein Arbeitszimmer im Stadtteil Helbersdorf ist voll ausgestattet: Ein Netzteil, Sender mit Transistor, Tonbandgeräte, eine Schreibmaschine und ein Handyfunkgerät. Vieles davon sind Sonderanfertigungen, denn: Lothar Hahn ist blind. Mit Anfang dreißig erlitt er eine Netzhauterkrankung. Bis dahin hatte der gelernte Handwerker gern fotografiert. Nicht sehen zu können, sei für sein jetziges Hobby aber keine Hürde. So haben zum Beispiel die Tasten der meisten seiner Funkgeräte eine Sprachfunktion. Sein Gehör sei zudem sehr gut: 150 Morsezeichen könne er pro Minute wahrnehmen, sagt Hahn.

Schon als Jugendlicher habe er gern an Radios herumgeschraubt, sagt Hahn. Die stammten noch aus Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. 1975 trat er in Chemnitz einem Ortsverband des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) bei. Dieser hat heute bundesweit über 34.000 Mitglieder. In Chemnitz sind es etwa 100.

Die Zulassungsprüfung zum Funksendeamateur bestand Hahn zwei Jahre später bei der Gesellschaft für Sport und Technik, einer vormilitärischen Organisation der DDR. Viele der Prüfungsabsolventen hätten später für die Nationale Volksarmee (NVA) gearbeitet. Hahn selbst schied dafür durch seine Sehbehinderung aus. Trotzdem erhielt er von der NVA sein erstes Funkgerät. Mittlerweile nimmt die Bundesnetzagentur die Prüfung für Funksendeamateure ab. Erst dann bekommen diese ihr individuelles Rufzeichen.

Englisch ist im Amateurfunk internationaler Standard. Hahn musste sich die Sprache selbst beibringen. "In der Schule haben wir ja nur Russisch gelernt", sagt der 76-Jährige. Mittlerweile könne er problemlos auf Fragen reagieren: Wie er heißt, wie alt er ist, wo er wohnt und welche Technik er beim Funken verwendet. Andere Themen sind auch gar nicht gewünscht. Im DARC-Handbuch steht, worüber Funker nicht sprechen sollen: Politik und Religion. Hahn findet das richtig: "Da eckt man nur an." Verboten sind zudem Geschäfte, rassistische Bemerkungen oder anstößiger Humor.

Von neuerer Technik hält der 76-Jährige nicht viel. Er besitzt weder einen Internetanschluss noch einen Computer. "Wenn der Monitor Error anzeigt, bekomme ich das doch gar nicht mit", sagt Hahn. Beim Funken könne er eventuelle technische Probleme selbst lösen. Ein weiterer Grund, warum er gerne funkt: "Manchmal sind Leute gehemmt, wenn sie mich persönlich kennenlernen", sagt Hahn. "Beim Funken weiß ja keiner, dass ich blind bin."

Das löst sich erst auf, wenn Lothar Hahn seine persönlich gestalteten Funkkarten verschickt, eine Art Visitenkarte. Darauf findet sich neben seinem Rufzeichen der Verweis "White Sticker" - das englische Wort für Blindenstock. Die Karten werden gesammelt und vom DARC-Ortsverband in die ganze Welt verschickt. Hahn hat selbst stapelweise davon: Funker-Post aus Taiwan, Tobago oder Israel.

Auf seiner Karte ist ein Hahn mit Kopfhörern und Mikrofon abgebildet. Ein Scherz zu seinem Nachnamen, den er gern macht. Die Karte endet mit der Zahl 73. Der Funk-Code für "Viele Grüße".

 
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